Samstag, 14. Juni 2008

Oliver Twist



Autor: Charles Dickens
Original: Oliver Twist (1837)
meine Bewertung: 5 von 5

Eines Nachts kommt in einem Londoner Armenhaus ein kleiner Junge zur Welt. Noch kaum am Leben, muss er auch schon den Verlust seiner Mutter hinnehmen, deren Identität unbekannt ist. Oliver besitzt nichts, er ist darauf angewiesen, dass sich die Stadt um ihn kümmert. So verbringt er seine sehr unglücklichen Tage im Armenhaus. Als er schließlich alt genug ist, wird er einem Sargtischler verkauft, der ihn in die Lehre nimmt.

Natürlich geht es dem armen Jungen, der reinen Herzens ist, über den man aber dennoch immer wieder nur Schlechtes hört. Niemand möchte dem Jungen, der so ein ärmliches Äußeres hat, Gutes zutrauen. Oliver wird schlecht behandelt, irgendwann hält es sein kleines Herz nicht mehr aus und er flieht. Da er die Erwachsenen immer von London, der großen Stadt, reden hörte, beschließt er, nach London zu gehen.

Am Ende seiner Kräfte und in einem noch erbärmlicheren Zustand als zuvor erreicht er schließlich die Stadt. In London gerät er in den „Wirkungskreis“ von Fagin. Der Jude beschäftigt mehrere Jungens, die für ihn allerhand ehrlose Geschäfte erledigen. Vom Taschentuch-Diebstal über Spitzeleien und Einbrüche reichen deren Kompetenzen. Oliver soll ausgebildet werden und ebenfalls ins Geschäft einsteigen. Der herzensgute und blauäugige Junge ist froh ob der Gesellschaft Gleichaltriger und begleitet eines Tages zwei andere bei ihrer Arbeit.

Wies der Zufall so will, wird ausgerechnet der unschuldige Oliver ertappt und vor Gericht gestellt. Was anfangs wie das Ende aussieht, stellt sich zuletzt als ein großer Glücksfall für den kleinen Twist heraus. Der Bestohlene nämlich ist ein redlicher Mann, der ihn schließlich zu sich nimmt. Dort wird er endlich geliebt, gehegt und gepflegt und entdeckt eines Tages sogar ein mysteriöses Bildnis einer Frau, die ihm verblüffend ähnlich ist. Doch auch das Glück bei seinen Wohltätern ist nicht von Dauer. Schon bald gerät er wieder in den Einfluss von Fagins Leuten.

Dieses Mal soll er bei einem Einbruch helfen. Lange Zeit verwendet Fagin darauf, Oliver auf diese Aufgabe vorzubereiten, dann geht jedoch alles schief und der Junge wird angeschossen… Die Geschichte um den kleinen Oliver Twist ist eine wahrhaft traurige. Von einer Ecke in die andere gestoßen, scheint er doch immer wieder bei den falschen Menschen zu landen, dabei möchte er nichts anderes, als ein ehrliches Leben zu führen, nicht mehr Hunger leiden zu müssen und ein Dach über den Kopf zu haben. Man kann einfach nicht anders, als mit ihm mitzufühlen, zu hoffen und zu bangen.

Schnell findet man in die Geschichte hinein, man fühlt sich versetzt in das damalige London, riecht die stinkenden Gassen und sieht die armen Bettler. Man gönnt Oliver einfach ein Happy End. Empfehlenswert ist eine Übersetzung von Gustav Meyrink, von gekürzten Ausgaben sollte man möglichst absehen. Da ich auch eine gekürzte Version kenne, würde ich zu einer Gesamtausgabe mit Nachwort und Erläuterungen raten. Ansonsten geht einfach viel zu viel der Geschichte verloren. Auch wenn die Handlung etwas verästelt ist und teilweise auch Handlungsstränge nicht mehr fortgeführt werden, sind sie doch Teil einer spannenden Geschichte und sollten nicht außer Acht gelassen werden.

Meyrink hat es in seiner Übersetzung wunderbar verstanden, sprachlich die einzelnen „Schichten“ voneinander abzugrenzen. So spricht der Jude mit einem besonderen Dialekt, ebenso wie das einfache Volk und die doch eher wohlhabenden Leute. Auch Dickens Humor, der hin und wieder vortrefflich subtil eingesetzt wird, ist es Wert, die Langfassung zu lesen. Insgesamt eine sehr traurige, spannende, komplexe und doch auch humorvolle Geschichte, in die Dickens enorme Sozialkritik verpackt hat. Auch wenn gegen Ende die "Auflösung" doch sehr gewollt ist und die Geschichte sehr zwischen Gesellschaftssatire und Melodram schwankt: Sehr empfehlenswert, vor allem auch aufgrund der sprachlichen und atmosphärischen Dichte.
Broschiert: 479 Seiten
Verlag: Dtv;
Auflage: Mit den Illustrationen der Erstausgabe. (November 2007)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3423136162
ISBN-13: 978-3423136167

Kommentare:

  1. leo14 schreibt am 15.06.2008 um 15:59 Uhr:
    ein Klassiker ...
    und doch habe ich es nocht nicht geschafft, ihn zu lesen.
    Leider!!!

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  2. Danke, Du hast mich gerade daran erinnert, dass ich den auch demnächst mal lesen wollte.

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