Dienstag, 29. April 2008

Das Geheimnis der Goldmine



Autorin: Agatha Christie
Original: A pocket full of Rye (1953)
meine Bewertung: 5 von 5

Eigentlich ist es ja ein ganz normaler Tag im Büro. Die Angestellten machen Teepause, die Sekretärin des Chefs braut den besonderen Tee für den Boss der Familie. Doch es dauert nicht lange, da bricht dieser in seinem Zimmer zusammen. Kaum ist er im St. Jude’s Krankenhaus angekommen, ist er auch schon tot. Eine Obduktion ergibt, dass Rex Fortescue mit Taxin, dem Gift aus der Eibe, vergiftet wurde. Da es erst nach einiger Zeit wirkt, sind die Büroangestellten schnell jeglichen Verdachtes freigesprochen. Inspektor Neele beginnt seine Nachforschungen im Haus des Ermordeten, das zufällig „Zur Eibe“ heißt.

Schnell stößt er jedoch an die Grenzen der Auskunftsbereitschaft, sowohl was die Familie betrifft, als auch die Dienstboten betreffend. Die Witwe ist so gar nicht traurig über den Tod ihres Mannes, dennoch kann auch sie bald aus dem Kreis der Verdächtigen gestrichen werden. Sie wird nämlich ebenfalls vergiftet. Ein Muster ist nicht wirklich zu erkennen, der ermordete Ehemann hatte seltsamerweise auch Korn in der Tasche seines Jacketts. Die Ermittlungen wollen nicht so richtig voranschreiten, da passiert auch schon der dritte Mord. Diesesmal muss das Dienstmädchen Gladys dran glauben.

Spätestens da fühlt sich eine uns bekannte ältere Frau auf den Plan gerufen. Miss Marple macht sich auf den weg ins Haus „Zur Eibe“, schließlich stand Gladys einige Zeit in Diensten der Hobby-Detektivin. Inspektor Neele, der bereits von der alten Dame gehört hat, ist begeistert von ihrer Anwesenheit. Der unschuldig drein blickenden Dame erzählen die Dienstboten und die Fortescues natürlich weit mehr, als dem Inspektor. So ist es auch sie, die den verzwickten Fall schließlich lösen kann.

Agatha Christie schreibt einfach die besten altenglischen Krimis. Die Stimmung und Lebensweise des Englands ihrer Zeit fängt sie super ein, man meint, gemeinsam mit den alten Hausgeistern in hohen Hallen zu wandeln und sich von Dienstboten und Köchen umsorgen zu lassen. Ihre Krimis sind spannend und das bis zum Schluss, auch wenn in diesem Fall zumindest eine Frage offen bleibt (wie kam das Korn in die Tasche von Rex?), sind sie doch meist logisch und so einfach, wenn man erstmal weiß, wies war.

Auch wenn ich den Titel für dieses Buch als unglücklich gewählt empfinde (im Original: A Pocket full of Rye), kann ich jedem Krimifreund „Das Geheimnis der Goldmine“ nur empfehlen.
Broschiert: 256 Seiten
Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 1 (März 2005)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3596165423
ISBN-13: 978-3596165421

Sonntag, 27. April 2008

Kleider machen Leute



Autor: Gottfried Keller
Original: Kleider machen Leute (1866)
meine Bewertung: 4 von 5

Der arme Schneider Wenzel Strapinski wandert ohne Geld und Arbeit durch das Land. Das einzige, was er hat und worauf er Wert legt, ist sein makelloses Äußeres. Eines Tages kommt ihm eine herrschaftliche Kutsche entgegen. Der Kutscher, der die leere Kutsche überstellen soll, nimmt den wandernden Schneider mit.

