Donnerstag, 27. Dezember 2007

Wer will schon einen Weihnachtsmann?



Herausgeberin: Ingeborg Mues
Original: Wer will schon einen Weihnachtsmann (2001)
meine Bewertung: 4 von 5

Ingeborg Mues hat in diesem Band die garstigsten Geschichten zum Weihnachtsfest verschiedener Autorinnen gesammelt. Unter ihnen sind bekannte und unbekannte Autorinnen und so verschieden die sind, so verschieden sind auch die gesammelten Geschichten. Garstig sind sie allerdings alle. Wenn man genug von dauergrinsenden und dauer-hohoenden Kaufhausweihnachtsmännern hat, die Plätzchen nicht mehr sehen kann und sich ständig fragt, warum man sich doch gleich noch mal im August auf die stressigste Zeit im Jahr gefreut hat, dann sollte man zu diesem Buch greifen.

  • Taschenbuch: 319 Seiten
  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 8., Aufl. (November 2001)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596151910
  • Montag, 17. Dezember 2007

    Rätsel um die alte Villa

    Autor: Stefan Wolf
    Original: Rätsel um die alte Villa
    meine Bewertung: 3 von 5
    Die Eltern von Karl Vierstein, einem der Mitglieder der berühmten TKKG-Bande, haben eine kleine Erbschaft gemacht und sich mit dem Geld eine Villa gekauft. Just an dem Tag, an dem sich die restlichen Mitglieder der Bande, nämlich der sportliche Peter, auch Tarzan genannt, der verfressene und dickliche Willi Sauerlich, auch Klößchen genannt, und die hübsche Gaby die Neuerwerbung der Viersteins ansehen wollen, bemerken sie etwas Seltsames. Scheinbar befindet sich außer ihnen noch jemand in der Villa. Gerade als die wackeren Jugendlichen nachsehen wollen, fliehen die Einbrecher. Teile der Villa sind verwüstet, die Tapete ist an manchen Stellen abgepellt worden und auch sonst scheinen die Einbrecher irgendetwas in der Wand gesucht zu haben.

    Natürlich macht die Bandenmitglieder das neugierig und sie beschließen, dem Rätsel der alten Villa auf die Spur zu kommen. Interessant wird die Sache, als auch noch ein Geisterfahrerpärchen ins Spiel kommt und die Jugendlichen erfahren, dass in der Villa der Viersteins früher einmal ein bekannter Einbrecher-König gewohnt hat. Zum Glück geht am Ende wieder alles gut aus, vor allem für Tarzan.

    Die Bücher von Stefan Wolf zeichnen sich vor allem durch eines aus: unmissverständliche Diskriminierung von Mädchen, die zwischenzeitlich schon mal als „Weiber“ bezeichnet werden und sowieso immer daheim bleiben müssen, wenns spannend wird und durch schlüpfrige Formulierungen (wie an anderer Stelle schon näher erläutert). Auch wenn man keine Kampfemanze ist, stört es einen schon, dass Gaby bei den richtig tollen Sachen nicht mitmachen darf, weil es draußen schon dunkel ist/es zu gefährlich ist etc. pp.

    Dennoch sind die Fälle der Jungdetektive spannend (für die Zielgruppe halt) und ganz nett zu lesen. Als Erwachsenen stößt man sich vielleicht am etwas zu hoch erhobenen moralischen Zeigefinger des Autors, der fast auf jeder Seite irgendwo zutage tritt, aber was solls. Großteils harmlos und ganz nett.


  • Broschiert: 185 Seiten
  • Verlag: Omnibus Tb Bei Bertelsmann (November 2005)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3570215776
  • Sonntag, 16. Dezember 2007

    Das fliegende Klassenzimmer


    Autor: Erich Kästner
    Original: Das fliegende Klassenzimmer (1933)
    meine Bewertung: 5 von 5
    Im Prinzip werden in diesem Weihnachtsroman drei Geschichten in der Geschichte erzählt. Zuerst einmal tritt der Autor Kästner im Vorwort und im Nachwort des Buches in Erscheinung. Im Vorwort erzählt er von der Entstehungsgeschichte des Buches, die im Sommer spielt. Von seiner Unterkunft, der Kuh, die ihn jeden Abend von der Weide abholt, auf der er mit einem grünen Bleistift seine Geschichte aufschreibt.

    Die Geschichte, die er aufschreibt, handelt von fünf Jungen in einem Internat. Die Charaktere könnten unterschiedlicher gar nicht sein. Zum einen ist da Martin Thaler, der Klassenprimus. Er ist fair und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Die diesjährigen Weihnachtsferien muss er im Internat verbringen, weil seine Eltern arm sind und nicht genug Geld für die Fahrkarte haben. Jonathan Trotz ist Waise und sehr verschwiegen. Auch er verbringt Weihnachten im Internat. Matthias Selbmann möchte einmal Boxer werden. Er ist stark und liebenswertig, setzt sich auch für Schwächere ein, beispielsweise für den kleinen Ulrich von Simmern. Dieser ist alles andere als mutig. Der letzte in der Runde ist Sebastian Frank, der Weihnachten gegenüber sehr skeptisch ist.

    Die Geschichte teilt sich in verschiedene Handlungsstränge auf, es gibt keinen Hauptstrang.Traditionellerweise sind die Internatsschüler mit den Realschülern der Stadt verkracht, warum, das weiß eigentlich niemand mehr so genau. Sicher ist jedenfalls, dass der Streit schon lange währt und es eigentlich schon immer so gewesen ist. Eines Tages klauen die Realschüler die Diktathefte der Internatsschüler. Diese wissen nicht, was sie nun tun sollen, also gehen sie zum Nichtraucher. Der Nichtraucher ist ein Erwachsener, der in einem alten Eisenbahnabteil in der Nähe der Schule wohnt und ein guter Freund der Internatsschüler ist. Der Nichtraucher rät ihnen zu einer Schneeballschlacht, die natürlich auch prompt angezettelt und von den Internatsschülern gewonnen wird. Dies ist wohl die bekannteste Szene aus dem Buch, nämlich weil man sich an sie durch die diversen Filme so gut erinnern kann.

    Weiter Handlungsstränge erzählen von der Wiederzusammenführung von ihrem geschätzten Klassenlehrer Dr. Bökh mit dessen Studienfreund, dem Nichtraucher, von der Probe und der Aufführung des Theaterstücks „Das fliegende Klassenzimmer“ und wie Martin Thaler doch noch über die Weihnachtsfeiertage nach Hause fahren kann und davon, wie sich der kleine Ulrich von Simmern doch noch Respekt verschafft. Liest man „Das fliegende Klassenzimmer“ als Kinderbuch, so ist es vor allem eines: lustig und spannend erzählt, eine Jungensgeschichte aus vergangenen Zeiten. Liest man es jedoch als Erwachsener, der ein wenig um die Geschichte Erich Kästners Bescheid weiß, wird einem erst klar, wieso das Buch im Nationalsozialismus indiziert wurde. Kästner äußert mehr als nur subtile Regimekritik mit diesem Werk. Zum einen ist da diese Feindschaft, die in einem Krieg gipfelt, von der niemand mehr weiß, wie sie zustande gekommen ist, weil es halt „schon immer so“ war. Außerdem müssen die Internatsschüler den Satz „an jedem Unfug, der passiert, sind nicht nur die Schuld, die ihn begehen, sondern auch die, die ihn nicht verhindern“ schreiben. Deutlicher geht’s kaum. Neben Mut, Zivilcourage und Familie werden Werte wie Freundschaft und Ehrlichkeit groß geschrieben.

    „Das fliegende Klassenzimmer“ ist eine großartige Geschichte für Kinder und mittlerweile auch zum Klassiker avanciert. Für Erwachsene ist es sehr interessant, sie auf eben genannte Aspekte zu lesen. Uneingeschränkt empfehlenswert.

