Sonntag, 17. August 2008

Zirkuskind



Autor: John Irving
Original: A Son of the Circus (1994)
meine Bewertung: 5 von 5

John Daruwalla ist zwar in Indien geboren, lebt aber die meiste Zeit des Jahres in Kanada. Der attraktive Arzt hat einige Semester in Wien studiert und dabei seine zukünftige Frau Julia kennen gelernt. Er vereint in seiner Familie viele Nationen, dennoch fühlt er sich nirgends richtig zugehörig. Er freut sich, wieder nach Kanada zu kommen, nachdem er längere Zeit in Indien war, freut sich aber jedes Mal wieder darauf, nach Indien zu fahren, um dort verkrüppelten Kindern zu helfen.

Daruwalla ist Orthopäde, hat aber einige seltsame Hobbys. Zum einen sammelt er das Blut von Zwergen, weil er den genetischen Marker von Zwergwuchs finden möchte. Zum anderen schreibt er anonym Drehbücher für die Leinwandabenteuer von Inspektor Dhar. Als Genetiker ist er nicht besonders erfolgreich, weil sich die Zwerge meist kein Blut abnehmen lassen wollen. Weil es im Zirkus besonders viele kleinwüchsige Menschen gibt, treibt er sich dort auch häufig herum. Daruwalla liebt die Atmosphäre des Zirkus, viele Erinnerungen verbinden ihn mit den wandernden Artisten. Wahrscheinlich, weil sie ebenso wie er ein Leben auf Wanderschaft führen.

Mit den Drehbüchern wiederum verhält es sich ganz anders. Die Filme mit Inspektor Dhar erfreuen sich größter Beliebtheit in Indien, weil aber in jedem Film mehrere Bevölkerungsgruppen schlecht weg kommen – seien es die Polizei, Prostituierten oder Zugehörige bestimmter Kasten – ist Dhar neben der meistbewunderten auch die meistgehasste Person des öffentlichen Lebens in Indien. So ist es nur verständlich, dass John D., wie Dhar wirklich heißt, fast das ganze Jahr lang in der Schweiz lebt und arbeitet. Auch er wandert sozusagen. Zum Glück glauben die Inder dem Gerücht, Dhar hätte sich selbst erfunden und auch seine Drehbücher selbst geschrieben, ansonsten wäre Daruwalla wohl schon längst kein so angesehenes Mitglied der Gesellschaft und des exklusiven Duckworth Clubs mehr.

Als Daruwalla, seine Frau Julia und John D. eines Tages wieder in Indien weilen, ereignet sich eine Reihe von Morden, die auffallend einem Doppelmord ähneln, der vor zwanzig Jahren verübt wurde. Damals wurde Daruwalla an den Tatort gerufen, auch John D. ist in weitesten Sinne in die Geschehnisse verwickelt. Gemeinsam mit Inspektor Patel und dessen Frau Nancy, die vor zwanzig Jahren Zeugin der Morde wurde, machen sich Daruwalla, Julia und Dhar daran, den wahren Mörder zu finden.

Rund um dieses Handlungsskelett hat Irving einen unbeschreiblichen Roman verfasst. Wie Irving selbst zugibt, war er nur einmal für einen kürzeren Zeitraum in Indien, das heißt, dass wahre Indienkenner wohl bei dem einen oder anderen Detail ein Auge zudrücken werden müssen. Der Leser mit keinen Indienkenntnissen wird sich in einer Welt wiederfinden, von der er Irving glaubt, dass es Indien sein könnte. Beinahe zu plastisch beschreibt er das Leben in den Slums, auf der Straße und in einem krassen Gegensatz dazu das Leben, das die wohlhabenden Ausländer im Duckworth Club führen.

Der Roman erzählt nicht nur einen Ausschnitt aus dem Leben der Protagonisten, er ist das Leben der Protagonisten. Man fühlt sich mit den Figuren der Geschichte verbunden und ist traurig, als das Buch sich dem Ende neigt. Viele Details und Ausflüge in die Vergangenheit, weitere Handlungsstränge und verschiedene Verwicklungen machen es schwer, den Inhalt korrekt wiederzugeben. Es verhält sich mit der Geschichte fast so wie mit Curry. Es ist eine wohlschmeckende Mischung aus vielen Gewürzen, die zu trennen, wenn sie einmal vermischt sind, sich als eine beinahe unmögliche Aufgabe entpuppt. Den bleibenden Eindruck kann man nur als gelungen bezeichnen.

Irving hat nicht nur eine Menge Details und Handlungsstränge in einem Buch vereint, sondern spielt auch mit dem Tempo der Geschichte. Viele der Rückblenden kommen in einem eher gemächlichen Tempo daher, weshalb die eigentliche Geschichte zeitweise nicht voran kommt, im Gegenzug dazu gewinnt sie allerdings gegen Ende an Spannung und Fahrt. Neben traurigen Episoden kommen auch durch und durch ironische Szenen und viel Humor nicht zu kurz. Wie in „Hotel New Hampshire“ kommen immer wieder Sätze vor, die sich wie ein roter Faden durch das Werk ziehen, ebenso wie kleine Episoden, die erst gegen Ende des Buches an Bedeutung gewinnen und einigen Metaphern.

Insgesamt kann man „Zirkuskind“ Lesern wärmstens empfehlen, die ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen mitbringen und auch dazu bereit sind, sich auf ein ganzes Leben vieler sympathischer und sehr dreidimensionaler Charaktere einzulassen. Keine literarische Schonkost und auch kein literarisches Fast Food, sondern wohl eher das Festessen unter den Werken zeitgenössischer Autoren.
Taschenbuch: 969 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag; Auflage: 8., Aufl. (Oktober 2000)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3257229666
ISBN-13: 978-3257229660

1 Kommentar:

  1. leo14 schreibt am 19.08.2008 um 22:37 Uhr:
    Um dieses Buch habe ich mich schon oft herumgeschlichen; jetzt weiß ich, dass ichs demnächst kaufe und lese.
    Danke dafür.
    leo

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