Nach einiger Zeit machen sie halt an einem Gasthaus. Beeindruckt von der schönen Kutsche und dem eleganten Äußeren Strapinskis bemüht sich der Wirt sogleich um die Sympathie des vermeintlichen Edelmannes. Er bittet ihn zu Tisch, bewirtet ihn und behandelt ihn wie einen Edelmann. Besonders wohl fühlt sich Strapinski in dieser Rolle nicht, die ihm aufgenötigt wird. Andererseits hat er einfach zu viel Hunger als das Missverständnis aufzuklären. Als der Kutscher dem Wirt gegenüber noch behauptet, es handle sich bei Strapinski um einen Grafen, wird der Schein noch verstärkt.

Der Kutscher ist mit der Kutsche schon längst weg, als für Strapinski das Elend erst richtig beginnt. Er wird allen wichtigen Leuten der Stadt vorgestellt, zu Veranstaltungen geladen und herumgereicht. Dass noch niemand von ihm zuvor gehört hat, macht nichts. Schließlich ist er ein eleganter Mann mit vorzüglichen Manieren. Sehr beeindruckt ist die Tochter des Amtsrates von dem vermeintlichen Edelmanne. Auch Strapinski verliebt sich in sie. Ausgerechnet bei der Hochzeit jedoch wird die wahre Identität des Schneiders von einem eifersüchtigen Verehrer der Braut bekannt gegeben.

Doch allen Unkenrufen zum Trotz bleibt die Braut ihrem Bräutigam treu und hilft ihm sogar, sein eigenes Schneidergeschäft aufzubauen, das sodann auch tatsächlich floriert.

Keller versteht es vorzüglich mit diesem Schwank, in dem auch die Leute von Seldwyla eine Rolles spielen, dem Leser einen Spiegel vorzuhalten. Obwohl Strapinski selbst nie behauptet, ein Graf zu sein, wird er rein durch seine Äußerlichkeit von der Gesellschaft in diese Rolle gedrängt. Wenn es in die eine Richtung so schnell geht, geht’s in die andere Richtung wahrscheinlich genauso schnell. Selbst der reichste Mann wird nach seinem Äußeren mehr beurteilt werden als nach seinem Kontostand.

Gerade in dieser Zeit, in der Schönheit als Leistung verkauft und als solche auch bewertet wird, kann es ganz lehrreich sein, sich auf dieses Verwechslungsspiel einzulassen. Die Geschichte ist spannend, entbehrt nicht einer gewissen Art von Humor und kann durchaus mal gelesen werden.
Gebundene Ausgabe: 71 Seiten
Verlag: Anaconda (Juli 2006)
ISBN-10: 3866470525
ISBN-13: 978-3866470521

Fundamentalismus und Terrorismus



Autor: Thomas Kolnberger/Clelmens Six
Original: Fundamentalismus und Terrorismus (2007)
meine Bewertung: 5 von 5

Gerade in den Zeiten nach den Anschlägen vom 9. September 2001 auf das New Yorker World Trade Center, den Anschlägen auf touristische Zentren in Bali und anderen Attentaten steigt der Eindruck einer Art Daueranwesenheit von religiösem Terrorismus. Doch inwieweit ist religiöser Terrorismus eine Erscheinung unserer (modernen) Welt? Wie hängt er mit Fundamentalismus zusammen? Wo tritt er auf, welche Geschichte steckt hinter diversen Terrororganisationen?

Die beiden Herausgeber Thomas Kolnberger und Clemens Six haben in ihrem Buch „Fundamentalismus und Terrorismus. Zu Geschichte und Gegenwart radikalisierter Religion“ interessante Beiträge von namhaften Wissenschaftern gesammelt, die unter anderem die vermeintlichen Vorläufer des Terrorismus (Assassinen und Sikarier) behandeln, auf die derzeitige Situation in Südasien, Indonesien und Westeuropa eingehen und das Phänomen in einen historischen Zusammenhang bringen.