  • Gebundene Ausgabe: 173 Seiten
  • Verlag: Dressler Verlag; Auflage: 162., Aufl. (2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3791530151
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    Berts romantische Katastrophen

    Autor: Jacobsson, Anders/Olsson, Sören
    Original: Berts vidare betraktelsen (1990)
    meine Bewertung: 5 von 5

    Dieser Band spielt zwischen der sechsten und siebten Klasse, der Hauptdarsteller ist Bert Ljung. Mittlerweile ist Bert 13 Jahre alt und wie in allen Bert-Bänden hat er nur eines im Kopf: Mädchen, die von ihm fachkundig und liebevoll einfach als „Weiber“ bezeichnet werden. Er kann sich nicht so richtig entscheiden, ob er nun Anki, Paulina oder doch Nadja toll findet, deshalb findet er einfach alle drei super. Seine feuchten Träume handeln davon, eine der drei oder alle zusammen ordentlich zu küssen und vielleicht mehr. Mit einem unvergleichlichen Humor und einer großen Portion Situationskomik schildert Bert also seinem Tagebuch seien Erlebnisse. Politisch herrlich unkorrekt, einfach lustig und dennoch ziemlich harmlos – das sind die Bertbücher so wie man sie kennt und einfach lieben muss. Natürlich für Erwachsene ein toller Lesespaß, für Kinder wahrscheinlich eher nicht geeignet, aber genau das, was ein Teenager Tag für Tag erlebt, daher auch für diese Zielgruppe zu empfehlen. Nicht unerwähnt sollten auch die witzigen Illustrationen von Sonja Härdin bleiben.


  • Gebundene Ausgabe: 153 Seiten
  • Verlag: Oetinger Verlag; Auflage: 10., Aufl. (August 1993)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3789139041

  • Sonntag, 9. Dezember 2007

    Welpen richtig erziehen

    Autor: Uli Köppel
    Original: Welpen richtig erziehen (2005)
    meine Bewertung: 0 von 5
    Mittlerweile habe ich eine recht ansehnliche Sammlung an Welpenratgebern um mich gehortet, gelesen und auch versucht, die gegebenen Ratschläge in die Praxis umzusetzten. Natürlich ist ein Hund keine Maschine, für dessen Erziehung bzw „Programmierung“ es einen Plan gibt. Darin waren sich bisher auch alle Ratgeber einig – dieser allerdings nicht.

    Konsequent werden die Werke anderer, international anerkannter, Hundeexperten kritisiert, herabgewürdigt und abgetan, die Verfasser anderer Bücher sowieso nur als „Hundeexperten“ oder selbsternannte „Hundeexperten“ bezeichnet – natürlich dürfen die Anführungszeichen dabei nicht fehlen. Dadurch gelingt dem Autor dieses Werkes allerdings nur eines: Eine komplette Abneigung gegen ihn beim Leser hervorzurufen.

    Als Zwergpinscher-Besitzerin stößt mir natürlich auch auf, dass der Autor nicht gründlich genug recherchiert hat und gerade den Zwergpinscher als Beispiel dafür gewählt hat, welche Hunde keine ausdauernden Jogger bzw. Spazierengeher sind. Er gibt die Belastungsgrenze der kleinen Teufelskerlchen mit 5 km an – womit er – Zwergpinscherbesitzer und Kenner der Rasse werden das wissen – meilenweit daneben liegt. Soviel zu diesem kleinen Faux Pas, der ja an sich das Buch nicht so schlecht machen würde, wie es schließlich geworden ist.

    Köppel ist Anhänger der Technik des Kehlkopfgriffes zur Unterwerfung bzw. Zurechtweisung. Es mag schon sein, dass Wölfe in der freien Wildbahn oder eben auch wild lebende Hunde, das so handhaben, die haben aber auch die richtigen Instinkte und Techniken dafür. Doch was sagt dem Menschen, wie er es richtig macht? Wenn man diesen Griff tatsächlich anwenden möchte, dann sollte man auf jeden Fall vorher mit einem erfahrenen Hundetrainer darüber sprechen und sich zeigen lassen, wie mans richtig macht. Auf keinen Fall jedoch sollte man solche Dinge aus einem Buch unkritisch übernehmen. Denn wie gesagt: Jeder Hund ist anders, für Welpen gibt es nun mal keine Gebrauchsanweisung.

    Ein weiteres kleines Detail (aus vielen), das einem komisch vorkommen sollte: Köppel empfiehlt tatsächlich, alte Tennisbälle als Spielzeug zu verwenden. Natürlich sind sich nicht alle Hunderatgeber über alles einig – darüber aber schon: Tennisbälle sind kein geeignetes Spielzeug für Hunde. Der Filz aus Glasfaser zerstört die empfindlichen Welpenzähnchen und ist keineswegs zur Verdauung gedacht.

    Zu guter letzt ist es noch der Ton, mit dem der Autor den Leser anspricht, der absoluten Widerwillen beim Lesen erzeugt. Er möchte locker und flapsig, irgendwie lustig sein. Ist er aber nicht. Er ist nur anbiedernd. Wie man es richtig macht, zeigen die Bücher von Katharina von der Leyen. Sie ist eine wirklich anerkannte Hundeexpertin und es macht einfach Spaß, ihre Bücher zu lesen. Sie macht dem Leser kein schlechtes Gewissen, nur weil er beschlossen hat, sein Leben mit einem Hund zu teilen. Von der Leyen gibt praktikable Ratschläge und man spürt ihre Liebe zu Hunden hinter jeder Zeile. Ich denke, es ist klar geworden, was ich sagen möchte: Es gibt weit, weit, weit, weit Besseres im Bereich der Hunderatgeber.

  • Taschenbuch: 95 Seiten
  • Verlag: Blv Buchverlag; Auflage: 1 (September 2005)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3405168538
  • ISBN-13: 978-3405168537
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    Freitag, 7. Dezember 2007

    Leise rieselt der Schnee

    Hrsg.: Klönne, Gisa
    Original: Leise rieselt der Schnee (2005)
    meine Bewertung: 5 von 5
    Gisa Klönne hat in diesem Buch 24 Mordsgeschichten rund um Weihnachten gesammelt. Diese stammen von 24 deutschen bzw. österreichischen Autorinnen und sind garantiert nichts für schwache Nerven. Wer dringend Abwechslung zu fröhlichem Glockengebimmle, White Christmas aus allen Supermarktlautsprechern und Weihnachtsbäckerei hat oder genervt vom Vorweihnachtsstress ist, sollte sich die Zeit nehmen und sich die Geschichten in diesem Buch auf der Zunge zergehen lassen.

    Und wenn man doch auf Weihnachtskitsch steht, so bieten die Geschichten einen guten Ausgleich dazu. Da es außerdem genau 24 sind, kann man sie auch ideal als Adventskalender nutzen und jeden Tag eine der Geschichten lesen. Spannend erzählt, auf jeden Fall lesenswert! Die Autorinnen sind Meister ihres Handwerks!

  • Broschiert: 272 Seiten
  • Verlag: Ullstein Tb; Auflage: 1 (November 2005)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3548257879
  • ISBN-13: 978-3548257877
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    Dienstag, 4. Dezember 2007

    Angst in der 9a

    Autor: Stefan Wolf
    Original: Angst in der 9a (1980)
    meine Bewertung: 2 von 5
    Irgendetwas stimmt nicht mit der 9a, der Nachbarklasse von Tarzan, Karl, Klößchen und Gaby. Sie sind extrem gehässig gegenüber der Professorin Müller-Borello, der nettesten und fairsten Lehrerin der ganzen Schule. Anfangs vermuten die Mitglieder der TKKG-Bande nur, wer dahinter stecken könnte, und prompt liegen sie richtig. Die beiden Schulrüpel, natürlich beide schon mindestens einmal sitzen geblieben, sind die Rädelsführer des Lehrer-Mobbings. Der Rest der Klasse beteiligt sich aus Angst. Hinter die Gründe kommen Tarzan, Karl, Klößchen und Gaby nur zufällig, da Klößchen bei der Müller-Borello Nachhilfe in Englisch nimmt.

    Die Geschichten rund um die Bande sind immer wieder gleich aufgebaut, was aber dem Lesespaß für Kinder keinen Abbruch tut. Als Erwachsener stolpert man oft über viele, viele Klischees und (wie schon mehrmals an dieser Stelle erwähnt) den allzu hoch erhobenen Zeigefinger. Die moralischen Botschaften hinter den Geschichten wirken schon fast lächerlich, wie zielführend sie sind, bleibt auch fraglich. Sicher ist nur: TKKG ist die Bande, bei der man immer mitmachen wollte und ab und an nette Unterhaltung für Zwischendurch.


  • Broschiert: 185 Seiten
  • Verlag: Omnibus Tb Bei Bertelsmann (November 2005)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3570215768
  • ISBN-13: 978-3570215760
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    Sonntag, 2. Dezember 2007

    Allerseelen

    Autor: Cees Nooteboom
    Original: Allerzielen (1999)
    meine Bewertung: 3 von 5
    Der Niederländer Arthur Daane ist in Berlin. Er streift durch die Großstadt, die ihm nicht unbekannt ist, trifft sich mit Freunden und versucht, über den Tod seines Sohnes Thomas und seiner Frau Roelfje hinweg zu kommen, die bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Er hat ständig seine Filmkamera dabei um das einzufangen, was er „Hintergrund“ nennt.

