Sonntag, 31. Oktober 2010

Ein Mord wird angekündigt



Autorin: Agatha Christie
Original: A Murder is Announced (1950)
Übersetzung: ?
meine Bewertung: 4 von 5

„Am Freitag, dem 29. Oktober, 18.30 Uhr, findet in Little Paddocks ein Mord statt. Freunde und Bekannte sind herzlich eingeladen“ – dieser Text findet sich im Anzeigenteil der allseits beliebten „Cleghorn Gazette“. Natürlich wird die Anzeige überall mit gewissem Interesse und Neugier aufgenommen, jedoch sind alle davon überzeugt, dass sich der junge Neffe von Letitia Blacklock, der Hausherrin von „Little Paddocks“, einen verfrühten Halloween Scherz erlaubt hat.

Auf Little Paddocks jedoch sieht die Sache anders aus. Letitia Blacklock hat keine Ahnung von der Verabredung mit einem Mörder, sie tut das Ganze ebenfalls als Scherz ab, obwohl ihr Neffe Stein und Bein schwört, nichts damit zu tun zu haben. Ihre Gesellschafterin macht sich die größten Sorgen, ebenso wie das ausländische Hausmädchen.

Dann naht der Nachmittag des 29. Oktober. Wie erwartet finden sich eine große Zahl an Nachbarn, Freunden und Schaulustigen an diesem Abend ein, die meisten unter Vorspiegelung seltsamer Ausflüchte, nur wenige geben offen zu, dass sie neugierig auf das in der Zeitung angekündigte Spektakel sind. Als die Uhr schließlich halb sieben schlägt, geht plötzlich das Licht aus, eine unbekannte Gestalt erscheint im Türrahmen, gibt zwei Schüsse ab, ein dritter folgt. Tatsächlich wird eine Person getötet, allerdings handelt es sich dabei um den Attentäter selbst.

Die Verwirrung ist groß. Anfangs wird von einem Unfall ausgegangen, die Sache scheint erledigt zu sein, da sich der Mörder selbst ausgeknipst hat. Dann geschieht jedoch ein weiterer Mord und die gute, alte Jane Marple auf den Plan und spätestens da ist sicher: Der wahre Mörder wurde noch nicht gefasst…

Obwohl dem erfahrenen Krimi-Leser schon am Anfang klar ist, dass der Attentäter wohl kaum der wahre Mörder sein kann, ist die Geschichte spannend aufgebaut und die Beweggründe der handelnden Personen bleiben im Verborgenen. Wie bei Agatha Christie eigentlich immer der Fall, handelt es sich um einen Krimi, der knisterndes Kaminfeuer-Feeling verbreitet, eine Atmosphäre von Kölnischwasser und unbeheizten Herrenhäusern aufbaut und in eine Welt längst vergangener Zeiten entführt.

Eigentlich steht bei erfahrenen Christie-Lesern oft nicht mehr der Fall an sich im Vordergrund, sondern die Lust daran, sich in Zeiten zu versenken, in denen beim Klingeln noch der Butler öffnete, um fünf Uhr nachmittags Tee serviert wurde, man sich fürs Essen umzog und es Haushälterinnen und Gesellschafterinnen gab. Einfach nett für gemütliche Lesestunden im gut geheizten Wohnzimmer, während es draußen ruhig regnen, stürmen und schneien darf.
Broschiert: 206 Seiten
Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 3 (7. Januar 2005)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3596168872
ISBN-13: 978-3596168873

Montag, 25. Oktober 2010

Elementarteilchen



Autor: Michel Houellebecq
Original: Particules élémentaires, les (1998)
Übersetzung: Uli Wittmann
meine Bewertung: 3 von 5

Michel und Bruno sind zwei grundverschieden Brüder: Michel ist ein überaus intelligenter Wissenschafter, der sein Leben der Forschung gewidmet hat und eine wahre Kapazität auf seinem Gebiet, der Biogenetik, geworden ist. Bruno hingegen hat sein Leben dem Sex verschrieben. Er ist wahrhaft besessen von der fleischlichen Lust und frönt dieser wo und wann er kann. Dennoch verbindet die beiden Brüder mehr, als nur die gemeinsame Mutter. Beide sind sozial betrachtet völlig unfähig.

