Samstag, 31. Mai 2008

Vom Winde verweht



Autorin: Margaret Mitchell
Original: Gone with the Wind (1936)
meine Bewertung: 5 von 5

Georgia, Südstaaten. Wir schreiben die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Scarlett O’Hara ist gerade im Backfischalter. Sie lebt, gut behütet und von allen geliebt, auf Tara, der elterlichen Farm. Ihr Vater, Gerald O’Hara, kam aus Irland, kaufte die Plantage und wurde durch den Anbau von Baumwolle ein reicher und angesehener Mann. Seine Frau Ellen, die aus einer alten und angesehenen Familie stammt, hat ihm Scarlett, Carreen und Suellen geboren und kümmert sich um die Geschicke der Farm, indem sie für die Sklaven sorgt und gesellschaftliche Verpflichtungen wahrnimmt.

Die hübsche Scarlett wird von jungen Männern regelrecht umlagert, benimmt sich aber meist schicklich, so wie ihre Nanny ihr das gelernt hat. Normalerweise bekommt Scarlett, was sie sich in ihr keckes Lockenköpfchen gesetzt hat, doch der Mann ihrer Träume, Ashley, ist bereits Melanie versprochen. Eine Vernunftehe seitens Scarlett soll Ashley heimzahlen, dass er nicht sie ehelichte. Denn auch Ashley scheint Gefühle zu Scarlett zu haben. Melanie hingegen, mit der Scarlett durch ihre Ehe schließlich verwandt wird, ist Scarlett sehr zugetan, obwohl diese sie am liebsten verfluchen würde.

Rhett Butler, ein etwas zwielichtiger Mann, der von seiner Familie verstoßen wurde und in New Orleans nicht mehr empfangen wird, ist zufällig anwesend, als Scarlett Ashley ihre ungehörigen Gefühle gesteht und kreuzt seit diesem Zeitpunkt immer wieder ihre Wege. Noch ahnt Scarlett nicht, wohin das alles später führen würde.Was schon länger in der Luft lag, wird schließlich die harte Realität. Der Krieg gegen die Yankees bricht aus, die Männer werden eingezogen. Scarlett hofft und bangt um Ashley, nur um schließlich zu erfahren, dass ihr eigener Mann gefallen ist. Sie hat ein Baby von ihm, das sie nicht liebt und mit dem sie nichts anfangen kann, außerdem langweilt sie sich. Also schickt Ellen sie nach Atlanta zu ihrer Tante Pitty. Scarlett taucht in das prickelnde Leben in der Großstadt ein, sie genießt es, obwohl sie eigentlich in Trauer sein sollte. Und wieder ist da Rhett Butler.

Der Krieg wird schlimmer, schließlich erreicht er auch Atlanta. Für Scarlett beginnt eine Zeit voll Arbeit und Entbehrungen, eine Zeit, die sie, die verwöhnte Tochter aus gutem Hause nicht gewöhnt ist. Die schwache Melanie ist außerdem schwanger von ihrem Gatten Ashley, in den Scarlett verliebt ist und um dessen Person sich ihr gesamtes Denken und Tun dreht. Außer Rhett scheint jedoch niemand davon zu wissen. Da der Krieg schrecklicher wütet, machen sich die schwangere Melanie und Scarlett gemeinsam mit Scarletts Kind und Prissy, dem Kindermädchen auf den Weg nach Tara. Dort angekommen, beginnt der Alptraum erst recht.

„Vom Winde verweht“ ist ein wahrlicher Wälzer, der das Leben von Scarlett O’Hara beschreibt. Die Protagonistin ist denkbar unsympathisch. Sie ist stolz darauf, noch nie in ihrem Leben ein Buch gelesen zu haben und alles, was sie tut, tut sie um Ihretwegen. Selbst wenn sie eigentlich mit ihrem Tun auch anderen hilft, ist die Motivation für dieses Tun immer egozentrisch. Selbstlosigkeit ist Scarlett fremd, ebenso wie Skrupel.