    Als gefragter Filmemacher hat er einen Blick für Bilder, dementsprechend denkt er auch Großteils in Bildern, sieht sich selbst beispielsweise die Straße hinunter gehen oder in Zeitlupe, wie er zusammengeschlagen wird. Über den Tod seiner Familie, der nun doch schon einige Zeit zurück legt, spricht er wenig. Immer wieder filmt er jene „Hintergrundszenen“ – den Hintergrund des Alltags vieler Menschen, Dinge, die man nicht wahrnimmt, weil sie eben immer da sind. Beispielsweise der Baum vor dem Hochhaus, an dem soviele vorbeigehen, den aber niemand wirklich ansieht.

    In Berlin lernt er dann Elik Oranje kennen, eine ungewöhnliche Frau, die eine Doktorarbeit über eine spanische König schreibt und immer wieder wie ein Blitzlicht oder kurzes Intermezzo in seinem Leben auftaucht. Es entwickelt sich eine etwas seltsame Situation zwischen den beiden, die darin gipfelt, dass Arthur ihr nach Spanien nachreist.

    Schon wenn man versucht, eine Inhaltsangabe über das Buch zu schrieben, wird einem klar, wie wenig in Wirklichkeit in diesem 380-Seiten Buch passiert. Dennoch kann man sich darin wundervoll verlieren, die Beschreibungen des verschneiten Berlins sind so anschaulich, dass man den Schnee unter den Schuhen knirschen hört. Ein Buch, das man wenn, dann im Winter lesen sollte, für das man die Bereitschaft aufbringen sollte, sich darin zu verlieren, ansonsten wird man nicht viel damit anfangen können.


  • Gebundene Ausgabe: 436 Seiten
  • Verlag: Süddeutsche Zeitung / Bibliothek; Auflage: 1 (30. Oktober 2004)
  • ISBN-10: 3937793348
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    Samstag, 17. November 2007

    Zielwasser



    Autor: Kurt Vonnegut
    Original: Deadeye Dick (1982)
    meine Bewertung: 5 von 5

    Bereits mit 12 Jahren ist Rudy Waltz zum Mörder geworden. Eigentlich zum Doppelmörder. Dabei führte er bis dahin ein ganz normales Leben. Naja, relativ normal, denn sowohl seine Mutter als auch sein Vater sind etwas durch den Wind. Sein Vater verbrachte in seinen jungen Jahren einige Zeit in Wien, er versuchte sich dort als Künstler und gab sich ganz dem dekadenten Leben des Wiener Bürgertums hin. Wie es der Zufall so will, lernt er dort auch den jungen Adolf Hitler kennen und freundet sich mit ihm an.

    Als er wieder in Ohio zurück ist, erzählt er den Menschen von Hitlers visionärem Gesellschaftssystem, er tut weiterhin so, als ob er ein Künstler wäre, lässt sich ein ungewöhnliches Atelier bauen und ist seinen beiden Söhnen alles andere, als ein gutes Vorbild. Die Mutter existiert einfach nur, die Kinder haben den meisten Kontakt mit den Dienstboten der Familie.

    Als er den Schlüssel zur Waffenkammer seines Vaters ausgehändigt bekommt, ist Rudy natürlich mächtig stolz. Denn obwohl er erst 12 Jahre alt ist, waren er und sein Bruder schon oft mit ihrem Vater schießen. Die meisten Gewehre könnten sie wahrscheinlich blind auseinander nehmen, reinigen und wieder zusammensetzen. Am Muttertag klettert Rudy in einen Baum, träumt vor sich hin und liebkost sein Gewehr. Er drückt ab, zielt eigentlich nirgendwohin und will einfach nur den Tag genießen. Blöd nur, dass er weit entfernt doch etwas getroffen hat: die schwangere Mrs. Metzger. Und genau zwischen die Augen.

    Natürlich werden Vater und Sohn in Polizeigewahrsam genommen, schließlich erledigt sich die Sache aber, indem die Walz‘ Schadenersatz zahlen müssen. Dadurch verarmt die Familie, Rudy wird später Apotheker, sein älterer Bruder versucht in New York sein Glück. Doch beide merken schnell, wie sehr das Ereignis von damals ihrer beider Leben verändert und beeinflusst hat. Rudy wird zu einem Geschlechtslosen, er sieht sich selbst als völlig asexuellen Menschen und bleibt so auch für die meisten unsichtbar.

    Und eines Tages wird so ganz nebenbei auch noch die Heimatstatt der beiden zufällig von einer Neutronenbombe von jedem Leben befreit, während alles andere nicht mal einen Kratzer abbekommt.

    Kurt Vonneguts „Zielwasser“ ist ein tragisch-komischer Roman, das Leben eines völlig verwirrten und glücklosen Kindes, erzählt aus der Sicht dieses Erwachsenen, dessen Geschichte schon mit zwölf Jahren für ihn vorbei war, während der Rest nur Epilog ist. Natürlich ist Vonneguts Erzählweise etwas, woran man sich erst gewöhnen muss, wo man erst hineinfinden muss. Ist man aber erst mal drin, kommt man da so schnell nicht wieder raus!

  • Broschiert
  • Verlag: Goldmann Wilhelm GmbH (1987)
  • ISBN-10: 3442086337
  • ISBN-13: 978-3442086337
  • Freitag, 9. November 2007

    Spirale des Schweigens



    Hrsg: Duchkowitsch, Wolfgang et. al.
    Original: Die Spirale des Schweigens (2004)
    meine Bewertung: 3 von 5

    Wolfgang Duchkowitsch, Fritz Hausjell und Bernd Semrad vom Wiener Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft haben in diesem Band Aufsätze namhafter Wissenschafter gesammelt, die sich mit den „braunen Flecken“ in der Vergangenheit des Faches und deren Vertreter beschäftigen.

    In Anlehnung an Elisabeth Noelle-Neumanns Theorie der „Schweigespirale“ zeigt der Band, wie der Mantel des Schweigens jahrelang über die inhaltlichen und personellen Kontinuitäten der Publizistik und Kommunikationswissenschaft gebreitet wurde. Einer Disziplin, die ihre Ursprünge ja eigentlich auch der Instrumentalisierung als Propagandainstrument zu verdanken hat. Gerade durch dieses Schweigen wurde verhindert, dass das Fach eine Modernisierung erfährt und geflohene Vertreter wieder reimmigrieren können.

    Das Buch identifiziert Mitläufer, Opportunisten, Wegbereiter und Vordenker eines Faches, das während der NS-Zeit zur Führungs- und Kriegswissenschaft degradiert wurde und sich jetzt einer immer weiter steigenden Zahl an Studenten erfreut. Leider ist die Schrift absolut leserunfreundlich und es kommen sehr viele Redundanzen vor. Ein Buch bzw. Projekt wie dieses ist auf jeden Fall wichtig und unterstützenswert, meiner Meinung nach werden aber zu viele Kenntnisse über personelle Besetzungen der verschiedensten Institute vorausgesetzt, denn nicht einmal für mich als Studentin der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft im doch schon fortgeschrittenen Semester war ohne googlen zwischendurch alles klar. Dennoch: empfehlenswert für Publizistikstudenten, sowieso ein Must für die Wiener Studenten.

  • Broschiert: 280 Seiten
  • Verlag: Lit-Verlag; Auflage: 1 (2004)
  • ISBN-10: 3825872785
  • ISBN-13: 978-3825872786
  • Dienstag, 6. November 2007

    Schneewittchen-Party



    Autorin: Christie Agatha
    Original: The Hallow'een Party (1969)
    meine Bewertung: 4 von 5

    Bei einem Halloween-Fest im Haus von Rowena Drake passiert etwas Schreckliches: Joyce, ein etwa 13-jähriges Mädchen, wurde in dem Kübel, in dem nach Äpfeln geschnappt wurde, ermordet, jemand hat sie ertränkt. Obwohl viele Gäste bei dem Fest anwesend waren, hat doch niemand etwas Verdächtiges gesehen. Zufälligerweise war auch Mrs Oliver, die Krimiautorin. Natürlich ist ihr Spürsinn geweckt. Doch alleine kommt sie nicht recht weiter, darum besucht sie ihren alten Freund Hercule Poirot in London und bittet ihn, nach Woodleigh Common zu kommen, um ihr bei dem Fall zu helfen.

