Samstag, 17. November 2007

Zielwasser



Autor: Kurt Vonnegut
Original: Deadeye Dick (1982)
meine Bewertung: 5 von 5

Bereits mit 12 Jahren ist Rudy Waltz zum Mörder geworden. Eigentlich zum Doppelmörder. Dabei führte er bis dahin ein ganz normales Leben. Naja, relativ normal, denn sowohl seine Mutter als auch sein Vater sind etwas durch den Wind. Sein Vater verbrachte in seinen jungen Jahren einige Zeit in Wien, er versuchte sich dort als Künstler und gab sich ganz dem dekadenten Leben des Wiener Bürgertums hin. Wie es der Zufall so will, lernt er dort auch den jungen Adolf Hitler kennen und freundet sich mit ihm an.

Als er wieder in Ohio zurück ist, erzählt er den Menschen von Hitlers visionärem Gesellschaftssystem, er tut weiterhin so, als ob er ein Künstler wäre, lässt sich ein ungewöhnliches Atelier bauen und ist seinen beiden Söhnen alles andere, als ein gutes Vorbild. Die Mutter existiert einfach nur, die Kinder haben den meisten Kontakt mit den Dienstboten der Familie.

Als er den Schlüssel zur Waffenkammer seines Vaters ausgehändigt bekommt, ist Rudy natürlich mächtig stolz. Denn obwohl er erst 12 Jahre alt ist, waren er und sein Bruder schon oft mit ihrem Vater schießen. Die meisten Gewehre könnten sie wahrscheinlich blind auseinander nehmen, reinigen und wieder zusammensetzen. Am Muttertag klettert Rudy in einen Baum, träumt vor sich hin und liebkost sein Gewehr. Er drückt ab, zielt eigentlich nirgendwohin und will einfach nur den Tag genießen. Blöd nur, dass er weit entfernt doch etwas getroffen hat: die schwangere Mrs. Metzger. Und genau zwischen die Augen.

Natürlich werden Vater und Sohn in Polizeigewahrsam genommen, schließlich erledigt sich die Sache aber, indem die Walz‘ Schadenersatz zahlen müssen. Dadurch verarmt die Familie, Rudy wird später Apotheker, sein älterer Bruder versucht in New York sein Glück. Doch beide merken schnell, wie sehr das Ereignis von damals ihrer beider Leben verändert und beeinflusst hat. Rudy wird zu einem Geschlechtslosen, er sieht sich selbst als völlig asexuellen Menschen und bleibt so auch für die meisten unsichtbar.

Und eines Tages wird so ganz nebenbei auch noch die Heimatstatt der beiden zufällig von einer Neutronenbombe von jedem Leben befreit, während alles andere nicht mal einen Kratzer abbekommt.

Kurt Vonneguts „Zielwasser“ ist ein tragisch-komischer Roman, das Leben eines völlig verwirrten und glücklosen Kindes, erzählt aus der Sicht dieses Erwachsenen, dessen Geschichte schon mit zwölf Jahren für ihn vorbei war, während der Rest nur Epilog ist. Natürlich ist Vonneguts Erzählweise etwas, woran man sich erst gewöhnen muss, wo man erst hineinfinden muss. Ist man aber erst mal drin, kommt man da so schnell nicht wieder raus!

  • Broschiert
  • Verlag: Goldmann Wilhelm GmbH (1987)
  • ISBN-10: 3442086337
  • ISBN-13: 978-3442086337
  • Freitag, 9. November 2007

    Spirale des Schweigens



    Hrsg: Duchkowitsch, Wolfgang et. al.
    Original: Die Spirale des Schweigens (2004)
    meine Bewertung: 3 von 5

    Wolfgang Duchkowitsch, Fritz Hausjell und Bernd Semrad vom Wiener Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft haben in diesem Band Aufsätze namhafter Wissenschafter gesammelt, die sich mit den „braunen Flecken“ in der Vergangenheit des Faches und deren Vertreter beschäftigen.

    In Anlehnung an Elisabeth Noelle-Neumanns Theorie der „Schweigespirale“ zeigt der Band, wie der Mantel des Schweigens jahrelang über die inhaltlichen und personellen Kontinuitäten der Publizistik und Kommunikationswissenschaft gebreitet wurde. Einer Disziplin, die ihre Ursprünge ja eigentlich auch der Instrumentalisierung als Propagandainstrument zu verdanken hat. Gerade durch dieses Schweigen wurde verhindert, dass das Fach eine Modernisierung erfährt und geflohene Vertreter wieder reimmigrieren können.