Die Autoren verzichten dabei bewusst auf eine wertende Darstellung, ihr Ziel ist es, Verstehen zu ermöglichen. Wer in politischen Diskussionen mitreden will, wissen will, was Terrorismus und Fundamentalismus ausmacht und wie die beiden Phänomene zusammenhängen will oder wer schlicht vor hat, die gleichnamige Prüfung bei Kolnberger an der Universität Wien abzulegen, ist mit diesem Buch bestens bedient!
Broschiert: 191 Seiten
Verlag: Magnus, Essen; Auflage: 1 (November 2007)
ISBN-10: 3884006045
ISBN-13: 978-3884006047

Der Zinker



Autor: Edgar Wallace
Original: The Squeaker (1927)
meine Bewertung: 2 von 5

Zu einem der wichtigsten Informanten der Londoner Polizei gehört „der Zinker“. Er ist selbst ein berüchtigter Hehler, denunziert aber seine Lieferanten bei der Polizei. Die Polizei hat keine Ahnung von der wahren Identität des Zinkers, ist aber auf der Suche. Eines Tages entdeckt aber der Juwelendieb Larry Graeme einen Hinweis auf die Identität des Zinkers, der verständlicherweise allen Dieben ein Dorn im Auge ist. Bevor er jedoch seine Entdeckung jemandem preis geben kann, wird er ermordet.

Der Kriminalreporter Josua Harras und der Polizeichef Barrabal machen sich auf die Suche nach dem Zinker, dabei stoßen sie auf den zwielichtigen Leopard-Club, eine auch nicht ganz so durchsichtige Firma und eine tragische Romanze. Schließlich gelingt es Harras und Barrabal jedoch, die Romanze zu einem Happy-End zu führen und den undurchsichtigen Fall zu entwirren.

„Noch immer gilt: Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein“, wird auf dem Buchrücken der „Buchreport“ zitiert. Und doch ist es möglich. Ich habe mich gelangweilt. Die Geschichte ist weder spannend noch interessant, lediglich auf der allerletzten Seite zeigt sich so etwas wie eine unerwartete Wendung der Geschichte. Auf den ersten 30 Seiten werden ungefähr 20 Personen vorgestellt und auch sprachlich ist das Buch nicht so der Renner.

Ich hoffe tatsächlich, ausgerechnet das schlechteste Buch von Wallace mit „der Zinker“ erwischt zu haben, denn sonst wäre schade um jene Bücher des Autors, die noch auf meinem Stapel ungelesener Bücher liegen. Die Atmosphäre des London der 20er Jahre ist jedoch zugegebenermaßen sehr authentisch geschildert, was dem Buch gerade so zwei Punkte einbringt.
Broschiert: 192 Seiten
Verlag: Goldmann (September 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442053722
ISBN-13: 978-3442053728

Samstag, 19. April 2008

Pu baut ein Haus



Autor: A. A. Milne
Original: The House at Pooh Corner (1928)
meine Bewertung: 5 von 5

Pu, der sympathische Bär mit dem eher kleinen Verstand, lebt gemeinsam mit seinen Freunden im Tausend Morgen Wald. Da wären beispielsweise Ferkel, Eule, I-Ah, Klein, Ruh und Känga. Die Tiere haben viel Spaß miteinander und erleben gemeinsam Abenteuer. In diesem Band kommt jemand neuer zur Truppe dazu: der Tiger, Tieger genannt. A. A. Milne erzählt davon, wie einst ein Sturm das Haus von Eule umblies, vom Haus, das Ferkel und Pu für I-Ah gebaut haben, den Spielen, die sich die Tiere ausdenken und von Christopher Robin, dem menschlichen Spielgefährten der Tiere.

Pu ist einfach ein Garant für witzige Unterhaltung für Jung und Alt. Die Zeichnungen von E. A. Shepard illustrieren die Abenteuer der Freunde wunderbar. Jeder, der die Pu-Geschichten nicht kennt, hat etwas versäumt. Denn viele Nuancen des Humors von Milne wird man erst als Erwachsener verstehen, als Kind wird man sowieso begeistert von den Geschichten sein.
Taschenbuch: 173 Seiten
Verlag: Dressler Verlag (Februar 1999)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3791535757
ISBN-13: 978-3791535753

Donnerstag, 17. April 2008

Die Kameliendame



Autor: Alexandre Dumas d.J.
Original: La Dame aux Camélias (1848)
meine Bewertung: 5 von 5