    Auch die Neugierde des Belgiers ist geweckt. Er beginnt, sich in dem kleinen Dorf umzuhören und sich mit dem Dorfklatsch vertraut zu machen. Schon bald stößt er auf die dunkle Vergangenheit des Dorfes. Schon vor einigen Jahren wurden Morde verübt, die eventuell mit dem aktuellen Mord an einem unschuldigen 13-jährigen Mädchen zusammenhängen. Joyce hatte keine Freunde und war als notorische Lügnerin bekannt. Deshalb hat ihr auch niemand so recht geglaubt, als sie kurz vor ihrem Tod erzählte, einen Mord beobachtet zu haben. Doch irgendjemand hat sich bedroht gefühlt. Genauso wie von ihrem kleinen Bruder, der wenig später auch ertränkt wird.

    Nicht umsonst ist Agatha Christie als „Queen of Crime“ bekannt. Auch diese Geschichte ist spannend, leider kann sich der mehr oder weniger geübte Krimileser schon ziemlich bald ein Bild von der Geschichte machen. Trotzdem werden einem die verzwickteren Zusammenhänge erst am Ende klar, wodurch es sich durchaus lohnt, das Buch zu Ende zu lesen. Es gibt Spannenderes von Christie, schlecht ist aber auch „Schneewittchen Party“ nicht. Durchaus geeignet für eine Lesenacht vor Allerheiligen.

  • Broschiert: 218 Seiten
  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 1 (Juni 2005)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596169518
  • ISBN-13: 978-3596169511
  • Sonntag, 4. November 2007

    Meine bösesten Gruselstunden



    Hrsg: Alfred Hitchock
    Original: Tales to send Chills down your Spine (1979)
    meine Bewertung: 1 von 5

    In diesem Buch hat Alfred Hitchcock angeblich „Tales that send chills down your spine“ gesammelt – leider ist ihm das in keiner Art und Weise geglückt. Einige der Geschichten sind zwar spannend und steuern auch auf einen Höhepunkt hin, doch leider kommt spätestens am Ende jeder Geschichte der tiefe Fall. Von Grusel weit und breit keine Spur. Doch zum Inhalt:

    Ein Mann läuft davon – Bill Pronzini
    In einem Lokal in der Wüste tauchen zwei Männer auf, die die beiden Mitarbeiter des Lokals und den einzigen Gast als Geiseln nehmen. Sie warten auf einen anderen, den sie erschießen wollen, sobald er das Lokal betritt. Zum Glück entdeckt der als Geisel genommene Gast den Revolver des Wirts.

    Alter spanischer Wein – Borden Deal
    Der 60-jährige Richter wurde vor kurzem nach zehn Jahren Ehe von seiner (viel jüngeren) Frau verlassen. Sie kehrt ein letzes Mal heim, um ihre Sachen zu holen. Mitgebracht hat sie ihren (noch viel jüngeren) Liebhaber. Während die Frau im Obergeschoß ihre Sachen packt, trinken der Richter und der Liebhaber die Flasche Wein, die eigentlich für die Silberhochzeit reserviert gewesen wäre. Der Wein ist ausgezeichnet, doch der Richter hat seine .38er griffbereit…

    Der Voyeur – Henry Slesar
    Ausgerechnet in der Nobelabteilung des Kaufhauses häufen sich in letzter Zeit die Ladendiebstähle. Der Geschäftsführer lässt also in allen Kabinen Einwegspiegel montieren und beauftragt den Kaufhausdetektiv, den Damen beim Umziehen zuzusehen und so die Diebin zu entlarven. Es dauert auch nicht lang, bis er sie entdeckt, doch leider verliebt er sich in sie…

    Mörderisches Zwischenspiel – Paul Tabori
    Weil seine Maschine Verspätung hat, treibt sich Venture am Flughafen herum. Zufällig stößt er auf eine Art Pressekonferenz mit Buffett und Sekt. Er gesellt sich zu den Gästen, von denen er einige sogar kennt. Eigentlich wäre es ja ein ganz netter Empfang, blöd nur, dass der Hauptredner ausgerechnet in seiner Rede tot zusammen bricht. Venture untersucht die Leiche und hat schon bald einen Verdacht.

    Die gläserne Brücke – Robert Arthur
    Seit die junge Frau das Haus von Hillyer betreten hat, ist sie spurlos verschwunden. Das Haus liegt auf einer Anhöhe, es ist Winter. Es gibt Zeugen, die Marianne Montrose gesehen haben, als sie eintrat, aber niemand hat sie zurück kommen sehen. Die Spuren im Schnee führen zum Haus, es gibt keine Spuren, die wieder zurück führen. Alle Ermittlungen der Polizei bleiben ergebnislos. Erst viel später kommen einige Freunde auf die Spur des Mörders.

    Flucht ohne Ausweg – Evans Harrington
    Zwei Häftlinge beschließen, aus dem Gefängnis auszubrechen. Der junge Dunham, der im Affekt den Vater seiner Geliebten totgeschlagen hat, ist eigentlich nicht besonders begeistert, da er zwar Boxer ist, allerdings Gewalt, die zu weit geht, strikt ablehnt. Er ist also entsetzt, als sein Mithäftling während ihres Ausbruchs eine Spur aus Gewalt und Blut hinterlässt. Die beiden entführen den Aufseher in seinem Wagen und versuchen, damit zu fliehen. Als Mann, Dunhams Mitausbrecher, plötzlich fast durchdreht und auch auf Dunham losgeht, erhält dieser Hilfe von ungeahnter Seite.

    Junger Mann in fremdem Haus – Donald Martin
    Die ältliche Dame erwischt einen Postdieb auf frischer Tat. Als der junge Mann erschrocken fliehen will, stolpert er und verletzt sich am Knöchel. Die Dame nimmt ihn erstmal mit in ihre Wohnung, wo sie ihm heißes Wasser gibt. Der junge Mann überredet sie, ihn laufen zu lassen. Die Dame steigt darauf ein. Als sie kurz das Zimmer verlässt, nutzt der Dieb die Chance und steckt einige Schmuckstücke ein. Er flieht hinkend und läuft schon kurz darauf der Polizei in die Hände. Diese findet den Schmuck, der vor längerer Zeit aus einem ziemlich betuchten Haus verschwunden waren – in dem der junge Mann noch nie in seinem Leben war.

    Verbrechen ist erblich – Glenn Andrews
    Die junge Ann Griffith leidet sehr unter ihrem Vater. Dieser war in einen Mordprozess verwickelt, als sie gerade acht Jahre alt war. Der Fall hatte damals bundesweit Schlagzeilen gemacht. Ann floh zu ihren entfernt lebenden Verwandten. Als sie nun aufs College kommt, lebt sie immer noch in ständiger Angst. Sie möchte auf keinen Fall, dass jemand von ihrem Vater erfährt. Außerdem hat sie sich mit der Vererbungslehre beschäftigt und ist sich sicher, dass auch sie eines Tages einen Mord begehen wird.

    Gangsterurlaub – Jean Garris
    Diese wirklich spannende und gute Geschichte erzählt vom perfekten Mord. Der Mörder hat einen tollen Plan ausgeheckt, der auch aufgeht. Das Opfer ist ein Gangsterboss, dem die Justiz nichts anhaben konnte und die Welt ist zweifellos ohne ihn besser dran. Das wohl einzige Highlight in dieser Geschichtensammlung.


  • Broschiert
  • Verlag: Scherz, Mchn. (1983)
  • ISBN-10: 350250900X
  • ISBN-13: 978-3502509004
  • Donnerstag, 1. November 2007

    Die Begnadigung



    Autor: John Grisham
    Original: The Broker (2005)
    meine Bewertung: 2 von 5

    Kurz bevor Präsident Morgan sein Amt verlässt, begnadigt er noch Joel Backman, einen Wirtschaftskriminellen, der zu 14 Jahren Haft verurteilt worden war. Acht Jahre früher als erwartet, wird Backman aus seiner Zelle geholt. Er unterschreibt die Entlassungspapiere und wird vom CIA auf sehr diskrete Weise nach Italien geschafft. Natürlich alles zu seinem Schutz, wie ihm die Beamten immer wieder einreden.

