Freitag, 31. Juli 2009

Klein Stuart



Autor: E. B. White
Original: Stuart Little (1945)
meine Bewertung. 5 von 5

Familie Little hat Nachwuchs bekommen. Es ist ein süßer Junge, der ihnen viel Freude bereitet, allerdings ist er sehr klein geraten. Der zweite Sohn der Familie ist nur zirka zwei Zoll groß, also ungefähr so groß wie eine Maus. Auch sonst hatte Stuart ziemlich große Ähnlichkeit mit einer Maus: Eine spitze Nase, einen langen Schwanz, große Öhrchen und ein glattes Fell.

Weil Stuart so klein ist, muss sich die Familie einiges einfallen lassen, um dem kleinsten Familienmitglied allen Komfort zu bieten, den es braucht. Vater, Mutter und der älteste Sohn sind nämlich normal groß geraten. So turnt Stuart jeden Morgen auf das Waschbecken, um dort mit einem winzigen Hammer gegen die Armatur zu schlagen und so das Wasser aufzudrehen. Dass er so klein ist, bringt aber auch viele Vorteile. Wenn beispielsweise Dinge in den Abfluss fallen, ist Stuart jederzeit bereit, diese Dinge zu suchen.

Der kleine Mäuserich liebt seine Familie und seinen Bruder sehr und auch zur Hauskatze der Familie hegt er eine gewisse Zuneigung. Doch als eines Tages ein kleiner Vogel verletzt ans Fenster kommt und seine Eltern die Vogelfrau, die Margalo heißt und außergewöhnlich hübsch ist, aufnehmen und gesund pflegen, verliebt er sich richtig heftig. Doch Margalo bleibt nicht ewig, sie folgt dem Ruf der Natur und fliegt im Herbst in wärmere Gefilde.

Als Margalo verschwunden ist, wird Klein Stuart tief traurig. Er macht sich auf in die große weite Welt, um seine Freundin zu suchen. Allerlei Herausforderungen und Abenteuer stellen sich ihm in den Weg, er macht neue Bekanntschaften und meistert unbekannte Situationen. Doch wird er seine gefiederte Freundin ausfindig machen?

Nach „Wilbur und Charlotte“ ist „Stuart Little“ das zweite Buch, das ich von E. B. White gelesen habe und ich bin ebenso begeistert, wie ich es damals von Spinne und Schweinchen war. Als wäre es selbstverständlich, hat eine menschliche Familie ein Familienmitglied, das eine Maus ist. Da Stuart aber genauso behandelt wird, wie alle anderen, hat er erhebliches Selbstbewusstsein entwickelt, das er natürlich auch ausstrahlt. Niemand macht sich über ihn lustig oder stellt sich ihm in den Weg, er schafft, was er sich vorgenommen hat, weil er immer Menschen um sich hatte, die ihn unterstützten. Soviel zur Moral.

Doch auch der Spaß kommt in der Geschichte nicht zu kurz. Schließlich gerät Stuart in Situationen, die für eine Maus reichlich absurd sind, dadurch erhält das Buch eine Art Humor aus der Situationskomik. Stuart ist einfach sympathisch, und das auch, obwohl er im Buch gänzlich anders beschrieben wird, als man ihn von der Disney-Verfilmung kennt. Erwähnenswert sind auch die zahlreichen Illustrationen von Garth Williams, die nicht künstlich-kitschig daher kommen, sondern zur Geschichte passen. Unbedingte Empfehlung für Tiergeschichten-Fans, Menschen, die an „Firmin“ Spaß hatten und vor allem: Kinder.


Taschenbuch: 148 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag; Auflage: 2., Aufl. (April 2000)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3257231474
ISBN-13: 978-3257231472

Die Stunde der Schießer



Autor: Lee Hoffman
Original: Return to Broken Crossing
meine Bewertung: 2 von 5

Nach fünfzehnjähriger Abwesenheit kommt der Revolverheld Shea Glencannon zurück in seine Heimatstadt Broken Crossing. Im Saloon erfährt er, dass ein Mann namens Shea Glencannon am nächsten Tag gehängt werden soll. Der echte Shea fragt sich natürlich, wer so dumm ist, sich für ihn auszugeben und brennt darauf, den Mann zu sehen.

Er macht sich also auf den Weg zum Sheriff, einem alten Freund von ihm. Der erkennt ihn auch nach 15 Jahren wieder, berichtet aber, dass Glencannons Vater persönlich den unechten Shea als seinen Sohn herumgezeigt hat. Doch den kann niemand mehr fragen, weil er erschossen wurde. Der Sheriff und Shea sehen nach dem Verhafteten, doch von dem ist nicht besonders viel übrig geblieben. Er liegt mit zerschossenem Gesicht tot in seiner Zelle.