    Das Buch identifiziert Mitläufer, Opportunisten, Wegbereiter und Vordenker eines Faches, das während der NS-Zeit zur Führungs- und Kriegswissenschaft degradiert wurde und sich jetzt einer immer weiter steigenden Zahl an Studenten erfreut. Leider ist die Schrift absolut leserunfreundlich und es kommen sehr viele Redundanzen vor. Ein Buch bzw. Projekt wie dieses ist auf jeden Fall wichtig und unterstützenswert, meiner Meinung nach werden aber zu viele Kenntnisse über personelle Besetzungen der verschiedensten Institute vorausgesetzt, denn nicht einmal für mich als Studentin der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft im doch schon fortgeschrittenen Semester war ohne googlen zwischendurch alles klar. Dennoch: empfehlenswert für Publizistikstudenten, sowieso ein Must für die Wiener Studenten.

  • Broschiert: 280 Seiten
  • Verlag: Lit-Verlag; Auflage: 1 (2004)
  • ISBN-10: 3825872785
  • ISBN-13: 978-3825872786
  • Dienstag, 6. November 2007

    Schneewittchen-Party



    Autorin: Christie Agatha
    Original: The Hallow'een Party (1969)
    meine Bewertung: 4 von 5

    Bei einem Halloween-Fest im Haus von Rowena Drake passiert etwas Schreckliches: Joyce, ein etwa 13-jähriges Mädchen, wurde in dem Kübel, in dem nach Äpfeln geschnappt wurde, ermordet, jemand hat sie ertränkt. Obwohl viele Gäste bei dem Fest anwesend waren, hat doch niemand etwas Verdächtiges gesehen. Zufälligerweise war auch Mrs Oliver, die Krimiautorin. Natürlich ist ihr Spürsinn geweckt. Doch alleine kommt sie nicht recht weiter, darum besucht sie ihren alten Freund Hercule Poirot in London und bittet ihn, nach Woodleigh Common zu kommen, um ihr bei dem Fall zu helfen.

    Auch die Neugierde des Belgiers ist geweckt. Er beginnt, sich in dem kleinen Dorf umzuhören und sich mit dem Dorfklatsch vertraut zu machen. Schon bald stößt er auf die dunkle Vergangenheit des Dorfes. Schon vor einigen Jahren wurden Morde verübt, die eventuell mit dem aktuellen Mord an einem unschuldigen 13-jährigen Mädchen zusammenhängen. Joyce hatte keine Freunde und war als notorische Lügnerin bekannt. Deshalb hat ihr auch niemand so recht geglaubt, als sie kurz vor ihrem Tod erzählte, einen Mord beobachtet zu haben. Doch irgendjemand hat sich bedroht gefühlt. Genauso wie von ihrem kleinen Bruder, der wenig später auch ertränkt wird.

    Nicht umsonst ist Agatha Christie als „Queen of Crime“ bekannt. Auch diese Geschichte ist spannend, leider kann sich der mehr oder weniger geübte Krimileser schon ziemlich bald ein Bild von der Geschichte machen. Trotzdem werden einem die verzwickteren Zusammenhänge erst am Ende klar, wodurch es sich durchaus lohnt, das Buch zu Ende zu lesen. Es gibt Spannenderes von Christie, schlecht ist aber auch „Schneewittchen Party“ nicht. Durchaus geeignet für eine Lesenacht vor Allerheiligen.

  • Broschiert: 218 Seiten
  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 1 (Juni 2005)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596169518
  • ISBN-13: 978-3596169511
  • Sonntag, 4. November 2007

    Meine bösesten Gruselstunden



    Hrsg: Alfred Hitchock
    Original: Tales to send Chills down your Spine (1979)
    meine Bewertung: 1 von 5

    In diesem Buch hat Alfred Hitchcock angeblich „Tales that send chills down your spine“ gesammelt – leider ist ihm das in keiner Art und Weise geglückt. Einige der Geschichten sind zwar spannend und steuern auch auf einen Höhepunkt hin, doch leider kommt spätestens am Ende jeder Geschichte der tiefe Fall. Von Grusel weit und breit keine Spur. Doch zum Inhalt:

    Ein Mann läuft davon – Bill Pronzini
    In einem Lokal in der Wüste tauchen zwei Männer auf, die die beiden Mitarbeiter des Lokals und den einzigen Gast als Geiseln nehmen. Sie warten auf einen anderen, den sie erschießen wollen, sobald er das Lokal betritt. Zum Glück entdeckt der als Geisel genommene Gast den Revolver des Wirts.

