Mittwoch, 24. Oktober 2007

Warum folgten sie Hitler?

Autor: Stephan Marks
Original: Warum folgten sie Hitler? (2007)
meine Bewertung: 4 von 5

Laut Wikipedia.de[1] versammelten sich am 15. März 1938 zehntausende Menschen, um am Wiener Heldenplatz Hitler zuzujubeln, der den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich verkündete. Auch der Einzug der Wehrmachtstruppen drei Tage zuvor wurde von den Österreichern durchaus mit Begeisterung gefeiert. Doch woher kam diese Begeisterung? Was macht die Faszination Adolf Hitler für die Menschen damals aus?

Genau dieser Frage geht der Sozialwissenschaftler Stephan Marks nach. Für sein Buch haben er und sein Team mit zahlreichen ehemaligen HJ-Funktionären, SS-Offizieren, NSDAP-Mitgliedern, BDM-Mitgliedern und Zeitzeugen gesprochen und in umfangreichen Interviews, gestützt von umfassender Recherche, versucht, die psychologischen Grundlagen eines für unsere Begriffe unerklärlichen Phänomens zu ergründen. Im ersten Kapitel beschäftigt sich das Buch mit dem sogenannten magischen Bewusstsein. Marks versteht unter dem magischen Bewusstsein eine Art Bewusstseinszustand, der dem früher Kulturen entspricht, entwicklungspsycho-logisch betrachtet also auf einem sehr niedrigen Verarbeitungsniveau steht. Der Autor geht davon aus, dass die Faszination für die Person Adolf Hitler auf Zuschreibungen und Projektionen besonderer Fähigkeiten, fast magischer Fähigkeiten, beruht. In den Interviews mit den Zeitzeugen wurde oft so von damals gesprochen, als empfände man eine „Heilige Scheu“. Viele der Interviewten scheinen auch eine Art „religiöses Tabu“ in Hitler und den Ereignissen gesehen zu haben – ein Umstand, der zum großen Schweigen damals wie heute beigetragen haben könnte.

Im zweiten Kapitel beschreibt Marks ein Phänomen, das er als Hypnotische Trance bezeichnet. Durch die ausschließliche Fokussierung auf die Person Hitlers, auch durch Kampagnen, und das „Dritte Reich“ wurden Geschehnisse außerhalb ausgeklammert und nicht bewusst wahrgenommen. Reduzierte Kritikfähigkeit und Passivität waren weitere Folgen. Die Interviewten erzählen, „nichts gewusst“ zu haben und „nicht interessiert“ gewesen zu sein. Der Autor geht davon aus, dass Aussagen wie diese nicht unbedingt als praktische Ausreden im Nachhinein darstellen, sondern dass Viele in „lustvollem Unwissen“ und Passivität schon damals alle Verantwortung von sich gewiesen hätten.

Marks geht im dritten Kapitel auf die Scham ein, die mit der Niederlage des Ersten Weltkrieges, des Versailler Vertrags, der Armut, Arbeitslosigkeit und Geldentwertung einher ging. Das NS-Programm bot den Menschen Opfer an (Juden und andere Volksgruppen, Behinderte und Homosexuelle), auf die sie ihre Wut und Scham projizieren konnten. Durch die Beschämung und schließlich auch Ermordung dieser Mitbürger wurde vielfach die eigene Scham abgelegt. Man gehörte zu den „Gewinnern“.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit Narzissmus und narzisstischer Kollusion. Menschen lechzen nach Bestätigung und Anerkennung, manche mehr und manche weniger, je nachdem wie ausgeprägt der Narzissmus ist. Nicht durch Zufall hatte war jede nationalsozialistische Organisation in viele Untergruppen und Ränge gegliedert, für jeden Rang gab es bestimmte Auszeichnung. So war es für jeden Anhänger relativ einfach, schnell Gratifikationen für seine Bemühungen zu erhalten, was ihn noch näher zur Partei brachte, da ja durch sie die Bestätigung des eigenen Selbst erst möglich wurde.

Die Traumata früherer Generationen greift das fünfte Kapitel auf. Die Väter der jüngeren Nationalsozialisten hatten am eigenen Leib die Geschehnisse des Ersten Weltkriegs miterlebt. Sie gaben diese Traumata an die jüngere Generation weiter. Das NS-Programm idealisierte und heroisierte die Veteranen des Ersten Weltkriegs, Gefühlskälte wurde zum Programm.

Im letzten Kapitel beschreibt Marks das Verhältnis zwischen der NSDAP und seinen Mitgliedern als eine Abhängigkeit oder Sucht, wobei Adolf Hitler und das „Dritte Reich“ die Suchtmittel waren. Durch Gruppenerlebnisse wurde Abhängigkeit geschaffen, die durch psychosoziale Dynamik von Klein- und Großgruppen erzeugt wurde.
Marks versucht keineswegs, mit diesem Buch Erklärungen zu liefern oder gar das Verhalten der Menschen damals zu entschuldigen. Er möchte lediglich aufklären, es ist ihm ein Anliegen, aus der Geschichte zu lernen, und nicht bloß über sie. Über die Geschichte könne man genug in der Schule, in Büchern und alten Akten lernen, damit man aber aus der Geschichte lernen und Erkenntnisse für die Zukunft gewinnen kann, müsse man die NS-Täter und Mitläufer selbst interviewen. Schon Adorno forderte 1966 „die Wurzeln [sind] in den Verfolgern [zu] suchen, nicht in den Opfern.“[2] In einem siebenjährigen Forschungsprojekt ist Marks eben dieser Forderung nachgekommen.

Das Buch liest sich sehr interessant, durch Originalzitate aus den Interviews werden die Gedanken und Thesen des Autoren untermauert und man beginnt tatsächlich, zu verstehen. Wobei „verstehen“ natürlich keinesfalls mit „entschuldigen“ oder „verteidigen“ zu verwechseln ist. Auf diese scharfe begriffliche Trennung legt Marks auch Wert. Zwar behandelt dieses Werk nicht primär den Anschluss Österreichs an Deutschland, doch ist meines Erachtens nach die Behandlung des Nationalsozialismus aus einer psychologischen Sicht eine sehr interessante Überlegung, die tatsächlich zu einem Lernen für die Zukunft führen könnte. Man möchte fast meinen, zehntausende irren nicht. Tun sie aber doch. Das Buch hilft, ansatzweise die Euphorie und Begeisterung der Menschen, auch und vor allem in Österreich nach dem Anschluss zu erklären. Da Marks die Grundlagen der besprochenen psychischen Vorgänge geduldig und mit vielen Beispielen erklärt und seine Gedanken durch die Interviews mit den Zeitzeugen belegt und ihm immer wieder ein Kommentar zu seinen eigenen Feststellungen entschlüpft, der eines gewissen Galgenhumors nicht entbehrt, kann ich das Buch nur wärmstens empfehlen.




[2] Adorno, Theodor: Erziehung nach Auschwitz. In: Stichworte. Kritische Modelle 2. Frankfurt, Suhrkamp 1969. S. 85-101.


  • Verlag: Patmos; Auflage: 1 (2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3491360048
  • ISBN-13: 978-3491360044

  •  

    Keine Kommentare:

    Kommentar veröffentlichen