Sonntag, 16. Oktober 2011

Digital natives, digital immigrants



Autor: Johann Günther
Original: Digital natives & Digital immigrants (2007)
meine Bewertung: TOTALFLOP!

Digital natives - das ist jene Generation, die komplett von digitaler Technik umgeben aufgewachsen ist. Der Originalautor dieses Konzepts, Marc Prensky, hat bereits 2001 die These formuliert, dass Digital Natives anders arbeiten, denken und leben als Digital Immigrants - jene Personen, die erst im Laufe ihres Lebens mit digitaler Technik in Berührung kommen. In Erwartung eines Buches über die Lebenskonzepte oder Theorien rund um Prenskys These, habe ich mir für meine Diplomprüfung an der Uni Wien auch dieses Buch von Johann Günther gekauft. Günther war bis 2006 Leiter der Fachhochschule St. Pölten.

Nun zum Dilemma dieses Buches: Darf man einem Fachhochschuldirektor ans Bein pinkeln, indem man sein Buch zerpflückt? Man muss, wenn es so schlecht ist, wie das vorliegende von Günther. Abgesehen davon, dass Günther keinen roten Faden verfolgt, sondern das Buch aus einer Art wirren Abfolge von Erzählungen und Einzeltheorien besteht, bezieht er sich kein einziges Mal wirklich auf das Konzept Prenskys. Es scheint überhaupt kein Lektorat gesehen zu haben und verwirrt einfach nur. Das Buch ist dermaßen schlecht, dass ich vom Verlag am liebsten mein Geld zurück verlangen möchte.

Beispiele gefällig?
S. 47: Günther fragt sich: "Können die Menschen heute schlechter Rechtschreiben, wo es Rechtschreibprüfprogramme im Computer gibt?" Damit scheint er zumindest in seinem eigenen Fall schon die Antwort mitgeliefert zu haben - schließlich schafft er es, in diesen Satz zwei Fehler einzubauen.

S. 63: "Früher hatte jeder ein Fahrrad und die Straßen sind eng. Heute mit Traktoren und Autos geht das nicht mehr. Die alten Dörfer werden verlassen und ziehen in Neubauten mit breiteren Straßen." Schön, ich hab noch nie gesehen, wie alte Dörfer ihre Sachen packen und umziehen. Und wozu eine Zeitenfolge einhalten?

S. 64: "China hat bald weltweit den höchsten Öl, Zement und Stahlbedarf. Das ist ein Faktor, der alle Länder dieser Welt beeinflussen. Als die Donau-Universität gebaut wurde musste der Bau für einige Wochen eingestellt war." Das ist der Originalwortlaut - die fehlenden Beistriche hab nicht ich vergessen, die fehlenden Auslassungszeichen stammen auch nicht von mir und die Verbindung "musste der Bau eingestellt war" finde ich auch sehr hübsch.

S. 68: "Jene, die Angst vor Veränderung haben sind die Looser." An die fehlenden Beistriche gewöhnt man sich halbwegs schnell, die Beistrichsetzung ist durchgehend falsch. Aber ich persönlich finde ja, die wahren Loser sind jene, die Loser falsch schreiben.

S. 85: "wie es die Amerikaner nennen: White-Coloured und Blue-Coloured Workers..." Nein. Die Amerikaner nennen es white collar und blue collar worker. Nicht von colour (Farbe), sondern collar (Kragen).

S. 108: "Wird er weder Boing noch Airbus fliegen..." - Boing? Bong? oder doch Boeing?

S. 125: Günther zitiert sogar falsch: "...by twisted pairs of cooper phone lines...". Nun kenne ich das Originalzitat nicht, gehe allerdings davon aus, dass phone lines aus Kupfer (copper) sind...

S. 152: "Dass Jemand ohne Mobiltelefon leben kann ist fast nicht mehr vorstellbar." Erneut: Beistrich (die erwähne ich schon gar nicht mehr extra), aber auch Jemand wird dauernd in falschem Zusammenhang groß geschrieben. Ich wundere mich, dass jemand ohne Orthographie-Kenntnisse und ohne Lektorat ein Buch herausbringen kann.

S. 172: "Das Buch ist zweidimensional, flach und hat Blättern." Mhm, Blättern. Blätters? Wie war noch mal der Plural?

S. 173: "Die Wertschöpfung eines Unternehmens passiert auf drei Prozessen..." Basiert vielleicht?

S. 173: "Gute Ingenieure bitten auch die weniger entwickelten Länder..." Bieten?

S. 179: "In den postkommunistischen Ländern, wo doch die Demokratie noch neu und verbraucht sein sollte, ist das politische Desinteresse am Größten." Neu und verbraucht? Widerspricht sich das nicht ein bisschen? Und am größten heißt es. Nicht: am Größten.

S. 196: "So wie ... Sekretärinnen zu Sachbearbeitern avisierten, werden immer mehr Menschen "Fernarbeiten"." Avancierten wäre das richtige Wort gewesen und zu einer Fernarbeit werden, will wohl auch niemand. Wohl eher zu einem Fernarbeiter.

Abgesehen von den äußerlichen Unzulänglichkeiten des Buches, was die Grammatik, Rechtschreibung und Interpunktion betrifft, macht es auch wenig Sinn, ein Buch mit wissenschaftlichem Anspruch zu schreiben/schreiben zu wollen, und dann Grafiken zu verwenden, die unerklärt da stehen und sich selbst ad absurdum führen, wenn sie im Original mit unterschiedlichen Farben arbeiten und dann in schwarzweiß abgebildet werden. Die Aussagekraft liegt bei Null, weil Linien und Trends nicht unterscheidbar sind. Außerdem sind mache Grafiken so klein, dass nichtmal die Zahlenwerte lesbar sind. Und der Plural von "native" heißt "natives" und nicht "nativs". Phu.

Als Fazit bleibt: 24 Euro rausgeschmissen, das war der Flop der letzten 20 Jahre. Finger weg - lieber die Originalaufsätze von Prensky lesen!


  • Broschiert: 216 Seiten
  • Verlag: Studienverlag Gmbh; Auflage: 1., zahlreiche s/w-Abbildungen (August 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3706544091
  • ISBN-13: 978-3706544092

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