    Alter spanischer Wein – Borden Deal
    Der 60-jährige Richter wurde vor kurzem nach zehn Jahren Ehe von seiner (viel jüngeren) Frau verlassen. Sie kehrt ein letzes Mal heim, um ihre Sachen zu holen. Mitgebracht hat sie ihren (noch viel jüngeren) Liebhaber. Während die Frau im Obergeschoß ihre Sachen packt, trinken der Richter und der Liebhaber die Flasche Wein, die eigentlich für die Silberhochzeit reserviert gewesen wäre. Der Wein ist ausgezeichnet, doch der Richter hat seine .38er griffbereit…

    Der Voyeur – Henry Slesar
    Ausgerechnet in der Nobelabteilung des Kaufhauses häufen sich in letzter Zeit die Ladendiebstähle. Der Geschäftsführer lässt also in allen Kabinen Einwegspiegel montieren und beauftragt den Kaufhausdetektiv, den Damen beim Umziehen zuzusehen und so die Diebin zu entlarven. Es dauert auch nicht lang, bis er sie entdeckt, doch leider verliebt er sich in sie…

    Mörderisches Zwischenspiel – Paul Tabori
    Weil seine Maschine Verspätung hat, treibt sich Venture am Flughafen herum. Zufällig stößt er auf eine Art Pressekonferenz mit Buffett und Sekt. Er gesellt sich zu den Gästen, von denen er einige sogar kennt. Eigentlich wäre es ja ein ganz netter Empfang, blöd nur, dass der Hauptredner ausgerechnet in seiner Rede tot zusammen bricht. Venture untersucht die Leiche und hat schon bald einen Verdacht.

    Die gläserne Brücke – Robert Arthur
    Seit die junge Frau das Haus von Hillyer betreten hat, ist sie spurlos verschwunden. Das Haus liegt auf einer Anhöhe, es ist Winter. Es gibt Zeugen, die Marianne Montrose gesehen haben, als sie eintrat, aber niemand hat sie zurück kommen sehen. Die Spuren im Schnee führen zum Haus, es gibt keine Spuren, die wieder zurück führen. Alle Ermittlungen der Polizei bleiben ergebnislos. Erst viel später kommen einige Freunde auf die Spur des Mörders.

    Flucht ohne Ausweg – Evans Harrington
    Zwei Häftlinge beschließen, aus dem Gefängnis auszubrechen. Der junge Dunham, der im Affekt den Vater seiner Geliebten totgeschlagen hat, ist eigentlich nicht besonders begeistert, da er zwar Boxer ist, allerdings Gewalt, die zu weit geht, strikt ablehnt. Er ist also entsetzt, als sein Mithäftling während ihres Ausbruchs eine Spur aus Gewalt und Blut hinterlässt. Die beiden entführen den Aufseher in seinem Wagen und versuchen, damit zu fliehen. Als Mann, Dunhams Mitausbrecher, plötzlich fast durchdreht und auch auf Dunham losgeht, erhält dieser Hilfe von ungeahnter Seite.

    Junger Mann in fremdem Haus – Donald Martin
    Die ältliche Dame erwischt einen Postdieb auf frischer Tat. Als der junge Mann erschrocken fliehen will, stolpert er und verletzt sich am Knöchel. Die Dame nimmt ihn erstmal mit in ihre Wohnung, wo sie ihm heißes Wasser gibt. Der junge Mann überredet sie, ihn laufen zu lassen. Die Dame steigt darauf ein. Als sie kurz das Zimmer verlässt, nutzt der Dieb die Chance und steckt einige Schmuckstücke ein. Er flieht hinkend und läuft schon kurz darauf der Polizei in die Hände. Diese findet den Schmuck, der vor längerer Zeit aus einem ziemlich betuchten Haus verschwunden waren – in dem der junge Mann noch nie in seinem Leben war.

    Verbrechen ist erblich – Glenn Andrews
    Die junge Ann Griffith leidet sehr unter ihrem Vater. Dieser war in einen Mordprozess verwickelt, als sie gerade acht Jahre alt war. Der Fall hatte damals bundesweit Schlagzeilen gemacht. Ann floh zu ihren entfernt lebenden Verwandten. Als sie nun aufs College kommt, lebt sie immer noch in ständiger Angst. Sie möchte auf keinen Fall, dass jemand von ihrem Vater erfährt. Außerdem hat sie sich mit der Vererbungslehre beschäftigt und ist sich sicher, dass auch sie eines Tages einen Mord begehen wird.