Die Geschichte ist höchst mysteriös. Shea und der Sheriff machen sich auf die Suche nach der Wahrheit, doch diese wird erheblich erschwert, da sich die Stadt gegen den Revolverheld verschworen hat und er noch dazu Krach mit mehr als nur einer Frau in der Stadt hat. Wird Shea aus dieser Schießerei lebend heraus kommen?

„Die Stunde der Schießer“ gehört zu jenen Heftchen, die mein Vater in seiner Kindheit gerade zu verschlungen hat. Er wollte die gesamte Kiste damit entsorgen, ich hab sie mir aber gekrallt und werde vielleicht auch irgendwann alle lesen (bisher hab ich schon ein paar grottenschlechte Perry Rhodans gelesen!). Wider erwarten war dieser Western ziemlich witzig, natürlich genau so, wie die alten Western im Fernsehen früher waren. Störend wirkte vor allem, dass nicht das gesamte Buch übersetzt wurde, sondern oft Dinge wie „Well“, „Girl“, „Keeper“ zu lesen sind. Es ist ein 180 Seiten dünnes Büchlein, das man lesen kann, wenn man sonst nichts zur Hand hat oder auf der Toilette sitzt. Für eins dieser „Schundheftchen“ aber weniger schlimm, als erwartet.
Broschiert
Verlag: Luebbe Verlagsgruppe (April 1975)
ISBN-10: 3404049411
ISBN-13: 978-3404049417

Donnerstag, 30. Juli 2009

Marsha Mellow und ich



Autorin: Maria Beaumont
Original: Marsha Mellow and me (2005)
meine Bewertung: 4 von 5


Amy Bickerstaff ist ein durchschnittliches Londoner Mädel. Sie sieht recht nett aus, ohne aufzufallen, arbeitet in der Redaktion eines Gratis Stellenanzeigers und wohnt in einer netten kleinen Wohnung. Doch Amy hat ein riesiges Geheimnis. Sie ist momentan die wohl am meisten gesuchte Frau in ganz Großbritannien. Naja, eigentlich nicht sie selbst, sondern Marsha Mellow, das Pseudonym, unter dem sie einen Bestseller geschrieben hat.

Blöd nur, dass der Bestseller ein Glanzstück pornografischer Literatur ist und sie sich unmöglich vor ihren Eltern outen kann. Die einzigen Menschen, die sie eingeweiht hat, sind ihre Schwester und ihre Agentin Mary. Die Daily Mail setzt sogar ein millionenhoches Kopfgeld auf sie aus, denn in einer Schule waren Jugendliche bei einer Orgie in den Umkleidekabinen erwischt worden – als Gebrauchsanleitung verwendeten sie Amys, also Marsha Mellows Buch. Der Skandal ist perfekt. Amy kann unmöglich zu ihrem Werk stehen, ihre Eltern würden sie umbringen.

Amy macht sich Sorgen um ihr Leben, gleichzeitig wird sie aber auch noch von ihrer Mutter arg ins Gebet genommen. Das Verhältnis zwischen der kreuzbraven und religiösen Mutter und den beiden doch eher liberalen Töchtern ist sowieso nicht gerade das beste, aber jetzt soll Amy auch noch als Seelentrösterin herhalten, weil ihre Mutter den Verdacht hat, dass ihr Mann sie betrügt.

Außerdem sind da noch Amys Exlover Jake und ihr Chef Lewis, der ziemlich nett ist und sich ziemlich auffällig um sie bemüht. Doch Amy kann sich jetzt nicht auch noch mit Liebesdingen beschäftigen, sie ist schon ausgefüllt genug damit, die wahre Identität von Marsha Mellow geheim zu halten. Ganz London scheint sich auf die Suche gemacht zu haben und immer mehr Details werden bekannt.

Verzweifelt, weil sie keinen Ausweg mehr sieht, macht sich Amy auf den Weg nach New York. Sie kommt dort bei ihrem besten und natürlich schwulen Freund aus Kindertagen unter. Doch auch der steckt bis zum Hals in den Irrungen und Wirrungen, die das Leben als Besitzer des „Priesterseminars“, dem hippsten Schwulenclub in New York, mit sich bringt. Amy erkennt, dass Flucht nichts mehr bringt, also macht sie sich zurück auf den Weg nach London.

