Montag, 25. Oktober 2010

Elementarteilchen



Autor: Michel Houellebecq
Original: Particules élémentaires, les (1998)
Übersetzung: Uli Wittmann
meine Bewertung: 3 von 5

Michel und Bruno sind zwei grundverschieden Brüder: Michel ist ein überaus intelligenter Wissenschafter, der sein Leben der Forschung gewidmet hat und eine wahre Kapazität auf seinem Gebiet, der Biogenetik, geworden ist. Bruno hingegen hat sein Leben dem Sex verschrieben. Er ist wahrhaft besessen von der fleischlichen Lust und frönt dieser wo und wann er kann. Dennoch verbindet die beiden Brüder mehr, als nur die gemeinsame Mutter. Beide sind sozial betrachtet völlig unfähig.

Obwohl Bruno ständig von Sex redet, träumt, liest, Pornos sieht, in Kommunen Urlaub macht und nimmt, was er bekommt, dauert es dennoch beinahe bis an sein Lebensende, bis er in Christiane endlich eine Frau findet, mit der ihn mehr als nur das Ineinanderpassen der Geschlechtsteile verbindet. Lange ist ihm dieses Glück, das über rein körperliche Gefühle etwas hinausgeht, allerdings nicht beschieden. Christiane erkrankt schwer und stirbt schließlich. Bruno, der eigentlich ständig vom Leben frustriert und seinen Mitmenschen enttäuscht wurde, erliegt seinen Depressionen und flieht in eine Irrenanstalt.

Sein Bruder Michel macht sich um die Grundlagenforschung zur „vollständigen Replikation“ verdient. Er hat eine Fortpflanzungsart gefunden, die mit Sex nichts zu tun hat, aus dem Menschen ein vollkommenes Wesen macht und den derzeit existierenden Menschen zu einer Daseinsform mit Ablaufdatum macht. Für Michel ist Sex sein Leben lang die Wurzel allen Übels, weshalb er ihn unnötig macht. Doch auch er entwickelt zumindest zu einem Menschen eine Art soziale Bindung. Annabelle verliebt sich unerklärlicherweise in ihn und auch er empfindet Zuneigung zu ihr. Schließlich ist es der Krebs, der Annabelle genau dann ereilt, als sie eigentlich von Michel schwanger werden möchte.

„Elementarteilchen“ erschien 1998 und hat damals laut Rückentext die Menschheit bewegt und in zwei Lager gespalten. Das eine hatte sich gänzlich auf Houellebecqs Seite geschlagen und den Untergang der Menschheit prophezeit, die anderen haben sich über die unsägliche Daueranwesenheit von Sex und kopulierenden Körpern aufgeregt. Ein Werk mit Rezeptionsgeschichte also. Möchte man sich eine eigene und wohlüberlegte Meinung über das Buch bilden, muss man es in seine Elementarteilchen (ha, ha!) zerlegen.

Die Geschichte beschreibt im Wesentlichen unsere rein hedonistisch orientierte Gesellschaft, wie sie am besten Wege dazu ist, sich selbst zum Aussterben zu bringen. Die Menschen haben alle Freiheit, sind jedoch vollkommen davon überfordert und nicht mehr in der Lage, soziale Bindungen zu anderen Menschen einzugehen. Eine gehörige Portion Gesellschaftskritik also als Grundaussage, durchaus sehr negativ und eher trist, fast schon verzweifelt auswegslos.

Nun zur äußeren Form. Der Roman kommt sehr wissenschaftlich daher, vieles überliest man als Nicht-Biologe oder Nicht-Philosoph einfach, was dazu führt, dass man das Gefühl hat, der Roman plätschert so dahin, manchmal poetischer, manchmal weniger, besonders dann, wenn Sexszenen unverblümt und schonungslos geschildert werden. Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem man wissen möchte, wie das Leben der beiden ungleichen gleichen Brüder weitergeht, dieser kam zumindest bei mir erst relativ spät im Roman, weshalb es anfangs doch nicht unbedingt eine Lust war, diesen in seiner Grundstimmung depressiven und negativen Roman zu lesen.

Was die Rezeptionsgeschichte betrifft: Momentan scheint es eher unverständlich, wieso ein Roman wie dieser aufgrund der Beschreibung von Sex-Szenen 1998 zu solch einem Aufruhr geführt haben soll. Was man allerdings nicht vergessen darf: auch das ist nun schon mehr als zehn Jahre her. Damals hatten Talkshows wie Arabella und Andreas Türk Hochkonjunktur, damals war man noch geschockt, wenn sich jemand als homosexuell geoutet hat oder mit 16 schwanger wurde. Aber: ist nicht genau der Umstand, dass heute niemanden mehr sowas juckt, ein Warnzeichen für den beginnenden Verfall unserer Gesellschaft? Ginge es nach Houellebecq, dann schon.

Dennoch: Die Menschen heiraten noch, es gibt sie noch, die guten, alten Freundschaften, Liebe, Mitgefühl, Altruismus und Einfühlungsvermögen. So schlimm kann es also noch nicht sein. Der Roman hat seine Daseinsberechtigung, weil er in gewissem Maße unterhält und zum Denken anregt, allerdings für mich sicher kein „Geniestreich“, wie er auf Amazon.de in Kundenrezensionen bezeichnet wird. Nur weil ein Buch berühmt ist, muss man es nicht gut finden. Allerdings sollte man es schon gelesen haben, wenn man aus echter Überzeugung darüber diskutieren möchte und beide Seiten dabei verstehen können will.
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: rororo; Auflage: 5 (1. August 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3499242559
ISBN-13: 978-3499242557

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