    Aus Joel Backman wird Marco Lazzeri, der natürlich kein Wort Italienisch spricht und mit seiner amerikanischen und daher unmodischen Kleidung überall in Italien auffällt. Man lässt ihm eine Typveränderung angedeihen und stellt ihm Ermanno, einen jungen Studenten, und Signora Ferro an die Seite, die mit ihm Italienisch pauken. Seine Freizeit verbringt Marco mit Luigi, einem CIA Agenten. Schon bald merkt Marco, dass etwas faul sein muss. Er bekommt immer wieder neue Wohnungen zugewiesen und fühlt sich beobachtet. Er besorgt sich ein Mobiltelefon und beginnt, Pläne für seine Flucht zu schmieden. Längst ist er nämlich den Plänen der CIA auf die Schliche gekommen: Backman kam zu unermesslichen Reichtum, weil er eine Software für einen Supersatelliten verschiedenen Mächten zum Kauf anbot. Indem sie Backman zur Jagd freigeben, erhoffen sich die amerikanischen Geheimdienste einen Hinweis darauf, welchem Land dieser Supersatellit gehört. Marco flieht bald schon vor den Russen, den Chinesen, den Saudis und seinen eigenen Landsmännern. Wie eine Hasenjagd schlägt er Haken quer durch Europa, bis er schließlich wieder in Washington ankommt.

    Dieser Grisham ist nicht besonders leicht einzuschätzen. Es handelt sich nicht so konsequent um eine Erzählung wie beispielsweise „Der Richter“ oder „Die Farm“, weil doch Spannungselemente vorkommen, allerdings ist es auch bei Weitem kein Thriller. Dafür ist die Geschichte zu ereignislos. Außer Joel/Marco, den man schon nach den ersten paar Seiten wirklich sympathisch finden kann, bleiben alle Charaktere sehr flach. Man hat oft das Gefühl, eher in einem Italien- bzw. Bologna-Führer gelandet zu sein, denn in einem Roman. Leider versäumt es Grisham während des ganzen Buches eine Erklärung zu liefern, warum der Protagonist ausgerechnet nach Italien verpflanzt wurde – in ein Land, dessen Sprache er nicht ansatzweise beherrscht. Wie sich auch die Romanfigur des Öfteren wundert, wäre es doch logischer gewesen, ihn in ein englischsprachiges Land, beispielsweise Australien, England oder Kanada, zu verfrachten. Die Erklärung für diese Wahl gibt Grisham dem Leser erst im Nachwort – Joel/Marco bleibt er sie bis zum Schluss schuldig.

    Interessant ist aber dennoch, wie der Amerikaner Grisham die europäische Lebensweise und den europäischen Kleidungsstil empfindet und demnach auch beschreibt. Auf jeden Fall hört man die Begeisterung Grishams für Italien aus jeder Zeile heraus und wenn man sonst schon nichts mit dem Werk anzufangen weiß, kann man es immer noch als Restaurant-Führer benutzen.

  • Broschiert: 480 Seiten
  • Verlag: Heyne (September 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3453431979
  • Mittwoch, 24. Oktober 2007

    Warum folgten sie Hitler?

    Autor: Stephan Marks
    Original: Warum folgten sie Hitler? (2007)
    meine Bewertung: 4 von 5

    Laut Wikipedia.de[1] versammelten sich am 15. März 1938 zehntausende Menschen, um am Wiener Heldenplatz Hitler zuzujubeln, der den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich verkündete. Auch der Einzug der Wehrmachtstruppen drei Tage zuvor wurde von den Österreichern durchaus mit Begeisterung gefeiert. Doch woher kam diese Begeisterung? Was macht die Faszination Adolf Hitler für die Menschen damals aus?

    Genau dieser Frage geht der Sozialwissenschaftler Stephan Marks nach. Für sein Buch haben er und sein Team mit zahlreichen ehemaligen HJ-Funktionären, SS-Offizieren, NSDAP-Mitgliedern, BDM-Mitgliedern und Zeitzeugen gesprochen und in umfangreichen Interviews, gestützt von umfassender Recherche, versucht, die psychologischen Grundlagen eines für unsere Begriffe unerklärlichen Phänomens zu ergründen. Im ersten Kapitel beschäftigt sich das Buch mit dem sogenannten magischen Bewusstsein. Marks versteht unter dem magischen Bewusstsein eine Art Bewusstseinszustand, der dem früher Kulturen entspricht, entwicklungspsycho-logisch betrachtet also auf einem sehr niedrigen Verarbeitungsniveau steht. Der Autor geht davon aus, dass die Faszination für die Person Adolf Hitler auf Zuschreibungen und Projektionen besonderer Fähigkeiten, fast magischer Fähigkeiten, beruht. In den Interviews mit den Zeitzeugen wurde oft so von damals gesprochen, als empfände man eine „Heilige Scheu“. Viele der Interviewten scheinen auch eine Art „religiöses Tabu“ in Hitler und den Ereignissen gesehen zu haben – ein Umstand, der zum großen Schweigen damals wie heute beigetragen haben könnte.

    Im zweiten Kapitel beschreibt Marks ein Phänomen, das er als Hypnotische Trance bezeichnet. Durch die ausschließliche Fokussierung auf die Person Hitlers, auch durch Kampagnen, und das „Dritte Reich“ wurden Geschehnisse außerhalb ausgeklammert und nicht bewusst wahrgenommen. Reduzierte Kritikfähigkeit und Passivität waren weitere Folgen. Die Interviewten erzählen, „nichts gewusst“ zu haben und „nicht interessiert“ gewesen zu sein. Der Autor geht davon aus, dass Aussagen wie diese nicht unbedingt als praktische Ausreden im Nachhinein darstellen, sondern dass Viele in „lustvollem Unwissen“ und Passivität schon damals alle Verantwortung von sich gewiesen hätten.

    Marks geht im dritten Kapitel auf die Scham ein, die mit der Niederlage des Ersten Weltkrieges, des Versailler Vertrags, der Armut, Arbeitslosigkeit und Geldentwertung einher ging. Das NS-Programm bot den Menschen Opfer an (Juden und andere Volksgruppen, Behinderte und Homosexuelle), auf die sie ihre Wut und Scham projizieren konnten. Durch die Beschämung und schließlich auch Ermordung dieser Mitbürger wurde vielfach die eigene Scham abgelegt. Man gehörte zu den „Gewinnern“.

    Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit Narzissmus und narzisstischer Kollusion. Menschen lechzen nach Bestätigung und Anerkennung, manche mehr und manche weniger, je nachdem wie ausgeprägt der Narzissmus ist. Nicht durch Zufall hatte war jede nationalsozialistische Organisation in viele Untergruppen und Ränge gegliedert, für jeden Rang gab es bestimmte Auszeichnung. So war es für jeden Anhänger relativ einfach, schnell Gratifikationen für seine Bemühungen zu erhalten, was ihn noch näher zur Partei brachte, da ja durch sie die Bestätigung des eigenen Selbst erst möglich wurde.

    Die Traumata früherer Generationen greift das fünfte Kapitel auf. Die Väter der jüngeren Nationalsozialisten hatten am eigenen Leib die Geschehnisse des Ersten Weltkriegs miterlebt. Sie gaben diese Traumata an die jüngere Generation weiter. Das NS-Programm idealisierte und heroisierte die Veteranen des Ersten Weltkriegs, Gefühlskälte wurde zum Programm.

    Im letzten Kapitel beschreibt Marks das Verhältnis zwischen der NSDAP und seinen Mitgliedern als eine Abhängigkeit oder Sucht, wobei Adolf Hitler und das „Dritte Reich“ die Suchtmittel waren. Durch Gruppenerlebnisse wurde Abhängigkeit geschaffen, die durch psychosoziale Dynamik von Klein- und Großgruppen erzeugt wurde.
    Marks versucht keineswegs, mit diesem Buch Erklärungen zu liefern oder gar das Verhalten der Menschen damals zu entschuldigen. Er möchte lediglich aufklären, es ist ihm ein Anliegen, aus der Geschichte zu lernen, und nicht bloß über sie. Über die Geschichte könne man genug in der Schule, in Büchern und alten Akten lernen, damit man aber aus der Geschichte lernen und Erkenntnisse für die Zukunft gewinnen kann, müsse man die NS-Täter und Mitläufer selbst interviewen. Schon Adorno forderte 1966 „die Wurzeln [sind] in den Verfolgern [zu] suchen, nicht in den Opfern.“[2] In einem siebenjährigen Forschungsprojekt ist Marks eben dieser Forderung nachgekommen.

