Montag, 30. März 2009

Der Besuch der alten Dame



Autor: Friedrich Dürrenmatt
Original: Der Besuch der alten Dame (Neufassung 1980)
meine Bewertung: 5 von 5
Dem kleinen Örtchen Güllen geht es schlecht. Die Wirtschaft ist bankrott gegangen, die Menschen haben keine Arbeit – selbst die Züge halten jetzt nicht mehr in Güllen. Niemand kann sich so recht erklären, wie das passieren konnte, fix ist aber, dass alle darunter leiden. Doch Claire Zachanassian hat ihr Kommen angekündigt. Die geborene Güllnerin hat es zu erheblichem Vermögen gebracht, seit sie damals, als sie noch Klara Wäscher hieß, die Stadt verlassen hat, um in die Welt hinaus zu ziehen und ihre Ehemänner 1-6 zu heiraten und wieder zu verlassen.

Dem Nachbarort hat sie ein Krankenhaus geschenkt, heißt es. Ein Choral wird einstudiert, die Turngruppe übt eine Choreografie und der Bürgermeister schreibt beschwingte Reden. Man hält sich in den Vorbereitungen vor allem auch an Alfred Ill, dem Jungendfreund Claires, weil man sich von ihm erhebliche Unterstützung im Vorhaben, der Grand Dame Zachanassian Millionen für die Stadt abzuschwatzen, erhofft. Ill wird von den Güllnern zum beliebtesten Einwohner erklärt, der amtierende Bürgermeister erklärt Ill bereits zu seinem Nachfolger. Die Freude und Erwartung der Güllner sind groß, als die Zachanassian schließlich einen Schnellzug per Notbremsung in Güllen halten lässt und sie ihm mit einem seltsamen Gespann entsteigt.

Doch nicht nur Claires Gespann ist mehr als nur ungewöhnlich, sondern auch ihre Freigiebigkeit. Sie verspricht der Stadtkasse eine Milliarde und auf alle Bürger aufgeteilt noch einmal eine Milliarde. Die vermeintlich edle Spende an die Wiege ihrer Kindheit ist aber an eine ungehörige Bedingung geknüpft. Claire Zachanassian möchte Gerechtigkeit kaufen. Sie fordert die Bewohner Güllens dazu auf, Alfred Ill zu töten, der ihr großes Unrecht getan habe.

Anfangs stellen sich die Bürger hinter ihren beliebtesten Mitbürger. Niemand möchte Hand anlegen, doch alle möchten das Geld. Die Wirtschaft in Güllen floriert plötzlich wieder, die Menschen richten sich neu ein, nehmen sich Kredite auf und bringen sich selbst damit immer mehr unter Druck. Irgend jemand muss wohl den Mut aufbringen, Ill aus dem Weg zu räumen. Niemand möchte der Erste sein, dennoch machen sich alle mitschuldig an einer stillen Hetzjagd.

Ill spürt den zunehmenden Druck und verzweifelt. Selbst seine Frau und seine Kinder scheinen sich gegen ihn verschworen zu haben. Er spürt, dass sein letztes Stündchen bald geschlagen haben muss.

„Der Besuch der alten Dame“ ist ein komisches Theaterstück, das nicht nur durch die Dramatik der Handlung und Geschichte an sich, sondern auch durch den Humor Dürrenmatts zu einem lebendigen Gleichnis wird.

Wie Dürrenmatt im Nachwort selbst schreibt, geht es ihm nicht darum, sich zum Moralapostel der Gesellschaft zu erheben, sondern einfach nur einen Denkanstoß zu liefern. Er geht sogar so weit, sich zu fragen: „Was würde ich tun?“. Und genauso geht es auch dem Leser bzw. idealerweise Zuseher. Gerade weil ein unmoralisches Angebot der Kern der Geschichte ist und wahrscheinlich gerade weil Dürrenmatt keinen Moralitätsanspruch erhebt, ein umso nachdenklicheres Werk, in dem man für viele Zustände unserer Gesellschaft Parabeln entdeckt. Egal ob vom Autor beabsichtigt oder nicht.
Taschenbuch: 152 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag; Auflage: 15., Aufl. (1. Januar 1999)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3257230451
ISBN-13: 978-3257230451

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