Der Erzähler geht zu einer Auktion in einer Pariser Wohnung, in der das käufliche Mädchen Marguerite Gautier gelebt hat und früh gestorben ist. Er kannte sie vom Sehen, sie war eine wunderschöne junge Frau. Da er etwas aus ihrem Nachlass besitzen möchte, ersteigert er ein Buch um das zehnfache des eigentlichen Wertes. Am Vorsatzblatt des Buches befindet sich eine Widmung eines gewissen Armand Duval. Zwar wundert sich der Erzähler und fragt sich, wer dieser Armand ist, misst dem jedoch keine weitere Bedeutung bei. Doch schon bald soll er Armand persönlich kennen lernen.

Armand sucht den Erzähler auf, um das Buch zurück zu kaufen. Er erzählt dabei dem Erzähler (und dem Leser) die Geschichte einer wunderbaren Liebe zwischen einem käuflichen Mädchen und einem ziemlich mittellosen Jüngling. Die beiden lieben einander heiß und innig, doch Marguerite ist, zumindest anfangs, noch von einem alten Herzog abhängig, der sie aushält und wie eine Tochter behandelt. Außerdem ist da noch Graf N., der sie zwar langweilt, aber dazu beiträgt, ihren Lebensunterhalt, der mehr als kostspielig ist, zu bestreiten.

Für Armand ist sie jedoch gewillt, alles aufzugeben und ihrem alten Leben den Rücken zu kehren. Ausschweifende Nachtgesellschaften, Bälle und Theaterbesuche gehören der Vergangenheit an. Sie und Armand ziehen aufs Land, wo sie ein ruhiges und glückliches Leben führen, zumindest eine begrenzte Zeit lang. Denn dann kommt Armands Vater, der von der Liebschaft seines Sohnes gehört hat, und versucht, erst seinen Sohn, dann Marguerite zu bekehren. Die beiden sollen sich nie wieder sehen und durch widrige Umstände wird Armand, der einst so unsterblich in Marguerite verliebt war, sie hassen und erst nach ihrem Tod wiedersehen.

Die Geschichte ist eine unbeschreiblich schöne Liebesgeschichte. Die Protagonisten sind sympathisch und ehrlich, die Geschichte eigentlich grundtraurig. Wunderbar schildert Dumas auch die Stimmung und das Leben des damaligen Paris, man sehnt sich fast, auch einmal im Theater neben Marguerite sitzen zu dürfen oder in den Champs spazieren zu gehen.
Taschenbuch: 267 Seiten
Verlag: Dtv (Oktober 1997)
ISBN-10: 3423124792
ISBN-13: 978-3423124799

Mittwoch, 16. April 2008

Gedichte



Autor: Erich Kästner
Original: Gedichte (1987)
meine Bewertung: 4 von 5

Volker Ladenthin hat über 100 Gedichte von Erich Kästner in diesem Band gesammelt und thematisch geordnet. Es handelt sich um Gedichte verschiedenster Natur, dennoch haben sie alle eines gemeinsam: In jeder Zeile wird der bissig-witzige, teilweise misanthropische Charakter Kästners deutlich, ohne jedoch nur Negatives zu vermitteln, auch wenn es auf den ersten Blick so scheinen mag. Gerade die Gedichte, die zwischen 1938 und 1945 entstanden, bringen außerdem noch die politische Haltung Kästners zum Ausdruck, man meint, seine Gedichte seien eine Art persönlicher Katharsis. Das Büchlein bietet für beinahe jeden Anlass den passenden Vers und ist für besonders jene eine Empfehlung ,die bisher nur die Kinderbücher Kästners kannten.
Taschenbuch: 174 Seiten
Verlag: Reclam, Ditzingen; Auflage: Erg. Aufl. (Januar 1987)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3150083737
ISBN-13: 978-3150083734

Sonntag, 6. April 2008

Jedermann



Autor: Hugo von Hofmannsthal
Original: Jedermann (1911)
meine Bewertung: 3 von 5


Gott beschließt, den reichen Jedermann zu sich vor den göttlichen Richtstuhl zu rufen. Er trägt dem Tod auf, Jedermann zu holen. Dieser soll seine Bücher über seine guten und schlechten Taten in Ordnung bringen und mitnehmen. Außerdem soll er in Begleitung vor Gott treten.