    Das Buch liest sich sehr interessant, durch Originalzitate aus den Interviews werden die Gedanken und Thesen des Autoren untermauert und man beginnt tatsächlich, zu verstehen. Wobei „verstehen“ natürlich keinesfalls mit „entschuldigen“ oder „verteidigen“ zu verwechseln ist. Auf diese scharfe begriffliche Trennung legt Marks auch Wert. Zwar behandelt dieses Werk nicht primär den Anschluss Österreichs an Deutschland, doch ist meines Erachtens nach die Behandlung des Nationalsozialismus aus einer psychologischen Sicht eine sehr interessante Überlegung, die tatsächlich zu einem Lernen für die Zukunft führen könnte. Man möchte fast meinen, zehntausende irren nicht. Tun sie aber doch. Das Buch hilft, ansatzweise die Euphorie und Begeisterung der Menschen, auch und vor allem in Österreich nach dem Anschluss zu erklären. Da Marks die Grundlagen der besprochenen psychischen Vorgänge geduldig und mit vielen Beispielen erklärt und seine Gedanken durch die Interviews mit den Zeitzeugen belegt und ihm immer wieder ein Kommentar zu seinen eigenen Feststellungen entschlüpft, der eines gewissen Galgenhumors nicht entbehrt, kann ich das Buch nur wärmstens empfehlen.




    [2] Adorno, Theodor: Erziehung nach Auschwitz. In: Stichworte. Kritische Modelle 2. Frankfurt, Suhrkamp 1969. S. 85-101.


  • Verlag: Patmos; Auflage: 1 (2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3491360048
  • ISBN-13: 978-3491360044

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    Freitag, 19. Oktober 2007

    Mit dem Kühlschrank durch Irland

    Autor: Tony Hawks
    Original: Round Ireland with a Fridge (1998)
    meine Bewertung: 3 von 5
    Was bewegt einen Menschen dazu, mit einem Kühlschrank durch Irland zu trampen? Es war einfach nur eine Wette, die Tony Hawks gewinnen wollte und die ihn dazu veranlasste, sich einen Kühlschrank um 130 Pfund zu kaufen und damit durch Irland zu reisen, um bei einer Wette 100 Pfund zu gewinnen. Klingt schräg, ist es auch.

    Anfangs scheint das Unternehmen ja noch zum Scheitern verurteilt, doch dann hört ein irischer Radiosender vom Vorhaben des verrückten Londoners und unterstützt ihn. Jeden Morgen telefoniert Tony mit dem Moderator vom Frühstücksradio. Dieser macht die Autofahrer auf den Tramper mit dem Kühlschrank aufmerksam und so schafft es Tony in etwas weniger als einem Monat die ganze Insel abzuklappern. Und nach und nach wird er eine richtige Berühmtheit. Die Leute bieten ihm Gratisunterkünfte und freie Essen an, ein Surfer geht mit dem Kühlschrank, der mittlerweile sogar getauft wurde, wellenreiten und die Menschen unterschreiben auf dem Kühlschrank.

    Zwar verbringt Tony auf seiner Reise sehr viel Zeit in Pubs und auch einige Zeit in angetrunkenem Zustand, aber er begegnet vielen netten Menschen und nach einigen Seiten ist es gar nicht mehr so befremdlich, dass da ein Mensch mit einem Haushaltsgerät reist.

    Mit sehr trockenem, britischem Humor erzählt Hawks seine Geschichte und man kann durchaus sagen, dass man die Liebe zu seinem Kühlschrank aus jeder Zeile herausliest. Denn was am Anfang angeschafft wurde, um eine Belastung auf der Reise darzustellen entwickelt sich schließlich zu einem Ding das fast schon so etwas wie Berühmtheit erlangt. Und das Beste an der Geschichte ist: Sie ist wahr!


  • Taschenbuch: 248 Seiten
  • Verlag: Goldmann (August 2000)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442446414
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    Montag, 15. Oktober 2007

    Hard News

    Autor: Jeffery Deaver
    Original: Hard News (2002)
    meine Bewertung: 3 von 5
    Die junge Kamerafrau Rune erhält eines Tages einen Brief aus dem Gefängnis. Der Absender, Randy Boggs, wurde wegen Mordes verurteilt und sitzt nun seine Zeit im Knast ab. Doch Boggs ist verzweifelt. Er wird von einer Gang regelrecht gejagt und der schmächtige, unscheinbare Mann kann sich nicht erklären, womit er den Zorn seiner Mitgefangenen auf sich gezogen hat. Er schreibt an einen New Yorker Fernsehsender einen Brief, in dem er beteuert, unschuldig im Gefängnis zu sitzen. Und eben jener Brief ist auf dem Schreibtisch der ausgeflippten, unscheinbaren Kamerafrau Rune gelandet. Rune liest den Brief und glaubt Boggs, er tut ihr leid. Sie beschließt deshalb, eine Story über Boggs zu machen und ihn aus dem Gefängnis zu holen.

    Sie geht zur Anchorfrau der beliebtesten Nachrichtensendung New Yorks: Piper Sutton von Current Events. Die toughe Karrierefrau versucht zuerst, Rune ihr Vorhaben auszureden, denn der Mann, den Randy Boggs getötet haben soll, war der ehemalige Leiter des Senders: Lance Hopper. Doch irgendwie gelingt es der ungeschickten Rune, in deren Privatleben sich auch allerlei tut und quasi wie eine Jungfrau zu einem kleinen Kind kommt, Piper Sutton umzustimmen und den Beitrag machen zu dürfen. Sie kämpft sich durch Aktenmaterial, findet verschollene Zeugen, führt Interviews und bewegt sich nicht immer in journalistisch-moralisch vertretbaren Bereichen. Doch an der Sache ist irgendetwas faul, spätestens als der erste Zeuge ermordet wird und ihre bisherigen Aufzeichnungen verschwinden, wird die Sache spannend…

    Jeffery Deaver hat mit diesem Buch eine unerwartet spannende Geschichte geschrieben, die zwar mit mindestens zwei absurden Twists endet, aber die handelnden Figuren sind glaubhaft und die chaotische Rune sogar sympathisch. Wenn man einfach nach der Suche nach harmloser, flacher Unterhaltung ist, die keinen Anspruch an irgendetwas stellt, ist dieses Buch nur zu empfehlen. Von dieser Sicht aus also 3 Punkte für Spannung und Unterhaltung.




  • Broschiert: 324 Seiten
  • Verlag: Aufbau Tb; Auflage: 1 (August 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3746622409
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    Sehr geehrte Herr Firma

    Herausgeber: Emil und Margit Waas
    Original: Sehr geehrte Herr Firma (1976)
    meine Bewertung: 2 von 5
    Emil Waas hat auch in diesem Büchlein Stilblüten aus amtlichen und privaten Schreiben gesammelt, die meisten von ihnen wirklich ganz nett, zumindest zum Schmunzeln. Leider ist auch in diesem Buch dasselbe Problem wie in seinem vorigen festzustellen. Viele der Stilblüten sind Faksimiles, sehen aus wie eingescannte Originaldokumente. Da viele der Schreiben auch weit zurück datieren, teilweise auch bis an den Anfang des Jahrhunderts, muss man bei manchen wirklich rätseln und sich als Codeknacker betätigen, bis man die Schrift entziffert hat. 2 nette Punkte, leicht amüsant...


  • Taschenbuch: 144 Seiten
  • Verlag: Dtv (1976)
  • ISBN-10: 3423200537
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    Sonntag, 14. Oktober 2007

    Ein Puppenheim

    Autor: Henrik Ibsen
    Original: Et Dukkehjem (1879)
    meine Bewertung: 5 von 5
    Eigentlich könnte man ja meinen, Nora Helmer hat alles, was sie sich wünscht. Sie hat eine schöne Wohnung, ein Kindermädchen, einen Dienstboten, drei wunderbare Kinder (um die sich das Kindermädchen kümmert) und einen Mann, der sie verehrt und auf Händen trägt. Doch etwas ist faul im Hause Helmer.

    Noch bevor Torvald seine jetzige Stelle als gutverdienender Bankdirektor angetreten hat, riet ihm der Arzt zu einer Reise in den Süden. Weil aber nicht genügend Geld vorhanden war und Torvald zu stolz war, einen seiner Freunde um einen Kredit zu bitten, sah sich Nora gezwungen, das Geld ohne dem Wissen von Torvald aufzutreiben. Leider hat sich Nora das Geld ausgerechnet von Rechtsanwalt Krogstadt geborgt. Dieser steht nun, kurz vor Weihnachten vor der Tür der Helmers um mit Nora zu sprechen. Weil er nämlich dem Bankdirektor scheinbar nicht mehr zu Gesicht steht, will dieser ihn kündigen. Er bittet Nora, Torvald umzustimmen, da er sich andernfalls gezwungen sähe, Torvald vom Kredit an Nora zu erzählen.