Dort hat die Hetzjagd auf Marsha nicht aufgehört. Es ist sicher, dass die Presse ein Gesicht braucht, zumal der Verleger Amy einen Vorschuss auf die nächsten drei Marsha Mellow Bücher geboten hat, der über 700.000 Pfund beträgt. Es kommt zum Showdown in Amys Elternhaus. Anwesend sind ihre Mutter, die gerade eben eine Nacht im Gefängnis verbracht hat, ihr Vater, dem ein Verhältnis angedichtet wird, ihre Schwester, die gerade einen Heiratsantrag ausgeschlagen hat, Anthony, der Schwule, der von Amys Mutter für einen Priester gehalten wird und eben Amy.

Klingt kompliziert, ist in Wirklichkeit aber eine witzige Geschichte, die zwar einen kleinen Schuss Romanze mit sich bringt und eine Menge Anspielungen, aber keine typische Tussi-trifft-Typen Geschichte. Der Haupthandlungsstrang dreht sich um Amy, die verzweifelt versucht, ihr Doppelleben zu bewahren, obwohl auch alles andere rund um sie in die Brüche geht. Es macht Spaß, die schräge Familie Bickerstaff kennen zu lernen. Sie haben zwar alle einen Knall, sind aber dennoch irgendwie liebenswürdig.

Die Heldin ist eine im Endeffekt starke Frau, die vieles schafft – außer, sich ihrem ärgsten Kritiker zu stellen: ihrer Mutter. Schade nur, dass in fast allen dieser „Chick-Lit“ Büchern die Protagonistin einen schwulen Freund hat. Ich mein, es ist ja legitim, verkommt aber schon zu einem Klischee, genauso wie bellende Hunde in unheimlichen Nächten von Thrillern und langhaarige, muskulöse Helden in Nackenbeißern. Super, dass man mehr von Homosexuellen liest, weniger gut allerdings, wenn sie zu einem Accessoire degradiert und wieder nur so dargestellt werden, wie mans schon viel zu oft in mittelmäßigen Comedyshows gesehen hat.
Taschenbuch: 379 Seiten
Verlag: Lübbe; Auflage: 2., Aufl. (4. Januar 2005)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3404153529
ISBN-13: 978-3404153527

Sonntag, 26. Juli 2009

Speed Boys



Autor: Nicholas Blincoe
Original: Speed Boys (1998)
meine Bewertung: 4 von 5

Susan Ball, die Ehefrau des berühmten Gangsters Frankie „Ballistic“ Ball, hat die Nase voll von ihrem Ehemann. Zwar lebt es sich in der luxuriösen Villa in Spanien und vom Geld diverser Straftaten ganz gut, aber seine Sauftouren und sein großkotziges Gehabe findet sie schon längst abstoßend. Susan beauftragt ihren Sohn Callum, ihr in London eine Wohnung zu besorgen und kontaktiert Frankies ehemaligen Anlageberater George – schließlich braucht das ehemalige Model in ihrem neuen, unabhängigen Leben auch einen Job.

Frankie darf von den Plänen natürlich nichts erfahren, denn wenn er seine Frau findet, ist sie tot. Blöd nur, dass von Anfang an alles schief läuft. Susans neue Einkommensquelle soll ein angesagtes Restaurant in London sein, als Küchenchef hat sie aber ausgerechnet Hogie eingestellt. Hogie, seines Zeichens ein blondgelockter Jüngling, der mit seinen Freunden Naz, Cheb und Jools so ziemlich alles einwirft, was ein Chemielabor jemals hergegeben hat, ist unheimlich charismatisch, aber genauso chaotisch.

Hogie hat sich als seine rechte Hand Cheb eingestellt. Als Cheb am ersten Arbeitstag ins Restaurant kommt, merkt er – scharfsinnig wie er ist – dass etwas nicht stimmen kann. Schließlich ist es doch eher ungewöhnlich, dass eine Leiche mit verbranntem Hinterteil am Herd hockt. Natürlich hat er keine Ahnung, wie man so eine Leiche fachgerecht entsorgt. Da Hogie voll am Trip ist, müssen die anderen Chaosbrüder ran und die Leiche irgendwie wegschaffen.

Mittlerweile ist auch Susan in London eingetroffen, Frankie „Ballistic“ ist ihr dicht auf den Fersen. Dennoch hat sie Zeit, einen Haufen Drogen unters Volk zu bringen, ihr Gesicht bei der Eröffnung des Restaurants zu zeigen und sich eine heiße Liebelei mit Hogie anzufangen. Es dauert nicht lang, bis Hogies Luftschloss zusammenfällt und seine Freunde nach und nach auf dubiose Weise umkommen. Ist er der nächste? Kommt er von diesem Trip jemals wieder runter?

