Dienstag, 26. August 2008

Rom intensiv



Autor: Feridun Zaimoglu
Original: Rom intensiv (2007)
meine Bewertung: 4 von 5

Der Deutsch-Türke Feridun Zaimoglu verbringt als Stipendiat ein Jahr in Rom. Seine Italienischkenntnisse reichen dabei gerade aus, um einen Cappuccino zu bestellen und tatsächlich Kaffee zu bekommen, dennoch wagt er sich unerschrocken ins Getümmel. Seine Erfahrungen in dieser Stadt bringt er auf amüsante Art und Weise zu Papier, er gibt einen umfassenden Einblick in die Denk- und Handlungsweise der Römer – zumindest der, die er kennen gelernt hat.

Während des Lesens seiner amüsanten Geschichten von Begegnungen merkt man, wie sehr er die ewige Stadt ins Herz geschlossen hat, ebenso wie ihre Einwohner. Das Buch ist sogar „Den schönen Einwohnern Roms“ gewidmet. Oftmals erzählt der Deutsche in der Diaspora seine Erlebnisse auf eine launige Art und Weise, dennoch bedient er sich nicht einfacher Klischees. Unglaublich kreativ schildert er die Vielschichtigkeit der italienischen Mentalität und macht Lust darauf, sich selbst einmal in das Gedränge und Gewühl zu werfen, sich nach Neapel zu begeben oder die heilige Rosalia zu besuchen.

Zaimoglus Reise- bzw. Lebensabschnittsbericht ist sympathisch und erfrischend, man hat zumindest das Gefühl, dass sich das alles genau so zugetragen haben könnte. Es ist kein Fehler, vor dem nächsten Romaufenthalt zu diesem Buch zu greifen, dennoch sollte man sich die Mühe machen, selbst Erfahrungen mit Römern zu sammeln.
Broschiert: 255 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (März 2007)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3462037897
ISBN-13: 978-3462037890

Sonntag, 24. August 2008

Nacht liegt überm Bosporus



Autorin: Violan Lo
Original: Nacht liegt überm Bosporus (1953)
meine Bewertung: 0 von 5


Die Ärztin Eva Kaar feiert gemeinsam mit ihren Freunden Geburtstag. Als das Telefon klingelt und sie in Kenntnis davon gesetzt wird, dass sich ihre Bekannte Hamascha eben erschossen hat und im Sterben liegt, wird die Feier jäh unterbrochen. Eva macht sich sofort auf den Weg zu Hamascha, die noch lange genug lebt, um ihr ein Geheimnis anzuvertrauen. Doch Eva kommt nicht wieder zurück. Am Heimweg kommt ihr Auto von der Straße ab, Evas Leiche wird am nächsten Tag im Meer treibend gefunden.

Evas Bruder Michael glaubt nicht so recht an die Sichtweise der türkischen Polizei, die die Sache als Unfall abtut und beginnt, selbst Ermittlungen aufzunehmen. Schon bald stößt er auf einige Ungereimtheiten. Er ist sich sicher, dass Evas Mörder in ihrem Freundeskreis zu finden ist. Als dann noch Hamaschas Exfreund Stout erschossen wird, beginnt auch die Polizei mit ihren Ermittlungen.

„Nacht liegt über dem Bosporus“ ist ein unglaublich schlechtes Buch. Die Figuren haben ungefähr die Tiefe eines Blatt Papiers, die Geschichte an sich ist nicht so schlecht, die Ausführung jedoch umso mehr. Innerhalb von fünf Seiten ist der Mörder schließlich gefasst, es kommen kaum Dialoge vor und jeder zweite Satz beginnt mit „Allein“. Da fast alle handelnden Personen keine Einheimischen sind, sondern Deutsche, Amerikaner oder Franzosen, die in der Türkei arbeiten, hätte man doch ein paar atmosphärische Schilderungen erwarten können, doch auch die fehlen gänzlich. Keinesfalls lesen!
Gebundene Ausgabe: 237 Seiten
Verlag: Deutsche Buchgemeinschaft (1953)
ISBN-10: 5882114640

Samstag, 23. August 2008

Über den grünen Klee der Kindheit



Autor: Alois Brandstetter
Original: Über den grünen Klee der Kindheit (1982)
meine Bewertung: 3 von 5

In diesem Werk beschreibt Alois Brandstetter seine Kindheit im Oberösterreichischen Pichl, einem kleinen, bäuerlichen Dorf wo jeder jeden kennt. Obwohl seine Kindheit vom Krieg geprägt, anstrengend und alles andere als idyllisch war, tut er das mit unüberhörbarer Liebe und mit leisem Bedauern, dass seine Kindheit nun unwiederbringlich verloren ist.

