Donnerstag, 13. April 2006

Das Leben ist kurz



Autor: Jostein Gaarder
Original: Vita Brevis (1996)
meine Bewertung: 4 von 5

Jostein Gaarder stöbert in einem Anitquariat in Buenos Aires und findet prompt ein paar in lateinischer Sprache beschriebene Bögen Pergament. Die ersten Zeilen übersetzt er mit "Floria Aemilia grüßt Aurel Augustin, Bischof von Hippo". Sofort ist er von dem Schriftstück in seinen Bann geschlagen worden. Er hegt den Verdacht, dass es sich um einen Brief von Floria, der Geliebten vom später heilig gesprochenen Augustinus, an eben jenen handelt. Unsicher, ob es sich wirklich um diese Floria handelt, erwirbt er die Bögen und macht sich an eine Übersetzung.


Es geht tatsächlich um eben jenen Augustinus, der in seinem Werk "Bekenntnisse" ("Confessiones") über sein Leben und darüber schreibt, wie er Gott huldigen möchte. Er will dies tun, indem er jeder körperlichen Lust entsagt und sein Leben ganz Gott widmet. Zu diesem Zweck hatte er seine Geliebte Floria verlassen, mit der er auch einen gemeinsamen Sohn hatte.


Der Brief, den der Leser nun in Händen hält, wendet sich an Augustinus und ist sozusagen eine Antwort, beziehungsweise eine Gegendarstellung aus der Sicht einer sehr gebildeten und modern denkenden Frau. Floria lässt sich nichts gefallen, sie zeigt Denkfehler in Augustinus' kirchlicher Lehre auf und scheint in ihrer Argumentation sehr schlüssig vorzugehen.


Das Büchlein liest sich sehr flott, man sieht Floria förmlich vor sich, wie sie mit vor Erregung glühenden Wangen zeitweise wütend, zeitweise melancholisch, aber immer sachlich, ihren Brief verfasst. Ein wirklich empfehlenswertes Buch! Den Abzugspunkt gibt es dafür, dass man das Buch wahrscheinlich noch mehr genießen kann, wenn man die "Confessiones" von Augustinus und dessen Lehren kennt.


Taschenbuch: 130 Seiten

Verlag: Dtv (Dezember 1999)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3423127112

ISBN-13: 978-3423127110

Kommentare:

  1. rollblau schreibt am 13.04.2006 um 12:21 Uhr:Wenn sich das Buch mit den Ansichten des Augustinus auseinandersetzt, ist die Kenntnis der \"Bekenntnisse\" wohl unvermeidlich und läßt sich selbst durch den Autor nicht umgehen. Ein bißchen Bildung darf schon vorausgesetzt werden, wenn man zu solch einem Buch greift. LG rollblau

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  2. chil schreibt am 13.04.2006 um 16:11 Uhr:Sag bloß, du kennst die \"Confessiones\"?

    Man muss sie nicht unbedingt kennen, weil man im Laufe von Florias Brief rasch mitbekommt, worum es Augustinus geht, außerdem werden wichtige Stellen aus den Confessiones auch zitiert. Allerdings wollte ich mit meiner Kritik nur ausdrücken, dass jemand, der das Buch wirklich so genießen will, wie es vermutlich gedacht ist, die Confessiones vorher lesen sollte. Mit Bildung hat das mM nach aber nichts zu tun.

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  3. rollblau schreibt am 13.04.2006 um 18:04 Uhr:Doch, natürlich ist das ein Bestandteil der Bildung, allerdings einer nicht von allen vorauszusetzenden. Die \"Bekenntnisse\" des Augustinus gehören zum christlich - abendländischen, wie auch zum literaturhistorischen (handelt es sich doch um die erste überlieferte Autobiographie) Hintergrund Europas. Das muß man nicht zwangsläufig kennen und gelesen haben, außer eben : man beschäftigt sich mit diesem Thema. ;) Ebenso sollte man vielleicht mal Tschaikowskijs \"Symphonie Pathetique\" gehört haben, wenn man den gleichnamigen Roman von Klaus Mann liest. -

    Nein, ich habe Augustinus noch nicht gelesen, aber gleich die Gelegenheit ergriffen, mir eine gebrauchte Ausgabe zu bestellen. Eine ungekürzte und finanzierbare Ausgabe vom \"Gottesstaat\" ist mir bei der Suche leider nicht untergekommen. :( Aber da tröstet mich der Gedanke, daß staatsphilosophische Thesen nicht ganz mein Metier sind, wie meine Versuche mit Macchiavellis \"Fürst\" und Hobbes\' \"Leviathan\" bewiesen haben. - Du wirst feststellen, daß mein Blog derzeit hermetisch abgeriegelt ist : Begründung siehe /about. :( LG rollblau

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  4. chil schreibt am 13.04.2006 um 21:24 Uhr:Hi,

    oh, was ist denn da passiert? Ich hab grad was von einem Betrugsversuch gelesen? *mehrinfoswill*

    Muss ich jetzt auch Angst haben?



    @topic: ich bin ja schon mal froh, dass ich mittlerweile im Besitz von Dantes Göttlicher Komödie bin ;-)

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