„Speed Boys“ ist eine rasante Achterbahnfahrt durch das koksnasige London. Die Protagonisten, durchwegs sympathisch, stolpern von einem Trip in den nächsten, erleben einen persönlichen Alptraum, schniefen den aber ziemlich gut weg und lösen die vertracktesten Situationen auf ihre ganz persönliche, nicht eben gewaltfreie, Weise. Die Geschichte ist ein Krimi, der mit schwarzem Humor gespickt ist und so dermaßen absurd ist, dass man tatsächlich Spaß an der Lektüre dieser Art „Tripbericht“ hat. Es ist eine Art Bukowski meets Tarantino meets Thompson meets Vonnegut. Kann man lesen!
Taschenbuch
Verlag:
Dtv (1999)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3423202017
ISBN-13: 978-3423202015

Mittwoch, 22. Juli 2009

Das Ende aller Dinge



Autor: Nigel Mc Crery
Original: Silent Witness (2001)
meine Bewertung: 3 von 5

Gerade eben war die Gerichtsmedizinerin noch am Militärstützpunkt Leeminghall zu einer sogenannten Hangar Party eingeladen, hatte Spaß und nette Gespräche – genauso wie die anderen Gäste auch. Doch kaum ist sie zurück in ihrem Haus, erreicht sie ein Telefonanruf. Sie wird von ihrer Dienststelle zu einer grausam zugerichteten Leiche beordert. Die Leiche wurde genau dort gefunden, wo sie und Hunderte andere sich vor kurzer Zeit noch vergnügt haben: in einem Hangar der U. S. Militärbasis Leeminghall.

Die britische Polizei nimmt sich des seltsamen Mordes an, der ein bisschen was von einem Ripper-Mord hat. Die Bauchdecke der jungen Frau wurde aufgeschlitzt, eine Unmenge Blut vergossen und die Nieren entfernt. Ein wahrlich erschreckender Anblick, selbst für die hartgesottene Gerichtsmedizinerin Samantha Ryan.

Klarerweise nimmt sich die englische Polizei des Falles an, schließlich war die Ermordete Britin. Doch es dauert nicht lang, bis auch das FBI auf der Matte steht – der Mord geschah immerhin auf einer Militärbasis, also auf amerikanischem Boden. Was außerdem zu denken gibt: in den Staaten gab es ähnliche Morde, überall wurde ein ominöses Omega-Zeichen und ein Zettel mit einem Spruch aus Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ gefunden.

Natürlich konkurrieren die FBI-Beamten und das Home Office und es dauert nicht lang, bis sich Samantha Ryan zwischen den Fronten wiederfindet. Als hätte sie nicht schon genug mit ihrem verkorksten Liebesleben und dem Tod ihrer Mutter zu bewältigen, wird ihr auch das Berufsleben schwer gemacht. Doch sie findet einige Hinweise, die die wahre Identität des Mörders nicht mehr länger geheim halten können, ganz nach dem Locard’schen Prinzip: „Jeder Kontakt hinterlässt eine Spur.“

Mit „Das Ende aller Dinge“ habe ich mal wieder eine SUB-Leiche abgebaut, sozusagen. Rund drei Jahre hat es auf meinem Stapel ungelesener Bücher ein eher unbeachtetes Dasein gefristet, zu Unrecht, wie man bis ca. 30 Seiten vor dem Schluss meinen möchte. Es ist wirklich spannend, hat genügend Romantik und Tragik, dazu einen Schuss Blut und Forensik und eine sympathische Protagonistin. Bis dahin also alles fein.

Blöd nur, dass der Schluss so dermaßen an den Haaren herbei gezogen daher kommt und mit dem Mörder war ich auch keineswegs einverstanden. Irgendwie wird einfach gar nichts erklärt, weder die Sprüche aus Huxleys Buch noch der Grund für das Zeichen, das an den Mordschauplätzen gefunden wird. Irgendwie beschleicht einen das Gefühl, dass entweder der Verlag oder die Produktion das falsche Ende ans Buch geklatscht haben. Schade, so bleibt das, was eigentlich vielversprechend begonnen hätte, doch nur Mittelmaß.
Taschenbuch
Verlag: Piper; Auflage: 3 (2001)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3492234240
ISBN-13: 978-3492234245

