Mittwoch, 31. Mai 2006

Im Morgengrauen



Autor: Stephen King
Original: Short Story Collection (1985)
Übersetzung: Alexandra v. Reinhart
meine Bewertung: 3 von 5

Vier Kurzgeschichten hat Stephen King in dieser Sammlung vereint. In "Der Mann, der niemandem die Hand geben wollte" geht es um das seltsame Verhalten eines Mannes, der erst seit kurzem aus Bombay zurück in die Vereinigten Staaten gekehrt ist. Er möchte keinen Menschen berühren und ist immer sorgfältig darauf bedacht, dass auch ihn niemand berührt. Anfangs tun seine Bekannten dieses Verhalten noch als harmlose Marotte ab, doch dann stirbt ein räudiger Straßenköter keine Viertelstunde, nachdem ihm der Mann die Hand geschüttelt hat...

Diese Geschichte ist wirklich meisterhaft erzählt. Man hört direkt das Knacken des Feuers im Kamin des Herrenclubs, in dem sie zum ersten Mal erzählt wird. Schade, dass sie so kurz ist, denn aus dieser Idee hätte sich durchaus ein ganzer Roman machen lassen. Auch wenn die Grundstruktur ein bisschen an Stephen Kings "Thinner - Der Fluch" erinnert.

"Achtung - Tiger" ist die wohl schwächste Geschichte in dieser Sammlung. Es geht darin um einen kleinen Jungen, der auf der Toilette der Schule von einem Tiger gefressen wird. Warum der Tiger dort ist, ob er wirklich existiert und was in weiterer Folge geschieht, wird auf den rund 7 Seiten der Geschichte nicht beantwortet.

"Omi" ist die wahrscheinlich beste Kurzgeschichte in diesem Werk. Der kleine George ist alleine daheim, weil seine Mutter ins Krankenhaus musste, um dort seinen Bruder, der sich das Bein gebrochen hat, zu besuchen. Das heißt - ganz allein ist George nicht. Seine Oma liegt in ihrem Zimmer im Bett und schläft. Omi ist ein bisschen unheimlich. Sie ist so fett, dass sie sich nicht mehr auf ihren Beinen halten kann und kaum mehr aus dem Bett aufsteht. Außerdem murmelt sie ständig so seltsame Worte, die George an irgendetwas


(Hexe sie ist eine Hexe)


erinnern.

George fürchtet sich, doch dann geschieht etwas Unerwartetes. Omi stirbt. Zumindest denkt das der kleine George. Er fühlt keinen Puls, der Spiegel, den er Omi vor das Gesicht hält, beschlägt nicht und auch sonst schaut sie ziemlich tot aus. Doch Omi ist nicht wirklich tot und so erlebt George einen wahrgewordenen Alptraum.

Auch "Morgenlieferungen" liegt eine wunderbar-gruselige Idee zugrunde. Der Milchmann erledigt sein allmorgendliches Geschäft, doch was er liefert, sind nicht nur Milchprodukte, sondern auch der Tod...

"Der Nebel" ist die längste Geschichte der Sammlung. Es geht um einen Nebel der irgendwie seltsam ist. So glatt und hell und irgendwie gar nicht so, wie man sich Nebel vorstellt. Er kommt auf die Stadt zu und bringt einige seltsame Kreaturen mit sich. Dave und sein kleiner Sohn befinden sich mit rund 90 anderen Menschen in einem Supermarkt, als der Nebel schließlich auch seine Heimatstadt erreicht. Wird es den Menschen im Supermarkt gelingen, sich vor den schrecklichen Wesen in Sicherheit zu bringen?

Stephen Kings Sammlung von Kurzgeschichten ist natürlich (wie fast alles aus des Meisters Feder) lesenswert, auch wenn dieses Werk nicht unbedingt zu dem Besten zählt, was er je geschrieben hat. Doch für ein paar gemütlich-gruselige Stunden in einem gemütlichen Sessel reicht es allemal. Schade nur, dass King aus einigen der Geschichten keine ganzen Romane gemacht hat - denn das Potential dazu hätten zumindest drei oder vier der fünf Geschichten.


  • Broschiert: 281 Seiten
  • Verlag: Ullstein Tb; Auflage: 1 (Januar 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3548263763
  • ISBN-13: 978-3548263762
  • 1 Kommentar:

    1. sandymaus schreibt am 01.06.2006 um 08:56 Uhr:Das Buch hab ich auch, ist perfekt für einen Abend in der Wanne *g*

      \"Nebel\" ist eine meiner Lieblingsgeschichten von King. Man kann die Tentakel und die Vogelwesen fast bildlich vor sich sehen

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