Brandstetters kluger Wortwitz und sein Spiel mit der Sprache ist einfach unvergleichlich. Der Sprachwissenschafter in ihm lässt sich auch immer wieder dazu verleiten, Ausflüge ins Mittelhochdeutsche zu machen, was nebenbei auch noch den Effekt hat, dass man durchaus etwas über die etymologischen Wurzeln der (in meinem Fall eigenen) Mundart lernen kann.

Obwohl „Der Leumund des Löwen“ insgesamt witziger ist, ist es doch ein Buch, das einem vor allem dann ans Herz gelegt sei, wenn man Österreicher oder gar Oberösterreicher/ Niederösterreicher ist, oder sich für das kleine Ländle interessiert.
Gebundene Ausgabe: 145 Seiten
Verlag: Residenz Verlag GmbH (Januar 1992)
ISBN-10: 3701703019
ISBN-13: 978-3701703012

Freitag, 22. August 2008

Draußen vor der Tür



Autor: Wolfgang Borchert
Original: Draußen vor der Tür (1956)
meine Bewertung: 4 von 5

Beckmann ist gerade vom Krieg heimgekehrt, doch alles hat sich verändert. Er war in Sibirien, hat dort die Hölle durchgemacht und möchte eigentlich nur heim zu seiner Frau. Doch da ist schon einer, der seinen Platz eingenommen hat. Beckmann will sich in die Fluten der Elbe werfen, um sein Leben zu beenden, die Elbe wehrt sich aber und möchte sein Leben nicht. Also muss er wohl weiterleben. Ein Mädchen beginnt sich für ihn zu interessieren, es sieht so aus, als gäbe es noch ein Leben nach dem Krieg. Beckmann vergisst aber, dass auch er schnell zum Anderen werden kann.

Neben dieser Geschichte sind in meiner Ausgabe auch noch „Stimmen in der Luft – in der Nacht“, „An diesem Dienstag“, „Mein bleicher Bruder“, „Nachts schlafen die Ratten doch“, „Die lange lange Straße lang“, „Lesebuchgeschichten“, „Die Hundeblume“, „Schischyphusch“, „Die Küchenuhr“, „Das Brot“, „Die drei dunklen Könige“, „Generation ohne Abschied“, „Dann gibt es nur eins“ und „Das ist unser Manifest“ zu finden.

Die Geschichten haben alle eine sehr traurige, melancholische und düstere Stimmung gemeinsam, mal sind die Protagonisten aller Hoffnungen und Illusionen beraubt, mal kommt doch eine Art Hoffnung zustande, allerdings nur, um letztlich wieder zerstört zu werden. Das Büchlein ist mit seinen 120 Seiten sehr dünn, allerdings kann man es nicht wirklich gut auf einmal lesen. Die Stimmung und Thematik erfordert zwischen den einzelnen Erzählungen Nachdenkpausen, sprachlich sind sie ausgetüftelt, manchmal sogar ein wenig humoristisch, zB dann, wenn von „vielfältigen Tränensäcken“ die Rede ist.

Gerade nachgeborenen Generationen schadet es nicht, einmal aus einer Welt voll Überfluss und Dauerbespaßung zu entfliehen und sich auch einmal auf Ernsteres einzulassen. Man darf ruhig auch einmal über Gelesenes nachdenken. Nicht nur als Schullektüre empfehlenswert.
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Rowohlt Tb.; Auflage: 89 (1. Januar 1956)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 349910170X
ISBN-13: 978-3499101700

Dienstag, 19. August 2008

The Secret Diary of Adrian Mole, aged 13 3/4



Autorin: Sue Townsend
Original: The Secret Diary of Adrian Mole, aged 13 3/4
meine Bewertung: 2 von 5

Adrian Mole ist 13 ¾ Jahre alt, als er damit beginnt, sein wahnsinnig schwieriges Leben in einer kleinen, englischen Stadt in einem Tagebuch festzuhalten. Adrian ist ein Einzelkind und hält sich für hochintelligent. Schade, dass er der Einzige ist, der diesen enormen IQ erkennt. Typische Teenager-Probleme gehören ebenso zu seinem Alltag wie einige eher untypische Episoden, beispielsweise muss er sich in seinem zarten Alter nicht nur um etwaige Pickel am Kinn Gedanken machen, sondern sich auch um seine Familie sorgen.

