A long Way down



Autor: Nick Hornby
Original: A long Way down (2005)
meine Bewertung: 5 von 5
Übersetzung: Clara Drechsler, Harald Hellmann

Das Londoner Hochhaus Topper’s Building ist eine beliebte Stelle für Selbstmörder, um sich vom Dach zu stürzen und dem eigenen Leben ein Ende zu bereiten. Und besonders geeignet für dieses Vorhaben erscheint vielen die Silvesternacht. So passiert es, dass sich in jener Silvesternacht zufällig vier seltsame Gestalten auf dem Dach mit eben diesen Selbstmordgedanken treffen. Zuerst wäre da Martin. Er ist ein gealterter Moderator des Frühstücksfernsehens und mittlerweile auf der Karriereleiter wieder fast unten angekommen, da ihn nach einer unschönen Geschichte mit einer Fünfzehnjährigen nur noch der wohl schlechteste Kabelsender überhaupt haben will. Er sieht keinen anderen Ausweg mehr aus der Medienhetze, die gegen ihn veranstaltet wird, als vom Dach des Hochhauses zu springen.

Außerdem wäre da Maureen, die als Zweite am Dach ankommt. Sie ist einundfünfzig und hat einen neunzehnjährigen Sohn, der schwerst behindert ist. Ihrem Sohn Matty kann nicht geholfen werden, dennoch führt Maureen seit fast zwanzig Jahren ihr einsames und freudloses Leben ausschließlich für ihn. Als Dritter stößt Jess zu Maureen und Martin, die am Dach sitzen und bereits soetwas wie eine Unterhaltung führen. Jess ist gerade mal achtzehn, komplett durchgeknallt und wegen einer unglücklichen Liebe namens Chas am Dach. Sie will schon springen, doch Martin hält sie beherzt davon ab, indem er sich auf ihren Kopf setzt. Genau in diesem Augenblick kommt noch JJ dazu. Er ist Pizzabote und war auf dem Weg, eine Pizza auszuliefern und sich dann vom Dach zu stürzen. Erst wollte er die Lage checken, und eben dabei stößt er auf Martin, Maureen und Jess. Da die Pizza noch heiß ist und scheinbar Erklärungsbedarf besteht, setzen sich die vier zusammen, essen die Pizza und beginnen zu reden.

Danach ist irgendwie keinem mehr nach Selbstmord zumute, deshalb steigen sie vom Dach, um Chas zu suchen, den Exfreund von Jess. Die Charaktere kommen sich schon im Lauf dieser Nacht näher, obwohl sie sich scheinbar gar nicht so recht ausstehen können. Es entsteht soetwas wie ein Pakt, die vier beschließen, aufeinander acht zu geben und sich regelmäßig zu treffen. Außerdem versprechen sie sich, sich nicht vor dem Valentinstag umzubringen.

Die Geschichte ist abwechselnd aus der Sicht von Martin, Jess, JJ und Maureen erzählt. Obwohl die Charaktere sehr unterschiedlich sind – oder gerade deswegen, bekommt man einen tiefen Einblick in ihr Innerstes, außerdem macht der Perspektivenwechsel die Geschichte spannender, weil man so nicht sofort den ganzen Background einer Person präsentiert bekommt, sondern an ihrer Entwicklung und ihrem Gefühlsleben richtig teilnehmen kann.

Normalerweise halte ich ja von Interpretationen nicht besonders viel, vor allem die Unterstellung der Gesellschaftskritik wurde in letzter Zeit schon fast inflationär gebraucht, dennoch wage ich hier eben dies: Ich unterstelle Hornby Gesellschaftskritik. Begründen könnte man das darauf, dass die Lage der Charaktere bei Weitem nicht so schlimm wäre bzw. sie sie nicht so schlimm empfänden, würde unsere Welt anders funktionieren. Jess ist unglücklich, weil sie von den Erwachsenen nicht respektiert wird und sie ein wenig anders tickt, Maureen will sich umbringen, weil die Welt für sie auf das Zimmer ihres behinderten Sohnes zusammengeschrumpft ist. Urlaub, Restaurantbesuche oder Ähnliches sind für sie nicht mehr möglich und sie sieht keinen Ausweg aus dieser Lage, aus der Anonymität. Sie hat niemanden, keine Freunde oder Verwandten, die ihrem Leben zu etwas Farbe verhelfen könnten.

Genau das Gegenteil ist bei Martin der Fall. Seine Probleme wiegen umso schwerer, weil ihn eben durch die Medien jeder kennt und er sich deshalb nicht den geringsten Fehltritt hätte leisten dürfen. Dennoch ist er von einem Fettnäpfchen ins andere gelatscht, die natürlich an Gewicht gewinnen, werden sie durch die nationale Presse verbreitet. JJ ist Pizzabote, obwohl er eigentlich für die Musik lebt. Seit seine Band auseinander gebrochen ist, sieht er keinen Lebenssinn mehr. Er ist ein Amerikaner in London, ohne Freunde, von den Briten vorurteilsbehaftet und blasiert behandelt und auch seine Freundin hat ihn verlassen.

Nick Hornby ist immer lesenswert, dieses Werk möchte ich aber jedem besonders ans Herz legen. Es entbehrt nicht einer etwas skurrilen Situationskomik, dennoch ist es ernst und geht einem nahe. Man kann mit allen Charakteren mitfühlen, auch wenn man sich sicherlich schon bald seinen Liebling aussuchen wird. Besonders natürlich für einen Silvesterabend geeignet – großes Vergnügen ohne dem Kater am nächsten Morgen.
Taschenbuch: 400 Seiten
Verlag: Knaur TB (1. Oktober 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3426615363
ISBN-13: 978-3426615362

Kommentare

  1. moribund schreibt am 11.01.2008 um 22:37 Uhr:
    ich hab das bich acuh gelesen >o< ich liebe das buch ^^ so toll geschriben ^o^

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