Montag, 20. Juli 2009

Die Piefke-Saga



Autor: Felix Mitterer
Original: Die Piefke-Saga (1991)
meine Bewertung: 5 von 5

Schon jahrelang verbringt die deutsche Unternehmerfamilie Sattmann ihren Sommer- und Winterurlaub im beschaulichen Tiroler Lahnenberg. Die Familie, bestehend aus dem etwas despotischen Vater Karl Friedrich, seiner eher unterwürfigen Frau Elsa, der frühreifen Tochter Sabine, dem pubertären Sohn Gunnar und dem etwas schrulligen Opa Heinrich mit seiner Hündin Asta, gehört sozusagen zum Stamminventar während der Saisonen im Hotel der Familie Wechselberger.

Sie sitzen gerade vor dem Fernseher in ihrer Berliner Villa, als die Fuchsberger-Sendung „Die neun Geschworenen“ ausgestrahlt wird. Das brisante Thema: „Die Piefkes“. Der Moderator fragt seine österreichischen Studiogäste, was sie denn unter dem Begriff „Piefke“ verstehen. Die Antworten sind für die deutschen Zuseher ein Schlag ins Gesicht. Doch nicht nur im benachbarten Deutschland ist man schockiert, sondern auch in den Tourismusregionen Österreichs.

Diplomatisch setzt sich der Tourismusverband für eine Abwiegelung der Geschehnisse ein, schließlich bangt man um das sommerliche und winterliche Geschäft mit den zahlungskräftigen Nachbarn. Die Sattmanns lassen auch dazu hinreißen, wie jedes Jahr zurück nach Lahnenberg zu kommen. Schließlich haben Vater, Mutter, Opa und Hund ihr Herz an die wunderbare Landschaft verloren, Tochter und Sohn hingegen an die Einheimischen Joe und Anna. Doch schon dieser Sommer ist nicht mehr so idyllisch wie vor dem Skandal. „Ich reise ab!“ wird zum Standard-Satz Karl Friedrichs. Diesen ersten Teil bezeichnet Mitterer selbst sehr treffend als Satire.

Im zweiten Teil, von Mitterer als Komödie konzipiert, macht Familie Sattmann wieder Urlaub, dieses Mal ist es Winter. Es wird klar, dass unter dem Lack des auf die Touristen angewiesenen Lahnenberg nicht alles Glanz und Glorie ist. Die Sattmanns amüsieren sich, die Tiroler arbeiten und müssen schauen, wo sie bleiben.

Der dritte Teil, eine Tragikomödie, lässt schon erahnen, worauf der vierte Teil hinauslaufen könnte, dennoch kommt es dann doch noch schlimmer und absurder, als man gedacht hätte. Es wird schließlich klar, dass die Sattmanns, vor allem Karl Friedrich, eine unbändige Liebe zu Tirol Jahr für Jahr wieder kommen lässt. Er gibt sich der Illusion hin, eines Tages auch dazu gehören zu können, doch diese Illusion wird ihm geraubt. Letzten Endes muss er jedoch einsehen, dass er immer nur Gast sein wird.

Und die Tiroler? Die müssen letztlich ehrlich zugeben, dass sie ihre Urlauber einfach brauchen und auch alles dafür tun, dass sie immer wieder kommen. Sie verkaufen ihre Identität und erhalten die Oberfläche möglichst auf Hochglanz, während die Welt darunter verfault.

„Die Piefke-Saga“ war ursprünglich ein satirischer Dreiteiler und wurde 1990 als Gemeinschafts-produktion von ORF und NDR erstmals ausgestrahlt. Den Film kenne ich nicht, die Reaktionen darauf dürften durchwachsen gewesen sein. Das Buch hingegen ist genau so, wie man es von Mitterer erwartet. Es ist amüsant und treffend, Mitterer einfach ein toller Beobachter, der nicht nur seine österreichischen Landsleute bestens kennt, sondern auch die deutschen Urlaubsgäste mit viel Humor und Zuneigung beschreibt.