Das Werk ist sprachlich faszinierend, ebenso wie die Atmosphäre, die das Buch vom Süden der (schließlich doch) vereinigten Staaten vermittelt. Man sieht die üppige Baumwolle wahrlich vor sich, hört das Ächzen von Mammy und das Singen der schwarzen Sklaven. Mitchell vermittelt ein Bild von Sklavenhaltung, die ein anderes ist, als man es gemeinhin kennt. Die O’Haras (und ihre Nachbarn, Freunde, Verwandten etc.) behandeln ihre Sklaven als Familienmitglieder. Ellen wacht an deren Betten, wenn sie krank sind, es gibt gemeinsame Hausmessen und Geschenke zu Weihnachten. Mammy, die seit drei Generationen für die Kinder der Familie sorgt, hat viel im Haus zu sagen und ist eine Autorität. Mitchell begann den Roman 1926, sie wurde 1900 geboren, erlebte also die Zeit des Krieges und der Sklaverei nicht wirklich mit, bekam aber durch ihre Vorgängergenerationen wahrscheinlich einen recht guten Eindruck davon. Ob das Bild der Sklaverei geschönt ist oder den Tatsachen entspricht, wage ich nicht zu beurteilen. Interessieren würde es mich aber. Wahrscheinlich gab es solche und solche.

Obwohl sich das Buch im Allgemeinen gut lesen lässt, weist es doch durch die Erzählungen vom Krieg einige Längen auf, die man vielleicht besser nutzen hätte können. Schade, dass das Buch wirklich nur Scarletts Leben, Denken und Empfinden schildert. So wird beispielsweise ihr Sohn Wade geboren, dann aber nicht weiter erwähnt – außer als Störquelle für Scarlett.

Die gesamte Geschichte ist irgendwie tragisch, lang, manchmal anstrengend und manchmal möchte man Scarlett in den Hintern treten. Aber andererseits muss man auch bewundern, was sie als Frau in einer Zeit wie dieser geschafft hat und irgendwie versteht man sie, auch wenn man nicht gutheißt, was sie tut. Aus der Lektüre hat sich eine wahre Hassliebe entwickelt, es hat meiner Meinung nach verdientermaßen einen Pulitzer-Preis gewonnen und wurde nicht umsonst der meistgesehene Film überhaupt. Lesenswert, wenn man Durchhaltevermögen hat!
Taschenbuch: 1119 Seiten
Verlag: Ullstein; Auflage: 1. Aufl. (Dezember 2007)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3548269338
ISBN-13: 978-3548269337

Kommentare:

  1. Sadeyes schreibt am 31.05.2008 um 21:07 Uhr:
    Habe das Buch noch nie gelesen, bin aber absoluter Fan des Films und dessen Nachfolger.
    Bin schon immer mal um das Buch herumgeschlichen, hab mich aber gefragt, ob es sich lohnt, das Buch zu lesen, wenn man den Film schon in- und auswendig kennt. Sind ja doch ein paar Seiten...
    Was würdest Du denn empfehlen?

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  2. tinius schreibt am 01.06.2008 um 01:09 Uhr:
    Nach dem Film habe ich mich lange geweigert, mir das auch noch als Buch anzutun. Das war ein Fehler - übrigens ebenso bei Doktor Schiwago - denn beide Bücher sind um Meilen besser als die doch recht kitschtriefenden Technicolor - Verfilmungen. LG tinius

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  3. chil schreibt am 01.06.2008 um 07:17 Uhr:
    @Sadeyes:
    Ich würde dir schon empfehlen, es zu wagen! Es lohnt sich, wahrscheinlich sogar noch ein bisschen mehr, wenn man den Film kennt. Da hat man sich mit Scarlett sozusagen schon ein bisschen angefreundet!

    @tinius:
    Freut mich, dich hier zu sehen! *wink*

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  4. Sadeyes schreibt am 01.06.2008 um 07:36 Uhr:
    Danke! Dann werde ich es doch mal auf meine Liste setzen :)

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  5. tinius schreibt am 01.06.2008 um 19:15 Uhr:
    Ich bin ja schon länger hier. Es gab ja schon einen Mailwechsel zwischen uns. :) LG tinius

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  6. chil schreibt am 02.06.2008 um 20:01 Uhr:
    Ja, aber ich meinte hier im "Vom Winde verweht" Beitrag =)

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