Grieche sucht Griechin
Autor: Friedrich Dürrenmatt
Original: Grieche sucht Griechin (1995)
meine Bewertung: 5 von 5
Original: Grieche sucht Griechin (1995)
meine Bewertung: 5 von 5
Arnolph Archilchos ist eine ziemlich ruhige Erscheinung. Er ist Unterbuchhalter in der Petit-Paysan Fabrik, in der Abteilung Geburtszangen, nicht in der Atomwaffen-fabrik und lebt in einer kleinen Wohnung. Sein Leben verläuft in geordneten Bahnen, er ist Temperenzler, gläubiger Altneupresbyterianer und ein Mensch mit einer sehr genauen Vorstellung einer moralischen Weltordnung. Archilochos gönnt sich wenig, doch regelmäßig verkehrt er im "Chez Auguste", einer kleinen Kneipe, die Madame Bieler und ihr Gatte führen. Dort trinkt er stets ein Glas Milch und isst Nudeln.
Eines Tages ergreift Madame Bieler Initiative und überredet den stillen, dicklichen Unterbuchhalter eines Unterbuchhalters eine Heiratsanzeige aufzusetzen, da er eine Frau brauche, die sich um ihn kümmere. Archilochos befolgt den Rat Madame Bielers und setzt die Annonce "Grieche sucht Griechin" in die Zeitung. Es dauert nicht lange, da meldet sich wirklich eine Griechin und verabredet sich mit Archilochos im "Chez Auguste".
Überwältigt von der Schönheit und dem Liebreiz der Griechin Chloé, die erzählt, von einem reichen Archäologen-Ehepaar als Dienstmädchen aufgenommen worden zu sein, kann Archilochos sein Glück kaum fassen. Die beiden verlieben sich auf Anhieb und auch sonst wird der einfache Unterbuchhalter eines Unterbuchhalters schier mit Glück überhäuft. Er wird zum Direktor der Petit-Paysan-Werke befördert, wird von allen Männern auf der Straße sehr freundlich begrüßt, wenn er mit seiner Verlobten - denn Archilochos und Chloé wollen heiraten - in der Stadt spazieren geht. Als er dann noch zum Weltkirchenrat befördert wird, ihm ein kleines Schlösschen überschrieben wird und er in den besten Kreisen verkehrt, kann er sein Glück kaum fassen.
Erst als Archilochos vor den Altar tritt und seiner Braut das "Ja-Wort" gegeben hat, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Zu spät bemerkt er, wen er da geheiratet hat...
Dürrenmatt hat ein vor Ironie triefendes, gesellschaftskritisches Werk geschrieben, das wirklich wert ist, gelesen zu werden. Man fiebert mit der wirklich spannenden Geschichte von Archilochos mit, man weiß, dass da etwas nicht stimmen kann, doch würde mann dem einfachen Griechen sein Glück von Herzen gönnen. Anzumerken ist noch eine Besonderheit dieses Buches: Dürrenmatt hat einen eigenen Schluss für Leihbibliotheken angefügt - einzigartig, meines Wissens, allerdings wieder typisch Dürrenmatt: Publikumsbeschimpfung auf seine Art -gönnt er doch seinem "zartbesaiteten" Leihbibliotheks-Leser ein Happy End. Sprachlich ausgefeilt, gut durchdacht und witzig-ironisch. Was will man mehr von einer guten Geschichte?
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