Seine Mutter hat eine Affaire und zieht kurzzeitig aus, weshalb Adrian zu einem Teilzeit-Trennungskind wird. Außerdem verliert sein Vater seine Arbeit, Adrian sieht sich schon am Hungertuch nagen. Sein verständnisvoller, 89-jähriger Freund Bert fordert neben Schule, Haushalt und Hundeversorgung auch einiges an Aufmerksamkeit. Außerdem ist da auch noch Pandora, in die er verzweifelt verknallt ist.

Adrian ist ein sympathischer Charakter, der erste Band seiner Tagebücher ist noch ein typisches Kinderbuch, doch spätestens wenn Adrian älter wird („Die Cappuccino-Jahre“, siehe Rezension hier), entpuppt er sich als vielschichtiger Charakter, die Bücher gewinnen später noch mehr an Wortwitz und Situationskomik. Dieser Band ist nett, aber nicht überragend. Außerdem merkt man, dass das Buch bereits 1982 erschien. Zwar haben sich viele der Kernprobleme von heutigen Teenagern nicht besonders verändert, aber Unterschiede gibt es doch. Witziger und moderner sind auf jeden Fall die Bücher der „Bert“-Reihe von Olsson/Jacobsson, die man getrost diesem Werk vorziehen kann.
Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: Puffin; Auflage: New Ed (31. Oktober 2002)
Sprache: Englisch
ISBN-10: 0141315989
ISBN-13: 978-0141315980

Sonntag, 17. August 2008

Zirkuskind



Autor: John Irving
Original: A Son of the Circus (1994)
meine Bewertung: 5 von 5

John Daruwalla ist zwar in Indien geboren, lebt aber die meiste Zeit des Jahres in Kanada. Der attraktive Arzt hat einige Semester in Wien studiert und dabei seine zukünftige Frau Julia kennen gelernt. Er vereint in seiner Familie viele Nationen, dennoch fühlt er sich nirgends richtig zugehörig. Er freut sich, wieder nach Kanada zu kommen, nachdem er längere Zeit in Indien war, freut sich aber jedes Mal wieder darauf, nach Indien zu fahren, um dort verkrüppelten Kindern zu helfen.

Daruwalla ist Orthopäde, hat aber einige seltsame Hobbys. Zum einen sammelt er das Blut von Zwergen, weil er den genetischen Marker von Zwergwuchs finden möchte. Zum anderen schreibt er anonym Drehbücher für die Leinwandabenteuer von Inspektor Dhar. Als Genetiker ist er nicht besonders erfolgreich, weil sich die Zwerge meist kein Blut abnehmen lassen wollen. Weil es im Zirkus besonders viele kleinwüchsige Menschen gibt, treibt er sich dort auch häufig herum. Daruwalla liebt die Atmosphäre des Zirkus, viele Erinnerungen verbinden ihn mit den wandernden Artisten. Wahrscheinlich, weil sie ebenso wie er ein Leben auf Wanderschaft führen.

Mit den Drehbüchern wiederum verhält es sich ganz anders. Die Filme mit Inspektor Dhar erfreuen sich größter Beliebtheit in Indien, weil aber in jedem Film mehrere Bevölkerungsgruppen schlecht weg kommen – seien es die Polizei, Prostituierten oder Zugehörige bestimmter Kasten – ist Dhar neben der meistbewunderten auch die meistgehasste Person des öffentlichen Lebens in Indien. So ist es nur verständlich, dass John D., wie Dhar wirklich heißt, fast das ganze Jahr lang in der Schweiz lebt und arbeitet. Auch er wandert sozusagen. Zum Glück glauben die Inder dem Gerücht, Dhar hätte sich selbst erfunden und auch seine Drehbücher selbst geschrieben, ansonsten wäre Daruwalla wohl schon längst kein so angesehenes Mitglied der Gesellschaft und des exklusiven Duckworth Clubs mehr.

Als Daruwalla, seine Frau Julia und John D. eines Tages wieder in Indien weilen, ereignet sich eine Reihe von Morden, die auffallend einem Doppelmord ähneln, der vor zwanzig Jahren verübt wurde. Damals wurde Daruwalla an den Tatort gerufen, auch John D. ist in weitesten Sinne in die Geschehnisse verwickelt. Gemeinsam mit Inspektor Patel und dessen Frau Nancy, die vor zwanzig Jahren Zeugin der Morde wurde, machen sich Daruwalla, Julia und Dhar daran, den wahren Mörder zu finden.