Obwohl Bruno ständig von Sex redet, träumt, liest, Pornos sieht, in Kommunen Urlaub macht und nimmt, was er bekommt, dauert es dennoch beinahe bis an sein Lebensende, bis er in Christiane endlich eine Frau findet, mit der ihn mehr als nur das Ineinanderpassen der Geschlechtsteile verbindet. Lange ist ihm dieses Glück, das über rein körperliche Gefühle etwas hinausgeht, allerdings nicht beschieden. Christiane erkrankt schwer und stirbt schließlich. Bruno, der eigentlich ständig vom Leben frustriert und seinen Mitmenschen enttäuscht wurde, erliegt seinen Depressionen und flieht in eine Irrenanstalt.

Sein Bruder Michel macht sich um die Grundlagenforschung zur „vollständigen Replikation“ verdient. Er hat eine Fortpflanzungsart gefunden, die mit Sex nichts zu tun hat, aus dem Menschen ein vollkommenes Wesen macht und den derzeit existierenden Menschen zu einer Daseinsform mit Ablaufdatum macht. Für Michel ist Sex sein Leben lang die Wurzel allen Übels, weshalb er ihn unnötig macht. Doch auch er entwickelt zumindest zu einem Menschen eine Art soziale Bindung. Annabelle verliebt sich unerklärlicherweise in ihn und auch er empfindet Zuneigung zu ihr. Schließlich ist es der Krebs, der Annabelle genau dann ereilt, als sie eigentlich von Michel schwanger werden möchte.

„Elementarteilchen“ erschien 1998 und hat damals laut Rückentext die Menschheit bewegt und in zwei Lager gespalten. Das eine hatte sich gänzlich auf Houellebecqs Seite geschlagen und den Untergang der Menschheit prophezeit, die anderen haben sich über die unsägliche Daueranwesenheit von Sex und kopulierenden Körpern aufgeregt. Ein Werk mit Rezeptionsgeschichte also. Möchte man sich eine eigene und wohlüberlegte Meinung über das Buch bilden, muss man es in seine Elementarteilchen (ha, ha!) zerlegen.

Die Geschichte beschreibt im Wesentlichen unsere rein hedonistisch orientierte Gesellschaft, wie sie am besten Wege dazu ist, sich selbst zum Aussterben zu bringen. Die Menschen haben alle Freiheit, sind jedoch vollkommen davon überfordert und nicht mehr in der Lage, soziale Bindungen zu anderen Menschen einzugehen. Eine gehörige Portion Gesellschaftskritik also als Grundaussage, durchaus sehr negativ und eher trist, fast schon verzweifelt auswegslos.

Nun zur äußeren Form. Der Roman kommt sehr wissenschaftlich daher, vieles überliest man als Nicht-Biologe oder Nicht-Philosoph einfach, was dazu führt, dass man das Gefühl hat, der Roman plätschert so dahin, manchmal poetischer, manchmal weniger, besonders dann, wenn Sexszenen unverblümt und schonungslos geschildert werden. Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem man wissen möchte, wie das Leben der beiden ungleichen gleichen Brüder weitergeht, dieser kam zumindest bei mir erst relativ spät im Roman, weshalb es anfangs doch nicht unbedingt eine Lust war, diesen in seiner Grundstimmung depressiven und negativen Roman zu lesen.

Was die Rezeptionsgeschichte betrifft: Momentan scheint es eher unverständlich, wieso ein Roman wie dieser aufgrund der Beschreibung von Sex-Szenen 1998 zu solch einem Aufruhr geführt haben soll. Was man allerdings nicht vergessen darf: auch das ist nun schon mehr als zehn Jahre her. Damals hatten Talkshows wie Arabella und Andreas Türk Hochkonjunktur, damals war man noch geschockt, wenn sich jemand als homosexuell geoutet hat oder mit 16 schwanger wurde. Aber: ist nicht genau der Umstand, dass heute niemanden mehr sowas juckt, ein Warnzeichen für den beginnenden Verfall unserer Gesellschaft? Ginge es nach Houellebecq, dann schon.

