Der Geschichtenverkäufer



Autor: Jostein Gaarder
Original: Sirkusdirektorens Datter (2002)
meine Bewertung: 4 von 5

Petter ist ein außergewöhnlicher Junge. Er beobachtet seine Altersgenossen lieber, als mit ihnen zu spielen. Er besucht mit seiner Mutter Theateraufführungen und lauscht großen Opern, Petter ist ein Junge, dessen Phantasie keine Minute stillstehen kann.

Als er in die Schule kommt, lernt er, seine Begabung, Geschichten zu erfinden, in Geld umzuwandeln. Er schreibt für seine Mitschüler Aufsätze und die Hausaufgaben, diese geben ihm ein paar Kronen dafür oder bezahlen in Naturalien. Petter ist aber nicht dumm. Er weiß, wie viele Fehler er machen muss, um seine „Kunden“ weiterhin glaubwürdig erscheinen zu lassen. Freunde hat er trotzdem nicht, er will das so. Freunde würden ihn nur vom Denken abhalten. Einen Freund hat er jedoch. Der ist zwar meist schweigsam, nur einen Meter groß und nur für Petter sichtbar, dafür ist dieser ihm treu und folgt ihm stockschwingend überall hin.

Als Petter gerade 18 Jahre alt wird, stirbt seine Mutter. Er behält die Wohnung und beginnt, sich um Mädchenbekanntschaften umzusehen. Die Mädchen begleiten ihn ins Theater oder in die Oper, manchmal kommen sie noch mit zu Petter in die Wohnung. Es kann auch schon mal zu einer gemeinsamen Nacht kommen, Petter achtet jedoch peinlichst genau darauf, keinem Mädchen zu viele Hoffnungen zu machen. Er kann sich einfach nicht binden.

Als ihm als Studenten das Geld langsam knapp wird und sein Gehirn vor Geschichten nur so überkochen zu droht, muss er sich etwas einfallen lassen. Er schreibt seine Gedanken und Ideen auf und beginnt damit, sie erfolglosen Schriftstellern zu verkaufen. Er selbst hat nicht die Geduld dazu, selbst aus seinen Ideen Romane zu machen, aber einige seiner Ideen bringen ihm Geld und seinen „Autoren“ Ruhm und Anerkennung.

Da Petter sich selbst als pedantischen Menschen beschreibt, ist es nicht verwunderlich, dass er akribisch genau festhält, wem er welche Ideen verkauft hat, wie viel Geld er dafür genommen hat und so weiter. Natürlich hält er seine Geschäfte streng geheim, jeder seiner Kunden denkt, der einzige Abnehmer zu sein.

Unerwarteterweise tritt dann doch noch eine Frau in das Leben des Phantasten. Sie scheint die ideale Weggefährtin für ihn zu sein, eine Form von Liebe entwickelt sich zwischen ihnen. Maria heißt die Angebetete. Von langer Dauer ist das junge Glück allerdings nicht, denn Maria muss weg aus Dänemark. Doch bevor sie geht, will sie ein Kind von Petter. Dieser erklärt sich dazu bereit und bald entwickelt sich ein richtiggehendes Geschäft aus Marias Kinderwunsch. Sie geht fort, hinterlässt Petter keine Adresse, keinen Nachnamen, nichts. Nur Erinnerung. Da die beiden übereingekommen waren, dass Petter sein Kind nie sehen würde, belassen es beide dabei und verlieren sich vollkommen aus den Augen.

Einige Jahre später hat der Geschichtenverkäufer schon ein weltumspannendes Netz geschaffen, er ist wie eine Spinne. Viele Bestseller sind eigentlich aus seinen Ideen geboren, Petter ist wohlhabend und zufrieden, doch seine Abnehmer werden langsam nervös. Als die Kunden untereinander zu reden beginnen, wird es für Petter brenzlig und er flieht nach Italien.
Er ist ängstlich und entwickelt eine leichte Paranoia. Doch da tritt Beate in sein Leben. Eine junge Frau, die er aufrichtig liebt, die er versteht, die ihn versteht und die nach Maria die Einzige zu sein scheint. Allerdings weiß Petter nicht, wen er vor sich hat und welche Rolle Maria für sein weiteres Leben noch spielen würde.

Von Gaarder ist man große philosophische Romane gewöhnt, die flott daher kommen, aber viel Tiefe haben. „Der Geschichtenverkäufer“ ist nicht ganz so philosophisch, hat auch nicht ganz so viel Tiefgang. Der Roman selbst ist als Monolog verfasst, immer wieder werden auch kurze Abrisse von Geschichten eingeflochten, die Petter an die erfolglosen Schriftsteller verkauft.

Schade nur, dass man so manche Geschichte in der Geschichte spannender anmutet, als der eigentliche Roman. Ein weiteres Manko ist das Ende der Geschichte. Jedem halbwegs belesenen Menschen wird schon rund 50 Seiten vor Ende (und vor Petter) klar, wie sich die Handlung entwickeln wird – den etwas mehr Belesenen wird das Ende sehr bekannt vorkommen (Stichwort: Homo Faber von Max Frisch). Dies ist vor allem deshalb peinlich, weil Gaarder es eigentlich nicht nötig hätte.
Gute, interessante Geschichte, die allerdings nicht wirklich dem bisherigen Gaarder gerecht wird.
Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: Dtv (Oktober 2004)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3423132507
ISBN-13: 978-3423132503

Kommentare

  1. angelmagia schreibt am 27.03.2007 um 20:06 Uhr:
    Hast du das "Kartengeheimnis" von Jostein Gaarder gelesen? :)
    Wenn nicht - unbedingt lesen ;)

    Das ist großartig.

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