Dienstag, 5. Juni 2012

Fliegen, bis es schneit















Autor: Andreas Neeser
Original: Fliegen, bis es schneit (2012)
meine Bewertung: 5 von 5


Isabelle und Simon sind glücklich miteinander. Sie haben soeben den Hauskauf fixiert, denken an ein gemeinsames Kind, das Manuel heißen soll und auf seiner Schaukel im Garten des Hauses im Grünen Spaß haben soll. Es scheint so, als hätten beide genau das Leben, das sie sich wünschen. Als Isabelle auf den Zug wartet, der sie zu ihrer Tante und somit zur Verkäuferin des Hauses bringen soll, verändert sich ihr Leben jedoch schlagartig.
Sie sieht einen relativ gutaussehenden Mann, der sich im Zug dann auch zu ihr setzt. Anfangs scheint er nett zu sein, doch dann schlägt sein Redeschwall über Isabelle wie eine riesige Flutwelle zusammen. Sie ertrinkt in seinen Worten, er bedrängt sie verbal und befriedigt sich schließlich in ihrer Gegenwart selbst.
Isabelle ist wie betäubt. Immer wieder taucht Obermeier - zumindest hat er behauptet, so zu heißen - in ihrem Leben auf. Entweder auf Reklameplakaten, live, am Telefon oder auch in ihren Gedanken. Sie erbittet sich von Simon vor allem Ruhe und Verständnis. Dieser gibt ihr Zeit, wieder zu sich zu finden, allerdings treibt Isabelle gerade durch diese Tatenlosigkeit seinerseits immer weiter ab, sie findet sich in einem Gefühlsstrudel, der sie immer weiter hinab in die Tiefe zieht. 
"Fliegen, bis es schneit" ist ein Buch, das rundherum überzeugt. Einerseits ist die Sprache Neesers sehr gewählt, anschaulich, reich an Adverbien und Adjektiven und dennoch so klar und schnörkellos. Er verliert sich hin und wieder in Abstraktionen, seine Protagonisten landen allerdings immer wieder in der kalten Realität. Der Plot an sich ist spannend, abstoßend und faszinierend zugleich. Einerseits hat man Angst um Isabelle, man verachtet den Verrückten, fragt sich aber andererseits zugleich, wie ein Mensch wie er ticken mag.
Sicher, die Thematik ist ernst. Ohne ihr körperlich nahe zu kommen, schafft Obermeier es nämlich, in Isabelle einzudringen und sie von innen heraus zu zerstören. Die Vergewaltigung ist körperlos, sie betrifft die Seele und ist daher ebenso schwerwiegend. Wer sich gerne thematisch ernster Lektüre mit anregender Sprache widmet, dem sei "Fliegen, bis es schneit" ans Herz gelegt. Neeser kann was!

Haymon Verlag
Hardcover, 205 Seiten
ISBN 978-3-85218-731-0

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