Das Buch ist eine liebevolle Abrechnung mit Gästen und Gastgebern, die nie gemein oder niveaulos wird. Alle Personen haben ihre sympathischen Seiten, alle Personen haben aber auch ihre Macken. Es ist eine amüsante Lektüre, die gerade in der Urlaubszeit den Blick wieder fürs Wesentliche schärfen sollte: Die Deutschen und die Österreicher haben einfach mehr gemeinsam, als sie zugeben möchten, mögen sich auch mehr, als man glaubt und brauchen sich sowieso!
Broschiert: 228 Seiten
Verlag: Haymon Verlag (1991)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3852180899
ISBN-13: 978-3852180892

Sonntag, 19. Juli 2009

Kürbisgeist und Silberspray



Autorin: Ursel Scheffler
Original: Kürbisgeist und Silberspray (1994)
meine Bewertung: 5 von 5

Kommissar Kugelblitz bekommt es in Band 13 der Ratekrimi-Serie mit einem dreisten Erpresser, auch Dynamit-Charly genannt, zu tun. Außerdem entdeckt er ein Krokodil zuviel, einen versilberten Golf und einen siebten Gast. Herumschlagen muss sich der rudliche, sympathische und äußerst scharfsinnige Kommissar dann auch noch mit Posträubern, die auf leisen Sohlen kommen.

Die Ratekrimis mit Kommissar Kugelblitz und der legendären roten Wunderfolie gehören zu meinen ersten Ausflügen ins Krimi-Genre und haben mir immer wieder viel Spaß gemacht. Es ist wie ein Ausflug in die eigene Kindheit, diese Bücher wieder zu lesen und bei den Ratekrimis die eigenen Grübelzellen einzuschalten. Ich habe dadurch die Erfahrung gemacht, dass Kinder einfach anders denken als Erwachsene, denn während mir die Fragen als Kind sehr leicht gefallen sind, muss ich heute wirklich nachdenken. Man übersieht als Erwachsener oft das Wesentliche.

Auf jeden Fall eine Top-Empfehlung für Kinder, die beim Lesen ein wenig Ansporn brauchen und auf Mitmach-Bücher stehen. Kommissar Kugelblitz ist meist amüsant und ungefährlich, für die Zielgruppe der jüngsten Leser aber sicher spannend und ein großer Spaß.
Gebundene Ausgabe: 126 Seiten
Verlag: Egmont Franz Schneider Verlag; Auflage: Veränd. Aufl. (Januar 2001)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3505115231
ISBN-13: 978-3505115233

Manchmal möchte ich ein Single sein



Autorin: Christine Nöstlinger
Original: Manchmal möchte ich ein Single sein (1993)
meine Bewertung: 5 von 5

Traute Zweisamkeit oder doch lieber beschauliche Einsamkeit? Christine Nöstlinger beobachtet mit scharfem Blick das Familienleben und stellt fest: Manchmal wäre es gar nicht so falsch, Single zu sein, nur den eigenen Mist wegräumen zu müssen, und tun und lassen zu können, wonach einem ist. Einmal aufgeräumt würde aufgeräumt bleiben, die Stimmung in der Wohnung wäre immer friedlich und harmonisch und Streitereien passé.

In witzigen Kurzgeschichten erzählt sie Szenen aus dem Leben jeder Ehe- bzw. Hausfrau und/oder Mutter, beschreibt, warum es wohl doch besser gewesen wäre, im entscheidenden Moment „Nein, ich will nicht“ zu rufen und das Weite zu suchen und wieso frau sich schließlich aber doch glücklich schätzen kann, doch in den Hafen der Ehe eingelaufen zu sein.

Es ist ein humorvolles Buch und trotz des Titels enorm liebevoll und das ideale Geschenk für alle Frischvermählten, Langzeitpaare oder den Single, egal ob gerade erst geworden oder immer schon geblieben.
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Dtv; Auflage: Neuaufl. (1999)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3423202319
ISBN-13: 978-3423202312

Das sprechende Grab



Autor: Thomas Brezina
Original: Das sprechende Grab (1996)
meine Bewertung: 2 von 5


Poppi, das jüngste Mitglied der legendären Knickerbocker Bande, ist sauer. Sie wird von allen nur bemuttert, muss immer zurück bleiben, wenn es gefährlich wird und wird von den anderen ständig als Angsthase verspottet. Weil sie ihren Kumpels beweisen will, dass sie auch Mut hat und genauso ein guter Knickerbocker ist, wie die anderen, beschließt sie, als Mutprobe nachts über einen Friedhof zu spazieren.

Doch das bleibt natürlich nicht ohne Folgen. Die Knickerbocker beobachten während ihres nächtlichen Ausflugs seltsame Vorgänge rund um die Gruft eines verstorbenen Magiers. Sie hören eine Stimme aus dem Grab und beobachten eine dunkle Gestalt, die flieht, als sie ein Geräusch hört.

