Sonntag, 14. Oktober 2007

Ein Puppenheim

Autor: Henrik Ibsen
Original: Et Dukkehjem (1879)
meine Bewertung: 5 von 5
Eigentlich könnte man ja meinen, Nora Helmer hat alles, was sie sich wünscht. Sie hat eine schöne Wohnung, ein Kindermädchen, einen Dienstboten, drei wunderbare Kinder (um die sich das Kindermädchen kümmert) und einen Mann, der sie verehrt und auf Händen trägt. Doch etwas ist faul im Hause Helmer.

Noch bevor Torvald seine jetzige Stelle als gutverdienender Bankdirektor angetreten hat, riet ihm der Arzt zu einer Reise in den Süden. Weil aber nicht genügend Geld vorhanden war und Torvald zu stolz war, einen seiner Freunde um einen Kredit zu bitten, sah sich Nora gezwungen, das Geld ohne dem Wissen von Torvald aufzutreiben. Leider hat sich Nora das Geld ausgerechnet von Rechtsanwalt Krogstadt geborgt. Dieser steht nun, kurz vor Weihnachten vor der Tür der Helmers um mit Nora zu sprechen. Weil er nämlich dem Bankdirektor scheinbar nicht mehr zu Gesicht steht, will dieser ihn kündigen. Er bittet Nora, Torvald umzustimmen, da er sich andernfalls gezwungen sähe, Torvald vom Kredit an Nora zu erzählen.

Diese will unbedingt vermeiden, dass ihr Mann von dieser unehrenhaften Tat erfährt und versucht deshalb, Torvald umzustimmen. Leider gelingt ihr das nicht, hat sie doch vor kurzem erst für Frau Linde, ihre frühere Freundin in der Schule, vorgesprochen und ihr eine Anstellung verschafft. Allerdings ausgerechnet jene, die früher Krogstadt bekleidete. Als Krogstadt schließlich von seiner endgültigen Kündigung erfährt, schreibt er Torvald einen Brief, in dem er ihm erklärt, dass er Nora eine große Summe Geld geborgt hat, allerdings nur, weil jene die Unterschrift ihres Vaters gefälscht hatte. Für Nora ist dies der Alptraum. Sie fürchtet sich davor, was geschehen wird, wenn ihr Mann, der Parademann schlechthin, von dieser unehrenhaften Tat erfährt.

Und er erfährt schließlich auch davon. Es geschieht das Erwartete: Er will vor allem sich selbst davor schützen, dass diese Schmach öffentlich wird, er macht sich hauptsächlich Sorgen um sich selbst. Und in einem zweiten Schritt auch noch um seine drei Kinder. Er geht sogar so weit, Nora zu verbieten, sich um die Kinder zu kümmern. Um sie vor Schlechtigkeit zu bewahren, wie er meint. Nora jedoch fasst einen für sie ganz untypischen Entschluss. Sie beschließt, ihren Mann und ihre Kinder zu verlassen, um sich erst einmal auf die Suche nach ihr selbst zu begeben.

Das wohl bekannteste Theaterstück von Henrik Ibsen hat schon für viel Aufsehen und viel Kontroverse gesorgt. Nora lebt in einer Ehe, die so typisch für viele ist. Sie und ihr Mann leben nebeneinander her, beide spielen ihre Rollen perfekt. Torvald steht für „den“ Mann, er bevormundet Nora, sagt ihr, was sie zu denken und tun hat und behandelt sie wie seine Puppe. Doch an der Situation ist Nora nicht ganz unschuldig. Sie lässt sich bevormunden, weil sie sich nicht die Mühe macht, selbst zu denken. Sie spielt lieber das kapriziöse Dummchen und lässt sich von ihrem Mann auf Händen tragen.

Nach und nach wird klar, dass Torvald vor allem eines liebt: Den Mann, als den er sich geben kann, indem er vorgibt, Nora zu lieben. Oft wurde versucht, Ibsen anzuhängen, er würde sich für die Sache der Frauen einsetzen. Doch er selbst hat diese Ansicht mehrmals heftig bestritten. Mit den Worten „ Ich… muss aber die Ehre von mir weisen, bewusst für die Sache der Frau gewirkt zu haben […]. Für mich hat sie sich als eine Sache des Menschen dargestellt...“ (siehe Nachwort zu „Ein Puppenheim“, Insel Verlag S. 150) wies er den Gedanken entschieden von sich.

Widersprüchlich dazu ist, dass er sich sehr oft wohl bewusst doch für die „Sache der Frau“ eingesetzt hatte, zum Beispiel, als er sich dafür einsetzte, dass auch Frauen im Skandinavischen Verein, in dem er Mitglied war, zu den Generalversammlungen und Ämtern zugelassen wurden (womit er aber keinen Erfolg hatte). Ibsen selbst hat das Stück übrigens immer nur „Ein Puppenheim“ genannt. Der vermeintliche Titel „Nora“ stammt nicht von ihm, sondern vom Herausgeber des Taschenbuchs zum Stück.

Die Rezeption des Werkes hat sich von der Uraufführung 1879 bis heute drastisch geändert. Weil viele Theaterintendanten das Ende zu unbefriedigend empfanden, wurden zahlreiche „andere Schlüsse“ geschrieben und aufgeführt, doch eines ist geblieben: Damals wie heute möchte man beide Protagonisten am liebsten an den Schultern packen und kräftig durchschütteln. Man möchte ihnen zurufen, doch endlich vernünftig zu werden. Ein „sapere aude“ aus dem Publikum rufen. Doch es ist zwecklos. Nora geht, wohin werden wir nie erfahren. Als „aktuell“ könnte man das Stück auch in unserer Zeit noch nennen. Denn oft genug sind viele Ehescheidungen genau das, was Nora getan hat: eine Flucht vor der Realität, Verantwortung und der Aufgabe „miteinander“ zu leben.


  • Taschenbuch: 159 Seiten
  • Verlag: Insel, Frankfurt; Auflage: 11., Aufl. (Oktober 2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3458320237
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    1 Kommentar:

    1. rothi schreibt am 18.10.2007 um 01:30 Uhr:Jaja, die gute Nora. Das Drama war Teil meiner Zwischenprüfung in Theater- und Medienwissenschaft als Vertreter des Naturalismus. (Neben Strindbergs "Fräulein Julie").

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