Mittwoch, 3. Februar 2010

Salz der Erde



Autor: Ernst Hinterberger
Original: Salz der Erde (1966)
meine Bewertung: 5 von 5

Edmund Sackbauer ist das Zentrum seiner Familie – zumindest glaubt er das, darum setzt der Choleriker und Freizeit-Gewichtestemmer alles daran, dass das so bleibt. Er hat die Hosen an, das demonstriert er mit seinen wortgewaltigen Wutausbrüchen seiner Familie, bestehend aus seiner Frau Toni, seinem Sohn Karl und seiner Tochter Hanni, immer wieder. Mundl, Bewohner einer Gemeindebauwohnung in Wien, ist eigentlich Maurer, verbringt seine Freizeit aber im Gewichtheber-Verein und hat sonst nicht besonders viele Interessen.

Er ist ein sehr traditionsbewusster Mensch und freut sich natürlich, als sein ältester Sohn Karl ein wahrlich fesches Mädel als Freundin mit nach Hause bringt. Als seine Tochter jedoch, fast erwachsen, sich in den Franzi verliebt, sieht der Patriarch rot. Franzi möchte unbedingt Schriftsteller werden und kommt aus einer Akademiker-Familie, ganz im Gegensatz zu den Sackbauerischen.

Der Schani-Onkel jedoch setzt sich für die jungen Leute ein, ist er selbst doch schon alt und ein Kriegsrückkehrer, der in seinem Leben viel Leid gesehen und seinen Sohn an den Krieg verloren hat. Gemeinsam mit seiner Schwägerin Toni schafft der Schani-Onkel es, Mundl die Erlaubnis abzuringen, dass auch Franzi in den Sommerurlaub mitkommen darf, der dieses Mal nach Jesolo geht – ganz so, wie es Mode in den sechziger Jahren war – in denen die Geschichte spielt.

Franzi wehrt sich und bleibt zuhause, natürlich ist Hanni tieftraurig, aber dem gemeinsamen Familienurlaub in Jesolo kann sie nicht entrinnen. Während die anderen also Spaß haben und sich in der „Fremde“ amüsieren, sitzt Hanni abseits und denkt nur an ihren Franzi. Schani fühlt sich zunehmend bedrückt. Er schiebt dies auf das ungewohnte Wetter, ahnt aber nicht, dass da noch mehr dahinter steckt. Und auch zwischen Mundl und Toni verändert sich so einiges – im Bett ist alles anders als zuhause.

Aber auch zurück in Wien ist alles andere als rosig. Zwar versöhnen sich Franzi und Hanni durch das Zutun des gütigen Schani-Onkels, doch die Folgen sind kaum abzuschätzen. Hanni wird nämlich schwanger. Und dass das dem Mundl nicht passt, ist allen Beteiligten von Anfang an klar.

Auch auf andere Weise wird Mundl seiner Vormachtstellung beraubt: er ist impotent geworden. Seit Italien hat er zwar Lust auf seine Toni, doch sein Körper macht da nicht mit. Als Toni dann auch noch ihre Erleichterung darüber Ausdruck verleiht, ist die Welt des „echten Wieners“ schon sehr stark am schwanken, stürzt aber noch nicht in sich zusammen.

Das kommt erst noch, als er auch von seinem Karli überflügelt wird und nicht einmal eine Gewerbsmäßige es schafft, ihn auf Hochtouren zu bringen. Dazu kommt noch, dass er auch im Verein nicht mehr zur Kampfmannschaft gehört, sondern zu den Senioren verfrachtet wird. Ob das ein gutes Ende nimmt?

„Salz der Erde“ ist die Romanvorlage zur ORF-Serie „Ein echter Wiener geht nicht unter“. Zwischen der Serie und dem Roman bestehen erhebliche Unterschiede. So geht in den Filmen die Tiefgründigkeit und Tragik der Familie, besonders der Figur des Schani und des Mundl, komplett verloren, statt dessen rückt die cholerische Art in den Vordergrund. Längst sind Mundls Sprüche, Flüche und Verwünschungen weltberühmt (in Österreich). Dialoge wurden zumindest in der ersten Folge allerdings fast identisch übernommen. In den späteren Folgen gehen Film und Roman jedoch immer weiter auseinander.

Das Buch ist eine wunderbare Zeitreise in das Wien der sechziger Jahre, es ist tiefgründig und tragisch und dennoch streckenweise komisch. Teilweise wird das Buch auch in Gedanken der handelnden Personen geschildert, weshalb manchmal die Perspektive des Lesers wechselt. Dadurch wird die Problematik der einzelnen Figuren noch deutlicher. Zwar haben sowohl Karli, Hanni, Toni und Schani ihre eigenen Geschichten, doch sie alle vereinen sich wie Fäden im Knäuel beim Familienoberhaupt Mundl, der durch die Ereignisse, beziehungsweise des Älterwerdens viel seiner Stellung verliert und darunter fast zu zerbrechen droht.

Man könnte „Salz der Erde“ als Entwicklungsroman bezeichnen, der ähnlich Bukowskis „Fast eine Jugend“ die Geschichte des Erwachsenwerdens erzählt, allerdings übertragen auf einen Mittsechziger, der den Lauf der Zeit nicht aufhalten kann und schon bald zu den Senioren abgeschoben wird. Gerade für die Kenner der Serie und auch für „unechte Wiener“ eine Empfehlung, man gewöhnt sich schnell an die verwendeten Mundartwendungen und zur Not gibt’s ein Glossar.
Broschiert: 318 Seiten
Verlag: Echomedia Verlag Gmbh (2. Mai 2007)
ISBN-10: 3901761691
ISBN-13: 978-3901761690

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