Natürlich lassen echte Knickerbocker niemals locker, also versuchen sie herauszufinden, was der nächtliche Spuk soll. Dominik, der gerade am Theater für eine Rolle probt, stößt auf Hinweise zu dem geheimnisvollen Zauberer. Die älteren Knickerbocker Axel und Lilo begeben sich mal wieder in Gefahr, doch dieses Mal ist es Poppi, die den beiden das Leben rettet und entscheidend zur Lösung des Falls beiträgt.

Dieser Band ist das Buch zum 1996 erschienenen Kinofilm „Das sprechende Grab“ und mit zahlreichen Farbbildern aus dem Film illustriert. Neben der Hauptgeschichte findet sich auch noch eine kurze und recht interessante Beschreibung des Drehs. Was in diesem Fall fehlt, ist eine Erwähnung, wie es dazu kommt, dass die Kinder sich alle in Wien aufhalten (da sie ja normalerweise aus verschiedenen Bundesländern kommen). Ansonsten eine nette Geschichte für die Zielgruppe der acht- bis zehnjährigen Leser.
Gebundene Ausgabe: 139 Seiten
Verlag: Hpt Neuer Breitschopf (Juli 1998)
ISBN-10: 3700435452
ISBN-13: 978-3700435457

Samstag, 18. Juli 2009

Polt muss weinen



Autor: Alfred Komarek
Original: Polt muß weinen (1998)
meine Bewertung: 3 von 5


Es ist Herbst geworden, in Brunndorf, dem kleinen Dörfchen im Norden des niederösterreichischen Weinviertels, knapp vor der Tschechischen Grenze. In den Weinbergen ringsum wird der junge Wein in die Fässer abgefüllt und in die Keller zum Vergären gebracht. Das Leben ist nicht besonders einfach, es muss viel gearbeitet werden und keiner hat besonders viel. Natürlich ist da niemand auf den Wiener Großkotz Albert Hahn neugierig. Dass niemand besonders traurig ist, als dessen Leiche in seinem eigenen Weinkeller gefunden wird, ist klar.

Simon Polt, seines Zeichens Gendarmerie-Inspektor und in Brunndorf heimisch, mochte ihn auch nicht besonders. Gerade deshalb lässt ihm der seltsame Unfall des Zugreisten nicht in Ruhe. Gärgas steht als Unfallursache im Totenschein, doch kann man dieses natürliche Nebenprodukt des Weingärungsprozesses nicht auch absichtlich in einen Weinkeller leiten? Polt gibt keine Ruhe und stellt Nachforschungen an.

Schnell wird er sich wieder bewusst, welch besondere Rolle er in der dörflichen Gemeinschaft spielt. Einerseits ist er zwar mit vielen Bewohnern befreundet und hat ein halbwegs gutes Ansehen, doch immer wenn in Brunndorf oder der Umgebung etwas passiert, rücken die Dörfler enger zusammen, auch wenn sie sich sonst nicht ausstehen können, so dass Polt automatisch eine Außenseiterrolle einnimmt. Sein Leben macht das natürlich keinesfalls leichter, doch wie immer siegt Polts Gerechtigkeitssinn. Und da ist ja auch noch Karin Walter, die Lehrerin, die ihm besonders gut gefällt und ihm das Leben etwas versüßt.

Dieser Polt-Krimi spielt im Herbst, Komarek hat es wieder einmal geschafft, nicht nur die Dorfbewohner farbig zu illustrieren, sondern auch die herbstliche Stimmung in den nebelverhangenen Weinbergen perfekt wiederzugeben. Man fröstelt beim Lesen, schmeckt quasi den jungen Wein (bei uns in Niederösterreich auch „Sturm“ genannt) und begleitet Polt durch sein nachdenklich-melancholisches Leben in Brunndorf.

Der Fall selbst ist weder aufregend noch besonders ungewöhnlich, dafür lohnt sich die Lektüre für alle, die ein wenig weinviertlerisches Lokalkolorit erleben möchten, egal, ob sie aus der Gegend kommen, weit weg davon leben oder sie einfach mal besuchen möchte. Zwar ist Brunndorf ein fiktives Dörfchen, das Leben, die Leute und die Atmosphäre dafür umso echter.
Taschenbuch: 183 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag; Auflage: 12., Aufl. (März 2000)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3257231296
ISBN-13: 978-3257231298

Mittwoch, 8. Juli 2009

Bücherflohmarkt 3300 Amstetten

Termin:Freitag, 10. Juli 2009
Samstag, 11. Juli 2009
Dienstag, 14. Juli 2009
Ort:Rathaussaal Amstetten
Dauer:ab 9 Uhr

Beschreibung:
Die Stadt- und ÖGB-Bücherei Amstetten veranstaltet einen Bücherflohmarkt, bei dem aus der Bibliothek ausgemusterte Bücher zum Kilopreis von 1,50 Euro verkauft werden.