    Diese will unbedingt vermeiden, dass ihr Mann von dieser unehrenhaften Tat erfährt und versucht deshalb, Torvald umzustimmen. Leider gelingt ihr das nicht, hat sie doch vor kurzem erst für Frau Linde, ihre frühere Freundin in der Schule, vorgesprochen und ihr eine Anstellung verschafft. Allerdings ausgerechnet jene, die früher Krogstadt bekleidete. Als Krogstadt schließlich von seiner endgültigen Kündigung erfährt, schreibt er Torvald einen Brief, in dem er ihm erklärt, dass er Nora eine große Summe Geld geborgt hat, allerdings nur, weil jene die Unterschrift ihres Vaters gefälscht hatte. Für Nora ist dies der Alptraum. Sie fürchtet sich davor, was geschehen wird, wenn ihr Mann, der Parademann schlechthin, von dieser unehrenhaften Tat erfährt.

    Und er erfährt schließlich auch davon. Es geschieht das Erwartete: Er will vor allem sich selbst davor schützen, dass diese Schmach öffentlich wird, er macht sich hauptsächlich Sorgen um sich selbst. Und in einem zweiten Schritt auch noch um seine drei Kinder. Er geht sogar so weit, Nora zu verbieten, sich um die Kinder zu kümmern. Um sie vor Schlechtigkeit zu bewahren, wie er meint. Nora jedoch fasst einen für sie ganz untypischen Entschluss. Sie beschließt, ihren Mann und ihre Kinder zu verlassen, um sich erst einmal auf die Suche nach ihr selbst zu begeben.

    Das wohl bekannteste Theaterstück von Henrik Ibsen hat schon für viel Aufsehen und viel Kontroverse gesorgt. Nora lebt in einer Ehe, die so typisch für viele ist. Sie und ihr Mann leben nebeneinander her, beide spielen ihre Rollen perfekt. Torvald steht für „den“ Mann, er bevormundet Nora, sagt ihr, was sie zu denken und tun hat und behandelt sie wie seine Puppe. Doch an der Situation ist Nora nicht ganz unschuldig. Sie lässt sich bevormunden, weil sie sich nicht die Mühe macht, selbst zu denken. Sie spielt lieber das kapriziöse Dummchen und lässt sich von ihrem Mann auf Händen tragen.

    Nach und nach wird klar, dass Torvald vor allem eines liebt: Den Mann, als den er sich geben kann, indem er vorgibt, Nora zu lieben. Oft wurde versucht, Ibsen anzuhängen, er würde sich für die Sache der Frauen einsetzen. Doch er selbst hat diese Ansicht mehrmals heftig bestritten. Mit den Worten „ Ich… muss aber die Ehre von mir weisen, bewusst für die Sache der Frau gewirkt zu haben […]. Für mich hat sie sich als eine Sache des Menschen dargestellt...“ (siehe Nachwort zu „Ein Puppenheim“, Insel Verlag S. 150) wies er den Gedanken entschieden von sich.

    Widersprüchlich dazu ist, dass er sich sehr oft wohl bewusst doch für die „Sache der Frau“ eingesetzt hatte, zum Beispiel, als er sich dafür einsetzte, dass auch Frauen im Skandinavischen Verein, in dem er Mitglied war, zu den Generalversammlungen und Ämtern zugelassen wurden (womit er aber keinen Erfolg hatte). Ibsen selbst hat das Stück übrigens immer nur „Ein Puppenheim“ genannt. Der vermeintliche Titel „Nora“ stammt nicht von ihm, sondern vom Herausgeber des Taschenbuchs zum Stück.

    Die Rezeption des Werkes hat sich von der Uraufführung 1879 bis heute drastisch geändert. Weil viele Theaterintendanten das Ende zu unbefriedigend empfanden, wurden zahlreiche „andere Schlüsse“ geschrieben und aufgeführt, doch eines ist geblieben: Damals wie heute möchte man beide Protagonisten am liebsten an den Schultern packen und kräftig durchschütteln. Man möchte ihnen zurufen, doch endlich vernünftig zu werden. Ein „sapere aude“ aus dem Publikum rufen. Doch es ist zwecklos. Nora geht, wohin werden wir nie erfahren. Als „aktuell“ könnte man das Stück auch in unserer Zeit noch nennen. Denn oft genug sind viele Ehescheidungen genau das, was Nora getan hat: eine Flucht vor der Realität, Verantwortung und der Aufgabe „miteinander“ zu leben.


  • Taschenbuch: 159 Seiten
  • Verlag: Insel, Frankfurt; Auflage: 11., Aufl. (Oktober 2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3458320237
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    Sonntag, 7. Oktober 2007

    Taubenjagd

    Autor: Jerry Spinelli
    Original: Wringer (1997)
    meine Bewertung: 1 von 5

    Jedes Jahr im August findet in der kleinen amerikanischen Stadt ein Volksfest statt. Es beginnt an einem Montag und endet an einem Sonntag und hat alles, was man auch von jedem anderen Volksfest kennt: Riesenräder, Achterbahnen, Süßigkeiten und Brathähnchen. Am Ende dieser Feierlichkeiten steht aber ein grausames Spektakel: Der Taubentag. Fünftausend Tauben werden dafür zuvor eingefangen und dann am Spielplatz wieder ausgelassen. Alle Männer, die zuvor ein Startgeld bezahlt haben, dürfen dann mitmachen und die Tauben mit Gewehren abschießen.

    Am Spielplatz warten schon die Halsumdreher. Das sind jene Jungen, die schon 10 Jahre alt sind und jenen Tauben den Hals umdrehen, die nur verletzt vom Himmel gefallen sind. Palmer ist neun Jahre alt. Aber seit er das erste Mal mit vier Jahren beim Halsumdrehen am Taubentag zugesehen hat, packt ihn jedes Jahr kurz vor dem Ereignis das kalte Grauen. An seinem neunten Geburtstag findet der sanfte Junge, der zuvor immer nur mit Dorothy, der Nachbarstochter gespielt hatte, drei Freunde und wird in die Bande dieser Rüpel aufgenommen. Er beachtet Dorothy nicht mehr und piesakt sie gemeinsam mit den anderen Jungs. Richtig stark fühlt er sich. Dann, eines Tages im Januar vor seinem zehnten Geburtstag, wird er von einem Klopfen am Fenster seines Zimmers geweckt.

    Eine Taube blickt zu ihm ins Zimmer. Ausgerechnet eine Taube! Palmer gefällt das Tier, er füttert sie regelmäßig und nennt sie Picker. Picker wird fester Bestandteil seines Lebens, sein treues Haustier. Und das ausgerechnet in einer Stadt, in der jährlich fünftausend seiner Artgenossen vom Himmel geholt werden. Palmer weiß nicht, was er tun soll, er wendet sich schließlich an Dorothy. Von seinen Rüpel-Freunden, die alle schon ganz heiß darauf sind, endlich Halsumdreher zu werden, beginnt er sich zunehmend zu fürchten. Und das Ereignis rückt unaufhaltsam auch dieses Jahr näher…

    Meiner Meinung nach kann man sich das Buch gerne sparen. Für ein Kinderbuch finde ich es irgendwie sinnlos grausam und die Moral, die Spinelli vielleicht rüberbringen möchte, kommt irgendwie nicht so ganz durch. Freundschaft ist wichtig, ok. Aber um das rüber zu bringen, gibt es „schönere“ Geschichten. Dieses Urteil beruht auf rein ästhetischen Empfindungen meinerseits. Das Buch ist spannend, die Handlung stringent. Dennoch würde ich meinen Kindern das Buch nicht vorlesen. Sinnloser Gewalt an Tieren kann ich nunmal nichts abgewinnen.


