Sonntag, 2. Mai 2010

Der Vorleser



Autor: Bernhard Schlink
Original: Der Vorleser (1995)
meine Bewertung: 5 von 5

Michael Berg ist gerade fünfzehn, als ihm am Heimweg von der Schule furchtbar schlecht wird. Er übergibt sich zum ersten Mal in seinem Leben und schämt sich natürlich furchtbar, als eine Frau herbeieilt, ihm das Gesicht säubert und ihn nach Hause begleitet. Sie zieht sich dafür in ihrer Wohnung um, Michael erhascht einen Blick auf sie, als sie sich die Strümpfe anzieht. Der Anblick gräbt sich in sein Gedächtnis. Als Michael zuhause ist, begibt er sich ins Bett und bleibt dort mehrere Monate. Er hat sich Gelbsucht eingefangen. Während seiner Erkrankung muss er immer wieder an die Frau denken, die Bewegung, mit der sie sich die Strümpfe angezogen hat.

Als es ihm nach Monaten etwas besser geht, beschließt er, sich bei der Frau zu bedanken, die ihm damals geholfen hat. Etwas nervös legt er sich zurecht, was er sagen will, trifft sie dann aber nicht an. Michael wartet auf der Treppe vor ihrer Tür, er hat mittlerweile herausgefunden, dass sie Schmitz heißt. Wenig später kommt also Frau Schmitz die Treppe herauf, Kohlenschütten schleppend. Sie freut sich ihn zu sehen und bittet ihn, die restlichen beiden Schütten aus dem Keller z holen.

Michael schleppt sich damit hinauf in die Wohnung, hat sich aber über und über mit Kohlenstaub beschmutzt. Frau Schmitz, die um mehr als 20 Jahre älter ist als Michael, lässt ihm ein Bad ein. Michael fühlt sich mehr als nur hingezogen zu Frau Schmitz und schon bald nimmt das Unglück seinen Lauf. Es entsteht eine Affaire, die im Wesentlichen daraus besteht, dass Michael nach der Schule zu ihr kommt, sie gemeinsam Baden, miteinander schlafen und er ihr aus Büchern vorliest – das hat sie nämlich besonders gern.

Zwar äußert sich das Unglück zuerst in großem Glück, doch das ist nur die Oberfläche. Eines Tages ist Michael mit seinen Freunden im Schwimmbad. Er sieht in der Ferne eine Frau stehen, die zu ihm hinsieht. Es ist Hanna, wie Frau Schmitz mit Vornamen heißt, die er noch nie außerhalb seiner Wohnung gesehen hat. Sie wirkt falsch in diesem Setting, so wendet sich Michael ab. Er ahnt nicht, dass er Hanna für lange Zeit zum letzten Mal gesehen hat. Und dass, wenn er sie wieder trifft, sein gesamtes Bild von ihr ineinander zusammen fällt. Hanna lebt mit zwei Geheimnissen, mit denen sie sich wohl arrangiert hat, die für Michael aber umso schlimmer wiegen.

„Der Vorleser“ ist ein spannendes Buch, man fiebert dem Ende entgegen, obwohl man ahnt, dass es wohl kein gutes sein wird. Bis kurz vor dem Ende wiegt einen der Autor in Sicherheit, doch dann enttäuscht er die Hoffnung des Lesers mit der einzig logischen Wendung, die die Geschichte nehmen muss. Durch die Erzählperspektive aus der Sicht Michaels kann man das Wachsen der jungen Liebe von Anfang an gut nachvollziehen, man versteht Michaels Beweggründe, auch wenn die Beziehung noch so aussichtslos scheint, so hofft man doch mit ihm.

Als Michael schließlich vor einer tief philosophischen Frage steht und beinahe kapituliert, beginnt sich der Leser ebenfalls mit der Frage nach Würde und Ehre des Menschen auseinander zu setzen. Hannas Frage: „Was hätten Sie denn gemacht?“ klingt noch lange im Leser nach. Ein fantastisches Buch, eine ungewöhnliche Liebe und viel Stoff zum Nachdenken. Unbedingt lesen!
Taschenbuch: 206 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag; Auflage: 6 (Juni 1999)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3257229534
ISBN-13: 978-3257229530

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen