Sonntag, 15. März 2009

Firmin. Ein Rattenleben



Autor: Sam Savage
Original: Firmin. Adventures of a Metropolitan Lowlife
meine Bewertung: 4 von 5


„Dies ist die traurigste Geschichte, die ich jemals gehört habe.“ Mit diesen Worten beginnt die Ratte Firmin ihre Erinnerungen an ihr Leben. Firmin wurde von seiner Mutter Flo, an die er sich mit verklärter Zuneigung erinnert, im Keller einer Buchhandlung geboren. Das Lager für ihre Kinder hat die Rättin aus Papierschnitzel der herumliegenden Bücher gemacht und der kleine Firmin, seines Zeichens das dreizehnte und noch dazu schwächste ihrer Kinder, beginnt schon bald aus einer Not heraus, sich für diese Papierschnitzel zu begeistern.

Weil Firmin so klein und schwach ist und Flo nur zwölf Zitzen hat, muss er immer warten, bis seine Geschwister satt sind. Er bekommt die Reste. Doch Firmin entdeckt, dass auch diese Papierschnitzel ganz ordentlich schmecken. Er kaut also auf den Werken der Weltliteratur herum. Nach und nach verlassen sowohl Flo als auch seine Geschwister das Nest und machen sich auf, um ihr eigenes Leben zu beginnen. Ratten sind eben keine Familienmenschen – äh – Tiere. Firmin bleibt. Ihm ist das Leben draußen einfach zu hektisch.

Mittlerweile hat er außerdem begonnen, seine Umgebung zu besichtigen. Firmin stößt dabei auf einen Gang, der ihn direkt in die Buchhandlung über dem Keller führt. Bisher dachte Firmin schon im Keller, in dem die alten Bücher lagern, im Paradies zu sein. Doch die Buchhandlung übertrifft alles. Tagsüber meidet Firmin die Menschen im Laden, ebenso wie den Inhaber Norman Shine. Der kleine Ratterich sucht sich eine Stelle oberhalb des Ladens, von der aus er alles beobachten kann.

Neben der Lektüre aller möglicher Bücher entdeckt er auch noch eine etwas gefährlichere Vorliebe. Er macht sich auf den Weg in ein nahegelegenes Kino, wo ab Mitternacht Filme für Erwachsene gezeigt werden. Firmin sammelt im Kino Nahrung und sieht sich danach die leichtbekleideten Frauen an, die er zu Engeln erhebt und in die er sich verliebt. In seinen Träumen ist Firmin Fred Astaire, begehrt und beliebt. In Wirklichkeit kann er sich nichteinmal ausdrücken, er ist mit seinen Gedanken alleine. Er bildet sich außerdem ein, in Norman einen Verbündeten zu haben, doch schon bald wird er zum ersten Mal von einem Menschen enttäuscht.

Bereits einmal ist Firmin nur knapp dem Tod entronnen, als er sich dann aber ausgestattet mit rudimentären Kenntnissen der Gebärdensprache in den nahegelegenen Park begibt, um dort Kontakt zu den Menschen aufzunehmen. Doch das geht grundlegend schief und wieder entrinnt Firmin nur knapp dem Tod. Er wird von einem Schriftsteller, den er schon von früher kennt, aufgenommen. Aber auch dort kann er nicht glücklich werden, auch diese Bleibe währt nicht ewig. Die Straße, in der sich nämlich Buchladen und Schriftstellerwohnung befinden, muss einem neuen Geschäftsviertel weichen und wird planiert.

„Firmin“ ist wahrlich eine traurige Geschichte. Sie ist viel mehr als nur eine Tiergeschichte, die einen anrührt. Es ist eine Parabel für einen Zustand absoluter Hilflosigkeit, das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Immer wieder die Enttäuschungen, die die kleine Ratte erleben muss, Vorurteile, die ihr das Leben schwer machen. Vielleicht auch eine Parabel dafür, wie man sich vielleicht als Immigrant in einem neuen Land fühlt. Hilflos, sprachlos, bedroht.

Das Buch polarisiert in der Lesergemeinde sehr, ich schlage mich auf die Seite der Begeisterten. Die vielen Bücher, die erwähnt werden, sind ein wahres Fressen für Listen-Leser, die Geschichte ist melancholisch, hat aber auch schöne Momente und mir war die Ratte als Protagonist einfach sympathisch. Witzig finde ich, dass Sam Savage, der Autor, auf dem Umschlagfoto der Firmin-Zeichnung auf dem Cover erstaunlich ähnlich sieht.
Gebundene Ausgabe: 216 Seiten
Verlag: Ullstein Hc (1. August 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 355008742X
ISBN-13: 978-3550087424

1 Kommentar:

  1. Auch ich zähle zu den Begeisterten (s. hier: http://www.leselink.de/buecher/entwicklungsromane/firmin.html ), da für mich natürlich einerseits die Literatur im Vordergrund steht, andererseits aber auch die sehr traurige Geschichte eines Außenseiters.

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