Freitag, 20. März 2009

Das letzte Protokoll



Autor: Chuck Palahniuk
Original: Diary (2003)
meine Bewertung: 4 von 5

Misty Marie Kleinman wuchs in einer ärmlichen Wohnmobil-Siedlung auf. Ihre Mutter war selten für sie da, deshalb beschäftigte sich die kleine Misty vor allem mit dem Malen. Sie hat sich in ihre eigene kleine Welt geträumt, wunderschöne Häuser gemalt und sich vorgenommen, später in einem dieser schlossähnlichen Häuschen zu wohnen. Aufgrund ihrer Begabung schafft sie es dann auch tatsächlich auf die Kunstakademie.

Dort lernt sie Peter Wilmot kennen. Der Junge ist seltsam gekleidet, schmückt sich mit altem Tand und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er nicht malt. Schnell macht er Misty, die von seinem Schmuck fasziniert ist, einen Heiratsantrag, ebenso schnell ein Kind. Er bringt sie auf seine Heimatinsel Waytansea in der Nähe des Tecumseh Lake. Es ist unheimlich, aber genau dort stehen jene Häuser und befindet sich jene Landschaft, die Misty so oft gemalt hat.

Mittlerweile sind die Jahre ins Land gegangen, die Tochter der beiden ist zwölf Jahre alt, Misty hat nicht mehr gemalt und arbeitet im einzigen Hotel der Insel als Bedienung. Peter liegt nach einem missglückten Selbstmordversuch im Koma, er hat als Bauarbeiter auf der Insel gearbeitet. Zu allem Unglück kommt noch hinzu, dass plötzlich in den Häusern der Sommergäste, in denen Peter gearbeitet hat, Räume verschwinden und mit Obszönitäten, Drohungen und Warnungen beschmiert wieder auftauchen.

Zum einen wird Misty nun durch ihre Geldsorgen bedrängt, zum anderen durch einen Inspektor, der in der Sache der verschwundenen Räume ermittelt und dann noch von ihrer Schwiegermutter, ihrer Tochter und allen anderen Einheimischen dazu gedrängt, endlich wieder zu malen.

Nach einer seltsamen Erfahrung an einem abgeschiedenen Ende der Insel greift Misty dann doch wieder zu Pinsel und Staffelei und bringt Unglaubliches zustande. Ihre Kreise sind absolut perfekt, ebenso wie sie präzise Winkel und schnurgerade Linien malen kann. Was sie anfangs als ihre Befreiung aus einem tristen Leben empfindet, soll aber bald schon ihr Untergang werden. Denn kurz bevor es endgültig zu spät ist, erfährt Misty um den schrecklichen Fluch, der auf der Insel lastet und wie sie zur Rettung der Insel geopfert werden hätte sollen.

Das Buch ist aus der Sicht Mistys geschrieben, die von ihrer Schwiegermutter Grace dazu angehalten wurde, für Peter ein Tagebuch zu schreiben, damit er die Zeit, die er im Koma verbracht hat, nachlesen kann. Dadurch läuft die Handlung nicht chronologisch ab, sondern springt hin und her. Oft passiert es Misty auch, dass sie aus der Sicht der dritten Person schreibt. Das verleiht dem Buch eine etwas andere Erzählweise, die durchaus dynamisch wirkt, es erlaubt, Rückblenden und Distanziertheit ebenso einzubauen wie persönliche Empfindungen und Gefühle.

Die Geschichte strebt konsequent einem Höhepunkt entgegen, den man als Leser, der die fieberhafte Arbeit Mistys an ihrem finalen Opus miterlebt, mit Spannung erwartet. Trotz dieser Spannungskurve kommt die Untätigkeit der Inselbewohner dennoch gut zur Geltung. Dieses Warten auf Erlösung, diese Apathie und das Traditionsbewusstsein einer Insel von Einwohnern, die alle irgendwie miteinander verwandt sind. Einer Sippschaft, die bereit ist, Verluste hinzunehmen, nur um ihre Insel von den Touristen zu befreien.

Wer die spannenden, etwas beängstigenden und teilweise auch schrägen Geschichten von Charles Bukowski, Kurt Vonnegut oder J. D. Salinger kennt, ist mit Chuck Palahniuk bestens beraten. Und Fans von Palahniuk sollten sowieso keins seiner Bücher auslassen.
Broschiert: 283 Seiten
Verlag: Goldmann (20. Oktober 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442542154
ISBN-13: 978-3442542154

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