Die Chemie des Todes



Autor: Simon Beckett
Original: The Chemistry of Death (2006)
meine Bewertung: 4 von 5

David Hunter, der in seinen Kreisen sehr bekannte Rechtsmediziner, flieht nach seiner persönlichen Familientragödie in das kleine englische Dörfchen Manham. Er hat gerade seine Frau und seine Tochter bei einem Autounfall verloren, seiner täglichen Arbeit als Rechtsmediziner möchte er nicht mehr in seinem früheren Job, also mit Leichen, arbeiten. In Manham sucht der praktische Arzt der Gegend einen Nachfolger. Er ist schon etwas älter und außerdem an den Rollstuhl gefesselt.

Schnell merkt David, dass man als Fremder in einem kleinen Dorf immer der Außenseiter bleiben wird, egal wie lang man schon dort lebt. Er freundet sich mit der Lehrerin Jenny an, die ebenfalls ein persönliches Trauma überwinden will und deshalb in das ruhige und abgeschiedene Dorf gekommen ist.

Doch die dörfliche Idylle wird jäh gestört, als zwei Jungs beim Spielen im Wald eine seltsame Entdeckung machen. Ein Strom von Maden kriecht ihnen aus dem sumpfigen Wald entgegen. Neugierig und ahnungslos wie nur Kinder sein können, folgen sie dem Madenstrom bis zu seiner Quelle. Sie machen eine grausige Entdeckung: Eine halb verweste Leiche, in deren Rücken Vogelflügel stecken, wurde im Moor deponiert.

Die Jungs werden von Dr. Hunter nach ihrem Schock behandelt, weshalb er als einer der ersten von der Leiche erfährt. Er hat seine Vergangenheit streng geheim gehalten, niemand soll wissen, dass früher tote Körper ein täglicher Bestandteil seines Lebens waren. Nicht einmal sein Arztkollege Henry ist darüber aufgeklärt. Doch schon bald kommt die Polizei dahinter, welche Koryphäe sich mitten unter ihnen befindet.

Hunter wird gebeten, der Polizei zu helfen. Zwar möchte er das nicht, lässt sich aber nach und nach dazu überreden und weiter hineinziehen. Er untersucht die Leichen, liefert der Polizei wichtige Hinweise und ahnt nicht, dass er einen Wettlauf gegen die Zeit gewinnen muss. Denn der Killer hat sich schon seine nächsten Opfer ausgesucht. Unter ihnen auch Jenny, in die sich David gerade verliebt hat…

Simon Beckett hat einen wirklich spannenden Thriller geschaffen, der neben interessanten Details aus der Rechtsmedizin auch durch die genaue Beobachtung des dörflichen Lebens enorm gewinnt. Er beschreibt, wie irrational Menschen handeln, die sich mit der Tatsache konfrontiert sehen, dass einer von ihnen ein Mörder ist. Ein Mensch, den man vielleicht schon seit seiner Geburt kennt oder mit dem man sogar verwandt ist. Das gegenseitige Misstrauen führt zu Anschuldigungen und einem Eklat, in den auch David Hunter verwickelt wird.

Kennt man noch kein anderes der David-Hunter-Bücher, so bringt dieses erste der Reihe sicherlich viele Stunden guter Unterhaltung und wartet gerade gegen Ende hin mit einem interessanten Twist auf. Aber gerade wenn man im Thriller-Genre sehr bewandert ist, oder schon einen anderen Thriller von Beckett kennt, wird man keine Schwierigkeiten haben, den Killer schon relativ früh zu entlarven.

Beckett folgt in seinen Büchern einem ziemlich fixen Schema, das sogar so weit geht, dass in den beiden Büchern „Die Chemie des Todes“ und „Kalte Asche“ Hunde vorkommen, die jeweils Bess heißen, Frauen namens Janice spielen eine Rolle, ungeborene Kinder spielen eine noch viel größere Rolle und auch die Locked-In Konstellation der Figuren ist klassisch. Aber was solls, manchmal ist einem einfach danach. Und dann kann man ruhigen Gewissens nach einem Beckett-Hunter-Buch greifen.
Taschenbuch: 432 Seiten
Verlag: Rowohlt; Auflage: 9. Auflage (1. August 2007)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3499241978
ISBN-13: 978-3499241970