Jedermann erfährt die Kunde von seinem nahenden Tod auf einer Feier. Der reiche Jedermann ist es nicht gewohnt, Befehle auszuführen und Dinge nicht mit Geld kaufen zu können. Er versucht verzweifelt, den Tod zu überreden, sein Ende hinauszuschieben. Doch vergeblich.

Weder Jedermanns Vettern, die bereitwillig zu jeder Party antanzten, noch die Geliebte Jedermanns, die durchaus vor allem die finanziellen Vorteile einer Verbindung gesehen hat, sind bereit, Jedermann ins Grab zu folgen. Auch der Mammon, gut verstaut in einigen großen Kisten, weigert sich, Jedermann zu begleiten. Lediglich die guten Taten würden dem reichen Schnösel Gesellschaft leisten. Diese sind jedoch sehr schwach und können sich kaum erheben. Auch der Glaube, immer von Jedermann verachtet, weigert sich erst. Doch spät kommt Jedermann doch noch die Erkenntnis, er beginnt zu glauben und muss nicht alleine ins finstere Grab steigen.

Die Geschichte von Jedermann, die als Theaterstück weit besser wirkt als das Buch, ist wahrscheinlich hinlänglich bekannt, nicht nur aufgrund der Salzburger Festspiele. Man sollte es lieber sehen als lesen. Die Sprache des Buches ist holprig und sehr veraltet, nicht gerade lesenswert. Die Geschichte kommt mit viel Moral daher, die man kaum übersehen kann, außerdem auch sehr religiös. Sie ist ein Kind ihrer Zeit, und wie Hofmannsthal in seinem Vorwort schreibt: „Darum wurde hier versucht, dieses allen Zeiten gehörige und allgemeingültige Märchen abermals in Bescheidenheit aufzuzeichnen. Vielleicht geschieht es zum letzten Mal, vielleicht muss es später durch den Zugehörigen einer künftigen Zeit noch einmal geschehen.“
Taschenbuch: 134 Seiten
Verlag: Insel, Frankfurt; Auflage: 1 (Juni 2005)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3458348131
ISBN-13: 978-3458348139

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo



Autorin: Christiane F.
Original: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1978)
meine Bewertung: 5 von 5

Christiane ist gerade mal zwölf, als sie mit ihrer Familie aus einem kleinen, behüteten Dorf nach Berlin zieht. In ihrem Dorf waren die Kinder Freunde, es gab keine Gewalt und keine Rivalität. Gespielt wurde am Bach, in den Wäldern rund um das Dorf und auch mit Jüngeren. Doch Christianes Vater und ihre Mutter sind nach Berlin gezogen, um dort eine Heiratsvermittlungsagentur aufzumachen. Christiane und ihre um ein Jahr jüngere Schwester werden von Landkindern zu Stadtkindern.

Schnell merken sie, dass man nirgends wirklich spielen kann. Selbst der Spielplatz ist in ein Betonkorsett gezwängt. Alles was man als Kind in der Plattenbausiedlung tun kann, ist verboten. Es gibt praktisch kein Fleckchen Grün. Die Spiele der Kinder werden immer gewalttätiger und laufen darauf hinaus, dass sie entweder vor Hausmeistern, Wachmännern oder anderen Erwachsenen fliehen. Was Spaß macht, ist verboten.

Auch daheim setzt sich die Gewalt fort. Der Vater ist arbeitslos und versäuft das meiste Geld, das die Mutter als Sekretärin verdient. Christiane sieht sich mit einer Welt konfrontiert, mit der sie nichts anfangen kann. Das sensible Kind sucht nach Zusammenhalt, Freundschaft, Spaß und Frieden. Selbst in der Schule ist nichts von einer Art Gemeinschaft zu spüren. Eine Freundin findet sie dann doch: Kessi.

