Sonntag, 27. April 2008

Kleider machen Leute



Autor: Gottfried Keller
Original: Kleider machen Leute (1866)
meine Bewertung: 4 von 5

Der arme Schneider Wenzel Strapinski wandert ohne Geld und Arbeit durch das Land. Das einzige, was er hat und worauf er Wert legt, ist sein makelloses Äußeres. Eines Tages kommt ihm eine herrschaftliche Kutsche entgegen. Der Kutscher, der die leere Kutsche überstellen soll, nimmt den wandernden Schneider mit.

Nach einiger Zeit machen sie halt an einem Gasthaus. Beeindruckt von der schönen Kutsche und dem eleganten Äußeren Strapinskis bemüht sich der Wirt sogleich um die Sympathie des vermeintlichen Edelmannes. Er bittet ihn zu Tisch, bewirtet ihn und behandelt ihn wie einen Edelmann. Besonders wohl fühlt sich Strapinski in dieser Rolle nicht, die ihm aufgenötigt wird. Andererseits hat er einfach zu viel Hunger als das Missverständnis aufzuklären. Als der Kutscher dem Wirt gegenüber noch behauptet, es handle sich bei Strapinski um einen Grafen, wird der Schein noch verstärkt.

Der Kutscher ist mit der Kutsche schon längst weg, als für Strapinski das Elend erst richtig beginnt. Er wird allen wichtigen Leuten der Stadt vorgestellt, zu Veranstaltungen geladen und herumgereicht. Dass noch niemand von ihm zuvor gehört hat, macht nichts. Schließlich ist er ein eleganter Mann mit vorzüglichen Manieren. Sehr beeindruckt ist die Tochter des Amtsrates von dem vermeintlichen Edelmanne. Auch Strapinski verliebt sich in sie. Ausgerechnet bei der Hochzeit jedoch wird die wahre Identität des Schneiders von einem eifersüchtigen Verehrer der Braut bekannt gegeben.

Doch allen Unkenrufen zum Trotz bleibt die Braut ihrem Bräutigam treu und hilft ihm sogar, sein eigenes Schneidergeschäft aufzubauen, das sodann auch tatsächlich floriert.

Keller versteht es vorzüglich mit diesem Schwank, in dem auch die Leute von Seldwyla eine Rolles spielen, dem Leser einen Spiegel vorzuhalten. Obwohl Strapinski selbst nie behauptet, ein Graf zu sein, wird er rein durch seine Äußerlichkeit von der Gesellschaft in diese Rolle gedrängt. Wenn es in die eine Richtung so schnell geht, geht’s in die andere Richtung wahrscheinlich genauso schnell. Selbst der reichste Mann wird nach seinem Äußeren mehr beurteilt werden als nach seinem Kontostand.

Gerade in dieser Zeit, in der Schönheit als Leistung verkauft und als solche auch bewertet wird, kann es ganz lehrreich sein, sich auf dieses Verwechslungsspiel einzulassen. Die Geschichte ist spannend, entbehrt nicht einer gewissen Art von Humor und kann durchaus mal gelesen werden.
Gebundene Ausgabe: 71 Seiten
Verlag: Anaconda (Juli 2006)
ISBN-10: 3866470525
ISBN-13: 978-3866470521

1 Kommentar:

  1. sternenschein schreibt am 27.04.2008 um 11:59 Uhr:
    Ein interessantes Thema. Schönheit als Leistung. Charakter der nach der Kleidung beurteilt wird.
    Ein wenig erinnert es mich auch an einen alten Film, in dem einem Bettler eine ein Millionen Dollar Note gegeben wird.
    Er kann sie nicht auchsgeben, er bekommt alles umsonst, da er scheinbar so reich ist, und alle ihn sich gewogen machen wollen.
    Ja, die Welt ist schon verrückt.
    Und trägst Du heute nicht die richtige Marke, wirst du gemobbt.
    Der Teufel trägt Prada.
    Liebe Grüsse
    sternenschein

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