Dennoch: Die Menschen heiraten noch, es gibt sie noch, die guten, alten Freundschaften, Liebe, Mitgefühl, Altruismus und Einfühlungsvermögen. So schlimm kann es also noch nicht sein. Der Roman hat seine Daseinsberechtigung, weil er in gewissem Maße unterhält und zum Denken anregt, allerdings für mich sicher kein „Geniestreich“, wie er auf Amazon.de in Kundenrezensionen bezeichnet wird. Nur weil ein Buch berühmt ist, muss man es nicht gut finden. Allerdings sollte man es schon gelesen haben, wenn man aus echter Überzeugung darüber diskutieren möchte und beide Seiten dabei verstehen können will.
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: rororo; Auflage: 5 (1. August 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3499242559
ISBN-13: 978-3499242557

Samstag, 23. Oktober 2010

Der Fall des Lemming



Autor: Stefan Slupetzky
Original: Der Fall des Lemming (2004)
meine Bewertung: 2 von 5

Leopold Wallisch, von seinen Kollegen bei der Polizei auch „Lemming“ genannt, passiert eines Tages ein kleines Malheur, das mit viel nackter Haut und Alkohol zu tun hat. Aus diesem Grund wird ihm der Dienst bei der Wiener Polizei gekündigt, nicht ganz unschuldig an der ganzen Sache damals war sein unmittelbar Vorgesetzter, der Kotzbrocken Krotznig. Der Lemming hat sich nach einem neuen Brötchengeber umgesehen und ist nun bei einer Privatdetektei gelandet.

Sein aktueller Auftrag beginnt relativ harmlos, hat es aber in sich. Er soll den Lateinlehrer Grinzinger beschatten, es handelt sich um eine Liebesgeschichte, denkt Wallisch. Doch als er seinem Opfer auf den Kahlenberg folgt und ihn kurzzeitig aus den Augen verliert, wird klar, dass der Fall sogar richtig grauslich wird – wie die Wiener sagen.

Als der Lemming auf die Lichtung kommt und den Grinzinger das nächste Mal sieht, ist der nämlich tot. Und die Polizei bereits auf dem Weg, denn der Lateinlehrer hat sie selbst noch vor seinem grausamen Tod verständigt. Da der Lemming am Tatort gefunden wird, ist er der Hauptverdächtige. Ein seltsames Gefühl für ihn, schließlich kennt er die Menschen, die ihm seine Rechte erklären ganz gut: Krotznig gehört zu seinen Hauptanklägern. Als der Lemming jedoch aus dem Kreis der Verdächtigen scheidet, beginnt ein Wettrennen zwischen dem Lemming und Krotznig. Beide wollen den Mord aufklären und geben dafür alles.

Dem Lemming kommt ein riesengroßer, mit Kokain gefüllter Hund auf ungeahnte Art und Weise zu Hilfe. Die Ermittlungen führen in die Vergangenheit, in die aktive Zeit des Lateinlehrers und zu seinen ehemaligen Schülern, die alle nichts Gutes über ihn zu berichten haben – dafür sind die Mordmotive umso vielfältiger.

„Der Fall des Lemming“ ist der erste Band von mehreren Lemming-Fällen aus der Feder von Stefan Slupetzky. Er hat seinen Ermittler in Wien angesiedelt und schafft es tatsächlich, die Wiener Mentalität einzubauen, seine Figuren sind tatsächlich glaubhaft. Der Fall ist teilweise spannend und hat durchaus auch romantische Anklänge, insgesamt allerdings erinnert der Aufbau sehr stark an die Bücher von Wolf Haas – Slupetzky kommt jedoch weder in Spannung noch im Ausdruck an Haas heran. Zwar bemüht er sich, doch dessen Figurenkomplexität sowie die Wiener Stimmung bleiben bei Slupetzky eher oberflächlich – vom Humor Haas‘ ist er meilenweit entfernt.