Kessi nimmt Christiane in den Jugendclub einer evangelischen Pfarre mit. Dort findet Christiane das, wonach sie gesucht hat – ausgelöst von Marihuana. Immer öfter raucht sie Joints, findet darin ihre Ruhe. Doch bei den Joints bleibt es nicht. Sie kommt auf alle möglichen Designerdrogen und macht schließlich Bekanntschaft mit Heroin. Innerhalb von zwei Jahren ist sie total am Ende. Mit vierzehn geht sie bereits anschaffen, um das Geld für ihre Sucht aufzubringen, einige ihrer Freunde sind bereits gestorben und sie hat mehrere fehlgeschlagene Entzüge hinter ihr.

Christianes Eltern merken lange nicht, was vor sich geht. Doch dann sind sie hilflos. Sie setze alles daran, Christiane von der Sucht wegzubekommen. Ihre Geduld und Liebe wird sehr oft auf die Probe gestellt. Schließlich sieht Christianes Mutter nur noch einen Ausweg. Sie schickt Christiane zu ihren Verwandten nach Westdeutschland. Heroin ist jedoch auch dort nicht mehr unbekannt.

Bereits in den 80er Jahren, als das Buch herauskam, sorgte es für Aufsehen, Mitleid, Betroffenheit und Fassungslosigkeit. Es handelt sich um die Verschriftlichung langer Tonbandaufnahmen von Interviews der beiden Stern-Reporter Kai Hermann und Horst Rieck mit der damals 15-jährigen Christiane. Detailliert schildert sie ihre Gedanken und ihr Leben, man lernt das verzweifelte Kind so gut kennen, dass man nach Beendigung des Buches Suchmaschinen durchforstet, um Hinweise darauf zu finden, wie es Christiane jetzt, mehr als 20 Jahre danach, geht.

Bei uns in der Schule zählte es nicht zur Pflichtlektüre, was ich für ein großes Versäumnis halte. Es ist ein abschreckender Tatsachenbericht, obwohl man die Beweggründe Christianes sehr gut verstehen kann. Es zeigt, wie hart der Weg aus einer Sucht sein kann, wie schrecklich alles ist, was damit zusammenhängt. Es ist ein berührendes, erschreckendes Buch, das auf jeden Fall zur allgemeinen Pflichtlektüre in der Schule zählen sollte.
Taschenbuch: 333 Seiten
Verlag: Stern-Verlag; Auflage: 36. Aufl. (1993)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3570023915
ISBN-13: 978-3570023914

Freitag, 4. April 2008

The Eyre Affair



Autor: Jasper Fforde
Original: The Eyre Affair (2001)
meine Bewertung: 5 von 5

Wir schreiben das London des Jahres 1985. Thursday Next, ohne Freund, ohne nennenswertem sozialen Leben, dafür mit einem Dodo der Version 1.2 und selbst bereits jenseits der 30. Sie ist in der Spezialeinheit LiteraTec. Denn in diesem London wird vor allem die Literatur geehrt und beschützt, die Menschen sind verrückt nach Büchern und benennen sich sogar nach ihren Lieblingsschriftstellern oder Romanfiguren. Wahre Pilgerstätten sind die Originalmanuskripte von Dickens oder Brontë.

Mycroft Next, der schrullige und ebenso geniale Erfinder, entwickelt sogar eine Vorrichtung, mit der man in Romane spazieren kann. Thursday war früher schon in einem Roman, nämlich als Kind. Sie hat Jane Eyre gesehen und mit Edward Rochester sogar eine Art Freundschaft geschlossen. Jetzt hat der ultimative Bösewicht, Acheron Hades, das ProsaPortal, Mycrofts Erfindung, gestohlen und Mycroft gekidnappt. Außerdem ist das Originalmanuskript von Dickens „Martin Chuzzlewit“ verschwunden.