    Gangsterurlaub – Jean Garris
    Diese wirklich spannende und gute Geschichte erzählt vom perfekten Mord. Der Mörder hat einen tollen Plan ausgeheckt, der auch aufgeht. Das Opfer ist ein Gangsterboss, dem die Justiz nichts anhaben konnte und die Welt ist zweifellos ohne ihn besser dran. Das wohl einzige Highlight in dieser Geschichtensammlung.


  • Broschiert
  • Verlag: Scherz, Mchn. (1983)
  • ISBN-10: 350250900X
  • ISBN-13: 978-3502509004
  • Donnerstag, 1. November 2007

    Die Begnadigung



    Autor: John Grisham
    Original: The Broker (2005)
    meine Bewertung: 2 von 5

    Kurz bevor Präsident Morgan sein Amt verlässt, begnadigt er noch Joel Backman, einen Wirtschaftskriminellen, der zu 14 Jahren Haft verurteilt worden war. Acht Jahre früher als erwartet, wird Backman aus seiner Zelle geholt. Er unterschreibt die Entlassungspapiere und wird vom CIA auf sehr diskrete Weise nach Italien geschafft. Natürlich alles zu seinem Schutz, wie ihm die Beamten immer wieder einreden.

    Aus Joel Backman wird Marco Lazzeri, der natürlich kein Wort Italienisch spricht und mit seiner amerikanischen und daher unmodischen Kleidung überall in Italien auffällt. Man lässt ihm eine Typveränderung angedeihen und stellt ihm Ermanno, einen jungen Studenten, und Signora Ferro an die Seite, die mit ihm Italienisch pauken. Seine Freizeit verbringt Marco mit Luigi, einem CIA Agenten. Schon bald merkt Marco, dass etwas faul sein muss. Er bekommt immer wieder neue Wohnungen zugewiesen und fühlt sich beobachtet. Er besorgt sich ein Mobiltelefon und beginnt, Pläne für seine Flucht zu schmieden. Längst ist er nämlich den Plänen der CIA auf die Schliche gekommen: Backman kam zu unermesslichen Reichtum, weil er eine Software für einen Supersatelliten verschiedenen Mächten zum Kauf anbot. Indem sie Backman zur Jagd freigeben, erhoffen sich die amerikanischen Geheimdienste einen Hinweis darauf, welchem Land dieser Supersatellit gehört. Marco flieht bald schon vor den Russen, den Chinesen, den Saudis und seinen eigenen Landsmännern. Wie eine Hasenjagd schlägt er Haken quer durch Europa, bis er schließlich wieder in Washington ankommt.

    Dieser Grisham ist nicht besonders leicht einzuschätzen. Es handelt sich nicht so konsequent um eine Erzählung wie beispielsweise „Der Richter“ oder „Die Farm“, weil doch Spannungselemente vorkommen, allerdings ist es auch bei Weitem kein Thriller. Dafür ist die Geschichte zu ereignislos. Außer Joel/Marco, den man schon nach den ersten paar Seiten wirklich sympathisch finden kann, bleiben alle Charaktere sehr flach. Man hat oft das Gefühl, eher in einem Italien- bzw. Bologna-Führer gelandet zu sein, denn in einem Roman. Leider versäumt es Grisham während des ganzen Buches eine Erklärung zu liefern, warum der Protagonist ausgerechnet nach Italien verpflanzt wurde – in ein Land, dessen Sprache er nicht ansatzweise beherrscht. Wie sich auch die Romanfigur des Öfteren wundert, wäre es doch logischer gewesen, ihn in ein englischsprachiges Land, beispielsweise Australien, England oder Kanada, zu verfrachten. Die Erklärung für diese Wahl gibt Grisham dem Leser erst im Nachwort – Joel/Marco bleibt er sie bis zum Schluss schuldig.

    Interessant ist aber dennoch, wie der Amerikaner Grisham die europäische Lebensweise und den europäischen Kleidungsstil empfindet und demnach auch beschreibt. Auf jeden Fall hört man die Begeisterung Grishams für Italien aus jeder Zeile heraus und wenn man sonst schon nichts mit dem Werk anzufangen weiß, kann man es immer noch als Restaurant-Führer benutzen.

  • Broschiert: 480 Seiten
  • Verlag: Heyne (September 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3453431979
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