An sich ist es ein netter Krimi, der sich jedoch nicht mit Haas messen kann – was nicht schlimm wäre, würde er es nicht so offensichtlich versuchen. Momentan muss ich die Serie nicht unbedingt fortsetzen, denn auch Komarek schreibt ähnlich und dabei aber auch viel besser. Vielleicht irgendwann mal wieder.
Taschenbuch: 256 Seiten
Verlag: rororo; Auflage: 9 (1. Juni 2005)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3499239787
ISBN-13: 978-3499239786

Dienstag, 19. Oktober 2010

Die Mörder-Maschen



Autorin: Agatha Christie
Original: Miss Marple's Last Cases (1953)
Übersetzung: Traudl Weiser (u.A.)
meine Bewertung: 3 von 5

„Mörder-Maschen“ versammelt acht kurze Krimis, die sich anfangs als ziemlich unlösbar darstellen, meist mit der tatkräftigen Unterstützung der rüstigen alten Dame Jane Marple doch noch gelöst werden. „Miss Marple erzählt eine Geschichte“, „Ein seltsamer Scherz“, „Die Stecknadel“, „Die Hausmeisterin“, „Die Perle“, „Die Uhr war Zeuge“, „Der Stein des Anstoßes“ und „Ein guter Freund“ sind die Geschichten, die aus dem eher schmalen Bändchen nach guter alter Krimimanier eine kurzweilige Lektüre für verregnete Nachmittage macht, auch wenn man die ein oder andere Geschichte als wahrer Christie-Fan schon kennt.
Broschiert: 152 Seiten
Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 1 (4. März 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3596182190
ISBN-13: 978-3596182190

Samstag, 2. Oktober 2010

Der Räuber Hotzenplotz



Autor: Otfried Preußler
Original: Der Räuber Hotzenplotz (1962)
meine Bewertung: 3 von 5

Der böse Räuber Hotzenplotz, der in seiner Räuberhöhle im Wald lebt, hat Großmutters neue Kaffeemühle gestohlen. Es handelt sich dabei um eine besondere Kaffeemühle, denn immer, wenn man sie benutzt, spielt sie eine schöne Melodie. Kasperl und Seppel haben der Großmutter dieses Gerät geschenkt, weshalb es für sie doppelt schlimm ist, als sie vom Diebstahl hören.

Mit einer List möchten die beiden den Räuber in seiner Höhle aufspüren. Sie füllen eine leere Kiste mit Sand, in die sie ein Loch bohren. Der Räuber stiehlt die Kiste und trägt sie in seinen Unterschlupf, der Sand, der aus der Kiste rieselt, ist die perfekte Spur für Kasperl und Seppel. Doch ganz so dumm ist der Räuber auch nicht. Er bemerkt von dem Schwindel und versucht, sich an Kasperl und Seppel zu rächen. Wird er am Ende siegen oder bekommt Großmutter ihre Kaffeemühle zurück?

„Der Räuber Hotzenplotz“ ist eine Räuber-und-Gendarm-Geschichte für Kinder, allerdings spielt in diesem Fall der Gendarm Dimpfelmoser eine eher untergeordnete Rolle, sein Part wird von Kasperl und Seppel übernommen. Die Geschichte macht Spaß, ist spannend und beschert den Kindern der Zielgruppe keine schlaflosen Nächte. Kasperl gehört als Hörkassette, Vorlesegeschichte, Buch oder Fernsehsendung einfach zumindest einmal in jedes Kinderzimmer.
Gebundene Ausgabe: 124 Seiten
Verlag: Thienemann Verlag; Auflage: 58., Aufl. (1. Januar 2005)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3522105907
ISBN-13: 978-3522105903