Um seine Macht zu beweisen, entführt Hades eine Nebenfigur aus dem Originalmanuskript von „Martin Chuzzlewit“. Er bringt die Figur in die Gegenwart und ermordet sie da. Da er somit das Originalmanuskript verändert hat, schreiben sich auch alle anderen „Chuzzlewit“-Ausgaben neu. Hades droht damit, Jane Eyre zu entführen. Und welche Auswirkungen das auf das Buch haben wird, da es ja in der ersten Person erzählt ist, ist klar. Thursday und ihre Kollegen von LiteraTec werden aktiv und versuchen, das Schlimmste zu verhindern.

„The Eyre Affair“ ist ein ungewöhnliches Buch. Es steckt voller literarischer Anspielungen und als wahre Bücherratte wünscht man sich richtig, doch auch einmal in diesem London vorbei zu schauen, wo Bücher über alles gehen. Zwar muss man selbst nicht unbedingt alle Werke gelesen haben, die vorkommen oder auf die angespielt wird, um Spaß bei der Sache zu haben. Jedoch macht es das Buch noch witziger, wenn man zumindest „Jane Eyre“ gelesen hat – das ich sowieso jederzeit jedem ans Herz legen würde.
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Hodder & Stoughton (19. Juli 2001)
Sprache: Englisch
ISBN-10: 034073356X
ISBN-13: 978-0340733561

Der kleine Mann und die kleine Miss



Autor: Erich Kästner
Original: Der kleine Mann und die kleine Miss (1967)
meine Bewertung: 5 von 5
Mäxchen Pichelsteiner ist nur fünf Zentimeter groß, deshalb wird er von allen nur „Der kleine Mann“ genannt. Weil er Vollwaise ist, lebt er bei Professor Jokus von Pokus, der im Zirkus Stilke als Zauberkünstler arbeitet. Er macht es sich in dessen Brusttasche bequem und in der Nacht schläft er in einer Streichholzschachtel. Mit dem Fräulein Rosa von Marzipan, einer erfolgreichen Zirkuskünstlerin und der Freundin von Jokus versteht er sich auch ganz prächtig.

Nun kommt eines Tages der berühmte Hollywood-Regisseur Herr Drinkwater von Amerika in den Zirkus Stilke. Er möchte das Leben von Mäxchen Pichelsteiner und seinen Freunden aus dem Zirkus verfilmen. Mäxchen und alle anderen Beteiligten sind einverstanden. So beginnen also spannende Filmaufnahmen für Hollywood, die das aufregende Leben vom kleinen Mann verfilmen. Als der Film schließlich in die Kinos und ins Fernsehen kommt, wird er ein durchschlagender Erfolg. Der kleine Mann und seine Freunde sind plötzlich berühmt und reich noch dazu.

Da meldet sich schließlich auch noch eine Misses Simpson aus Alaska. Sie ist im selben Dorf geboren und auch genauso klein, wie die restlichen Einwohner, nämlich 50 Zentimeter. Außerdem hat Misses Simpson eine Tochter. Und nun ratet einmal, wie groß die wohl ist! Misses Simpson und Emily, ihre Tochter, kommen zu Jokus von Pokus und dem Fräulein Marzipan, wo sich die Kinder sofort anfreunden und schon bald ihren eigenen kleinen Haushalt führen.

„Der kleine Mann und die kleine Miss“ ist der Nachfolge-Band der Geschichte „Der kleine Mann“. Doch auch wenn man den ersten Band nicht kennt, hat man viel Spaß mit dem Buch, denn in einer Kurzzusammenfassung in Bildern wird der erste Band auch jenen nahe gebracht, die ihn gar nie gelesen haben. Das Buch ist charmant und amüsant, Kästner ist einfach ein Genie. Er weiß, was Kinder (und manche Erwachsenen) gerne lesen. Ohne Gewalt, dafür mit etwas Drama und Spannung und liebevoll illustriert, so präsentiert sich „Der kleine Mann und die kleine Miss“.
Gebundene Ausgabe: 188 Seiten
Verlag: Dressler Verlag; Auflage: 23., Aufl. (Februar 1967)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3791530186