  • Gebundene Ausgabe: 179 Seiten
  • Verlag: Süddeutsche Zeitung / Bibliothek (Juni 2006)
  • ISBN-10: 386615142X
  • ISBN-13: 978-3866151420

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    Samstag, 6. Oktober 2007

    Harry Potter and the Deathly Hallows

    Autorin: Joanne K. Rowling
    Original: Harry Potter and the Deathly Hollows (2007)
    meine Bewertung: 5 von 5

    Wieder ist ein Sommer vergangen, wieder steht das neue Schuljahr bevor und Harry kann es kaum erwarten, bis er aus dem Haus der Dursleys verschwinden kann. Dieses Mal allerdings wird er von einem ganzen Komitee abgeholt, das ihn sicher vom Privet Drive wegbringen soll. Natürlich sind die wichtigsten Personen mit von der Partie, beispielsweise Mad-Eye Moody, Lupin und Tonks. Durch einen geschickten Trick wollen sie Harry in Sicherheit bringen, da ja Lord Voldemort und seine Todesser auf der Jagd nach ihm sind. Doch in den Reihen befindet sich ein Verräter und so beginnt der siebte und letzte Teil der Harry-Potter Romane mit einer action- und verlustreichen Verfolgungsjagd.

    Um nicht zuviel vom Inhalt zu verraten, nur soviel dazu: Harry hatte in Band 6 vom sterbenden Dumbledore den Auftrag bekommen, sich auf die Suche nach den Horkruxen von Lord Voldemort zu machen und sie zu zerstören. Voldemort hatte seine Seele in mehrere Teile aufgeteilt und in geheimen Behältern, den Horkruxen eben, versteckt, um so unsterblich zu werden. Niemand weiß von dieser Mission, mit Ausnahme von Ron und Hermine, die auch in Band 7 loyal hinter Harry stehen und ihn unterstützen. Naja, meistens zumindest.

    Das Buch ist sehr spannend und wie schon erwähnt, gleich zu Beginn actionreich. Leider sterben bis zum finalen Showdown am Ende ziemlich viele liebgewonnene Figuren aus dem Potter-Universum, die erste gleich auf Seite 50 und die nächste kaum 20 Seiten danach. Das ist sehr schade und traurig, doch Rowlings meisterhafte Erzählung schafft es, dass nach einem absoluten Tiefpunkt die Achterbahn weiter fährt und man sich schon bald darauf wieder kichernd über die Seiten beugt.

    Im Prinzip gibt es an dem Buch nicht viel auszusetzten, außer vielleicht, dass es nicht „einfach so“ gelesen werden kann. Man muss auf jeden Fall die Vorgänger-Bände kennen, noch besser wäre es, sie gut zu kennen oder vor dem siebten Teil eine Zusammenfassung der anderen Teile zu lesen. Alles, was bisher noch ein bisschen unverständlich war, wird komplett aufgeklärt, beispielsweise der Grund, warum Dumbledore Snape immer vertraut hatte, und schließlich doch von ihm getötet wurde. Es ist erstaunlich, wie viele Details aus den ersten sechs Bänden schon in diese Richtung weisen. Das Potter-Universum ist komplex, aber mit Ende des siebten Bandes total logisch und konsequent strukturiert. Hut ab!

    Anmerken muss man, dass man gewisse Elemente wahrscheinlich aus der Geschichte oder aus anderen Büchern kennt. So erinnert die Suche nach den Horkruxen und den „Deathly Hallows“, die ich hier mal als „Relikte des Todes“ übersetze, doch sehr an die Suche nach dem Heiligen Gral erinnert. Außerdem wird ein „Muggle-born Register“ eingeführt, was nicht das einzige Detail des Buches ist, das mich an SS-Methoden und NS-Zeiten erinnert. Dahinter steckt wahrscheinlich eine moralische Absicht, angenehm ist, dass es keine Belehrung mit dem erhobenen Zeigefinger darstellt. Als kleine Anmerkung am Rande: Ich habe ja die englische Ausgabe gelesen, und da kommen tatsächlich einige deutsche Sätze vor. Ich bin ja mal gespannt, wie das in der deutschen Übersetzung gelöst wird.

    Als Fazit bleibt zu sagen, dass „Harry Potter and the Deathly Hallows“ und somit die Geschichte um das Potter-Universum schon viel mehr ist, als „nur“ eine Kindergeschichte. Auf Seite 334 meiner Ausgabe entwickelt sich sogar ein kurzer Positivismus-Streit zwischen Xenophilius Lovegood und Hermine. Ideal also für alle, die mitgewachsen sind, die schon erwachsen sind, oder Jugendliche. Für Kinder, also Leser unter 12 Jahren, fände ich die Geschichte zu komplex und brutal. Ansonsten gibt es wohl keinen würdevolleren Abschied von Harry als diesen Band. Obwohl sich Rowling das Nachwort sparen hätte können. Denn damit bleibt einem nicht mal mehr die Hoffnung, dass es vielleicht eventuell möglicherweise doch noch einen Band geben wird.


  • Gebundene Ausgabe: 608 Seiten
  • Verlag: Bloomsbury (21. Juli 2007)
  • Sprache: Englisch
  • ISBN-10: 0747591059
  • ISBN-13: 978-0747591054

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    Samstag, 29. September 2007

    Früchte des Zorns

    Autor: John Steinbeck
    Original: The Grapes of Wrath (1939)
    meine Bewertung: 5 von 5

    Tommy Joad hat die letzten vier Jahre im Gefängnis verbracht, weil er in Notwehr einen anderen Jungen mit einer Schaufel erschlagen hatte. Seine Zeit ist um und per Anhalter macht er sich in seinen vom Gefängnis zur Verfügung gestellten Schuhen und Kleidungsstücken auf den Weg nach Hause zur Farm seiner Leute. Das letzte Stück muss er zu Fuß weiter gehen. Auf seinem Weg trifft er Casy, den Prediger. Die beiden mochten sich immer schon, deshalb begleitet Casy Tommy zur Joad-Farm. Die Umgebung hat sich verändert, es gab lange keinen Regen mehr und viele der Baumwollfelder wirken vernachlässigt. Als Casy und Tom zur Farm kommen, ist diese leergeräumt und verlassen. Zufällig treibt sich der alte Knecht noch in der Gegend herum, dieser erzählt Tom und dem Prediger von den Ereignissen der letzten vier Jahre.

    Die Großgrundbesitzer haben die Felder aufgekauft, Traktoren erledigen jetzt die Arbeit, die früher eine ganze Familie ernährt hat. Weil die Farmer kein Auskommen mehr finden, machen sich alle auf den Weg nach Kalifornien, weil dort angeblich Pfirsichpflücker gesucht würden. Auch die Familie von Tom hat schon gepackt und die Farm verlassen. Sie sind schon zur Farm des Onkels weiter gezogen. Casy und Tom verbringen die Nacht auf der alleinstehenden Farm und machen sich nächsten Morgen auf zur Farm des Onkels.
    Natürlich ist die Freude groß, dass der älteste Sohn es noch rechtzeitig geschafft hat. Am nächsten Morgen brechen Toms Mutter, Toms Vater, Toms Bruder Noah, Toms Bruder Al, seine schwangere Schwester Rosasharn und ihr Verlobter, seine jüngsten Geschwister Winfield und Ruthie, Onkel John, der Prediger Casy und die beiden Großeltern mit einem Wagen auf von Oklahoma nach Kalifornien, das Land, das der Familie wie das gelobte Land vorkommt.

    Wie so viele Farmer aus Oklahoma und Arkansas dieser Tage, reisen auch sie auf der Route 66. Die Reise ist beschwerlich, der Weg ist lang. So muss die Familie im Laufe der Zeit auch eine Menge Rückschläge und Verluste hinnehmen. Die Geschichte ist spannend und endet genauso unbefriedigend und verzweifelt, wie die Gesamtsituation ist.
    John Steinbeck hat die Reise mit einem Treck selbst auf sich genommen, um die Tatsachen genau schildern zu können. Und das ist ihm auf eindrucksvolle Art und Weise gelungen.

    Man hat den Staub der Landstraße in den Haaren, übernachtet mit den Joads in den Auffanglagern auf dem Weg nach Kalifornien und hofft und bangt mit ihr. Die Suche nach Arbeit stellt sich als ziemlich aussichtlos heraus, weil nicht nur einige Farmer sich auf den Weg ins gelobte Land gemacht haben, sondern so ziemlich alle aus Arkansas und Oklahoma. Die Großgrundbesitzer drücken die Löhne und die Menschen hungern.

    Mit viel Atmosphäre hat Steinbeck die Situation – eigentlich ein Tatsachenbericht in Romanform – erfasst und beschrieben. Wäre die Geschichte dreißig Jahre später geschrieben worden, hätte man Steinbecks Stil wahrscheinlich zu dem des New Journalism gezählt. Kein Wunder, dass er für diese starke Geschichte, die man fast nicht mehr weglegen kann, den Pulitzer-Preis erhielt. Ein Must-Read!


  • Taschenbuch
  • Verlag: Dtv (Januar 1985)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423104740

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