Samstag, 13. Dezember 2008

Das Wetter vor 15 Jahren



Autor: Wolf Haas
Original: Das Wetter vor 15 Jahren (2006)
meine Bewertung: 5 von 5

Vittorio Kowalski ist bei „Wetten dass…!?“ Wettkönig geworden, weil er das Wetter an jedem Tag der letzten 15 Jahre im Urlaubsort seiner Kindheit, dem österreichischen Alpendorf Farmach, auswendig hersagen konnte. Er hat jeden Tag die Frau Bachl angerufen, um das Wetter zu erfragen.

Die traurige Geschichte hinter dieser Wette erfährt der Leser erst nach und nach, denn es hatte schon seine Gründe, warum der Kowalski das Wetter der letzten 15 Jahre hersagen konnte und er ausgerechnet bei der Frage nach dem Wetter am ersten Tag der vergangenen 15 Jahre ins Stocken geriet. Damals spielte nämlich das Wetter eine entscheidende Rolle, als er nämlich mit seiner Ferienliebe Anni in ein Unwetter gerät und dabei in doppelter Hinsicht seine Unschuld verliert. Er hat sich in die Anni verliebt, sie aber seit jenem Tag vor 15 Jahren nicht mehr gesehen. Und jetzt war er eben bei „Wetten dass…!?“ im Fernsehen und ist sogar Wettkönig geworden.

Es verwundert ihn also nicht, dass er aus dem Urlaubsort seiner Kindheit eine Karte bekommt, obwohl diese eigentlich sein Freund Riemer abgeschickt hat, und macht sich auf den Weg in die Alpen. Er hofft darauf, die Anni zu sehen, in die er seit 15 Jahren verliebt ist. In Farmach jedoch überschlagen sich die Ereignisse, denn die Anni hat sich entschieden, den Lukki, Vittorios Peiniger aus der Kindheit, zu heiraten. Für Vittorio bricht eine Welt zusammen – und nicht nur die. Er gerät in eine höchst brenzlige Lage, aus der er sich nur mit roher Gewalt befreien kann. Doch kommt er noch rechtzeitig in die Kirche, um die Hochzeit von Anni und Lukki zu verhindern?


So betrachtet scheint der Inhalt des Buches nichts Besonderes zu sein – eine tragische Liebesgeschichte eben. Allerdings liegt der Clou in der Erzähltechnik Haas‘. Das Buch um die Liebesgeschichte gibt es nicht wirklich, sondern der Leser erfährt nach und nach durch ein Interview davon. Das eigentliche Buch ist nämlich als Interviewsituation zwischen einer deutschen Journalistin und dem österreichischen Autor verfasst und in diesem Interview geht es eben um das Buch des Autors über die Liebesgeschichte zwischen Anni und Vittorio, in der natürlich auch ein bis zwei Leichen vorkommen – sonst wäre es ja kein Haas.

Was auf den ersten Blick kompliziert erscheint, entpuppt sich beim Lesen als interessantes Experiment. Man liest zwar nur ein Interview über ein Buch, hat aber nach der Lektüre das Gefühl, nicht nur das Interview, sondern auch das Buch über die Anni gelesen zu haben. Mit Leichtigkeit findet man sich in den beiden Ebenen zurecht und kann zwischen ihnen umschalten, wie zwischen Fernsehkanälen.

Mit viel Humor und gespickt mit typisch österreichischen Ausdrücken erzählt der Interviewte über die Entstehung seines fiktiven Werkes und spielt mit den Unterschieden Österreich – Deutschland, was sich über das ganze Werk hinzieht, aber immer geprägt von einer sympathischen Zuneigung ist, was auch dadurch gut zur Geltung kommt, dass die deutsche Journalistin bemüht ist, Haas zu verstehen und umgekehrt.

„Das Wetter vor 15 Jahren“ ist ein Werk, dass sich gänzlich von den Brenner-Büchern, mit denen Wolf Haas seine größten Erfolge gefeiert hat, unterscheidet. Es besticht nicht so sehr durch die Geschichte, die zwar auch interessant ist, als vielmehr durch die Form. Der Leser kann sich nach der Lektüre die Anni-Vittorio Geschichte detektivähnlich zusammenpuzzeln und gleichzeitig erfährt man, was sich Autoren beim Schreiben denken könnten und nach welchen Motiven sie handeln könnten. Eine Erfahrung, auf die man sich einlassen sollte!
Broschiert: 224 Seiten
Verlag: Dtv (September 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3423136855
ISBN-13: 978-3423136853

Kommentare:

  1. Sternenwanderer schreibt am 13.12.2008 um 19:17 Uhr:
    Ich hatte damals einen sehr zweispältigen Eindruck:

    "Auch, wenn mir das Buch schluss endlich gut gefallen hat, so weist es doch viele Längen auf. Natürlich muss, wenn man sich als Protagonist mit dem Wetter beschäftigt, dies auch authentisch rüberbringen und dem Leser einiges berichten können, aber... wirklich über 20 Seiten? Es gab Zeiten, da wollte ich es nicht beenden, weil der Spannungsbogen im Handlungsverlauf nicht mehr vorhanden war; zumal er es schafft eine Spannung aufzubauen und sie dann ruckartig mit weitschweifigen Beschreibungen, die meiner Ansicht nach nicht nötig sind, zu unterbrechen. Und doch haben mich manche Sachen auch positiv überrascht, weil Wolf Haas es schafft trotz dieser Textform Schreckensmomente hervorzurufen, ein Mitfieberungsgefühl und man nie den Faden verliert, so abstrus auch die Handlung ausläuft.

    Zum Ende möchte ich nicht viel sagen, aber... ein so konstruiertes Ende ist mir lange nicht mehr unter gekommen und doch kann man sich das Grinsen nicht verkneifen. Ein sehr zwiespältiges Buch bleibt übrig nach 221 Seiten..."

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  2. chil schreibt am 13.12.2008 um 23:25 Uhr:
    Danke für deine Meinung, Sternenwanderer! Finde ich dich/deine Rezensionen auch irgendwo in den unendlichen Weiten des Internets? Wenn ja, würde ich mich freuen, einen Gegenbesuch abhalten zu dürfen!

    Tja, ich muss dir schon zustimmen: Nicht immer hat man das Gefühl, durch die Beschreibung des Wetters in der Handlung weiter zu kommen, aber irgendwie (ürgendwie - hahah) hatte ich den Eindruck, dass es doch immer irgendwie relevant für noch kommende Ereignisse war bzw. eine Art Anspielung darstellte.

    Was das Ende betrifft muss ich dir sogar uneingeschränkt Recht geben: Es wirkt TOTAL konstruiert und unwahrscheinlich, aber ich hatte das Gefühl, dass es sich dabei um eine Szene handelt, die dem etwas schrägen Humor Haas' entsprungen ist und als Persiflage zu sehen ist.

    Liebe Grüße,
    Chil

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  3. Sternenwanderer schreibt am 14.12.2008 um 21:31 Uhr:
    Die Rezension entstammt einem Forum, in einem Blog gespeichert ist sie nicht. Und dennoch, ich beehre Wordpress mit meinen Ergüssen zum Thema Literatur usw.: http://sternenwanderer.wordpress.com

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