Rund um dieses Handlungsskelett hat Irving einen unbeschreiblichen Roman verfasst. Wie Irving selbst zugibt, war er nur einmal für einen kürzeren Zeitraum in Indien, das heißt, dass wahre Indienkenner wohl bei dem einen oder anderen Detail ein Auge zudrücken werden müssen. Der Leser mit keinen Indienkenntnissen wird sich in einer Welt wiederfinden, von der er Irving glaubt, dass es Indien sein könnte. Beinahe zu plastisch beschreibt er das Leben in den Slums, auf der Straße und in einem krassen Gegensatz dazu das Leben, das die wohlhabenden Ausländer im Duckworth Club führen.

Der Roman erzählt nicht nur einen Ausschnitt aus dem Leben der Protagonisten, er ist das Leben der Protagonisten. Man fühlt sich mit den Figuren der Geschichte verbunden und ist traurig, als das Buch sich dem Ende neigt. Viele Details und Ausflüge in die Vergangenheit, weitere Handlungsstränge und verschiedene Verwicklungen machen es schwer, den Inhalt korrekt wiederzugeben. Es verhält sich mit der Geschichte fast so wie mit Curry. Es ist eine wohlschmeckende Mischung aus vielen Gewürzen, die zu trennen, wenn sie einmal vermischt sind, sich als eine beinahe unmögliche Aufgabe entpuppt. Den bleibenden Eindruck kann man nur als gelungen bezeichnen.

Irving hat nicht nur eine Menge Details und Handlungsstränge in einem Buch vereint, sondern spielt auch mit dem Tempo der Geschichte. Viele der Rückblenden kommen in einem eher gemächlichen Tempo daher, weshalb die eigentliche Geschichte zeitweise nicht voran kommt, im Gegenzug dazu gewinnt sie allerdings gegen Ende an Spannung und Fahrt. Neben traurigen Episoden kommen auch durch und durch ironische Szenen und viel Humor nicht zu kurz. Wie in „Hotel New Hampshire“ kommen immer wieder Sätze vor, die sich wie ein roter Faden durch das Werk ziehen, ebenso wie kleine Episoden, die erst gegen Ende des Buches an Bedeutung gewinnen und einigen Metaphern.

Insgesamt kann man „Zirkuskind“ Lesern wärmstens empfehlen, die ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen mitbringen und auch dazu bereit sind, sich auf ein ganzes Leben vieler sympathischer und sehr dreidimensionaler Charaktere einzulassen. Keine literarische Schonkost und auch kein literarisches Fast Food, sondern wohl eher das Festessen unter den Werken zeitgenössischer Autoren.
Taschenbuch: 969 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag; Auflage: 8., Aufl. (Oktober 2000)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3257229666
ISBN-13: 978-3257229660

Samstag, 2. August 2008

Das Verderben



Autorin: Ruth Rendell
Original: Harm Done (1998)
meine Bewertung: 0 von 5

Die nicht gerade mit einem hohen IQ gestrafte Lizzie Cromwell verschwindet eines Tages nach dem Ausgehen in einem kleinen englischen Dorf. Die Eltern machen sich Sorgen, die Polizei wird eingeschaltet und tappt im Dunklen. Nach drei Tagen taucht Lizzie allerdings unversehrt wieder auf.

Erst will sie der Polizei gar nicht erzählen, was passiert ist, dann tischt sie den Beamten eine Lügengeschichte auf. Da nichts passiert ist, hat die Polizei eigentlich keinen wirklichen Fall und beendet die Ermittlungen. Dann verschwindet allerdings auch noch die kluge Rachel auf dieselbe Art und Weise. Doch auch sie kommt nach einigen Tagen wohlbehalten wieder zurück. Was ist passiert? Inspektor Wexford macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.

Klingt eigentlich ganz spannend, ist es leider aber nicht. Insgesamt beschränkt sich das Buch aber nicht auf diese Geschichte, sondern ein weiteres Kind wird entführt, ein Polizist wird erschossen und ein Mann ermordet. Da von Anfang an klar ist, dass diese Vorfälle nicht zusammenhängen, irgendwie bleibt schleierhaft, wozu das dann alles geschildert wir. Das ganze Buch ist eher verwirrend und alles andere als spannend. Auch der „psychologische Scharfblick“, der laut „Die Welt“ ein Attribut von Rendell sein soll, macht sich nirgends bemerkbar.

Wenn man auf wirklich gute englische Krimis steht und gerne etwas Moderneres als Agatha Christie hätte, könnte man auch auf Anne Granger zurück greifen. Sprachlich weit besser, insgesamt interessanter, wenn auch nicht nervenzerfetzend. „Das Verderben“ kann man sich jedenfalls ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, sparen.
Taschenbuch: 479 Seiten
Verlag: Goldmann (Februar 2002)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442451299
ISBN-13: 978-3442451296