Montag, 20. Juli 2009

Die Piefke-Saga



Autor: Felix Mitterer
Original: Die Piefke-Saga (1991)
meine Bewertung: 5 von 5

Schon jahrelang verbringt die deutsche Unternehmerfamilie Sattmann ihren Sommer- und Winterurlaub im beschaulichen Tiroler Lahnenberg. Die Familie, bestehend aus dem etwas despotischen Vater Karl Friedrich, seiner eher unterwürfigen Frau Elsa, der frühreifen Tochter Sabine, dem pubertären Sohn Gunnar und dem etwas schrulligen Opa Heinrich mit seiner Hündin Asta, gehört sozusagen zum Stamminventar während der Saisonen im Hotel der Familie Wechselberger.

Sie sitzen gerade vor dem Fernseher in ihrer Berliner Villa, als die Fuchsberger-Sendung „Die neun Geschworenen“ ausgestrahlt wird. Das brisante Thema: „Die Piefkes“. Der Moderator fragt seine österreichischen Studiogäste, was sie denn unter dem Begriff „Piefke“ verstehen. Die Antworten sind für die deutschen Zuseher ein Schlag ins Gesicht. Doch nicht nur im benachbarten Deutschland ist man schockiert, sondern auch in den Tourismusregionen Österreichs.

Diplomatisch setzt sich der Tourismusverband für eine Abwiegelung der Geschehnisse ein, schließlich bangt man um das sommerliche und winterliche Geschäft mit den zahlungskräftigen Nachbarn. Die Sattmanns lassen auch dazu hinreißen, wie jedes Jahr zurück nach Lahnenberg zu kommen. Schließlich haben Vater, Mutter, Opa und Hund ihr Herz an die wunderbare Landschaft verloren, Tochter und Sohn hingegen an die Einheimischen Joe und Anna. Doch schon dieser Sommer ist nicht mehr so idyllisch wie vor dem Skandal. „Ich reise ab!“ wird zum Standard-Satz Karl Friedrichs. Diesen ersten Teil bezeichnet Mitterer selbst sehr treffend als Satire.

Im zweiten Teil, von Mitterer als Komödie konzipiert, macht Familie Sattmann wieder Urlaub, dieses Mal ist es Winter. Es wird klar, dass unter dem Lack des auf die Touristen angewiesenen Lahnenberg nicht alles Glanz und Glorie ist. Die Sattmanns amüsieren sich, die Tiroler arbeiten und müssen schauen, wo sie bleiben.

Der dritte Teil, eine Tragikomödie, lässt schon erahnen, worauf der vierte Teil hinauslaufen könnte, dennoch kommt es dann doch noch schlimmer und absurder, als man gedacht hätte. Es wird schließlich klar, dass die Sattmanns, vor allem Karl Friedrich, eine unbändige Liebe zu Tirol Jahr für Jahr wieder kommen lässt. Er gibt sich der Illusion hin, eines Tages auch dazu gehören zu können, doch diese Illusion wird ihm geraubt. Letzten Endes muss er jedoch einsehen, dass er immer nur Gast sein wird.

Und die Tiroler? Die müssen letztlich ehrlich zugeben, dass sie ihre Urlauber einfach brauchen und auch alles dafür tun, dass sie immer wieder kommen. Sie verkaufen ihre Identität und erhalten die Oberfläche möglichst auf Hochglanz, während die Welt darunter verfault.

„Die Piefke-Saga“ war ursprünglich ein satirischer Dreiteiler und wurde 1990 als Gemeinschafts-produktion von ORF und NDR erstmals ausgestrahlt. Den Film kenne ich nicht, die Reaktionen darauf dürften durchwachsen gewesen sein. Das Buch hingegen ist genau so, wie man es von Mitterer erwartet. Es ist amüsant und treffend, Mitterer einfach ein toller Beobachter, der nicht nur seine österreichischen Landsleute bestens kennt, sondern auch die deutschen Urlaubsgäste mit viel Humor und Zuneigung beschreibt.

Das Buch ist eine liebevolle Abrechnung mit Gästen und Gastgebern, die nie gemein oder niveaulos wird. Alle Personen haben ihre sympathischen Seiten, alle Personen haben aber auch ihre Macken. Es ist eine amüsante Lektüre, die gerade in der Urlaubszeit den Blick wieder fürs Wesentliche schärfen sollte: Die Deutschen und die Österreicher haben einfach mehr gemeinsam, als sie zugeben möchten, mögen sich auch mehr, als man glaubt und brauchen sich sowieso!
Broschiert: 228 Seiten
Verlag: Haymon Verlag (1991)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3852180899
ISBN-13: 978-3852180892

Kommentare:

  1. Ah, die Filme sind Kult bei uns zu Hause! (Komme aus Innsbruck.) Man muss halt selbst auch mit Kritik umgehen können, aber wenn man das ganze dann mal objektiv betrachtet: Genauso gehts wirklich zu!

    Ich hab das Buch leider nicht gelesen, werde aber mal sehen, ob es sich irgendwo auftreiben lässt.

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  2. Ich muss mir jetzt endlich die Filme besorgen, soviele schwärmen davon! Und ein wenig 90er Jahre Feeling wäre sicher auch lustig =)
    Ich seh dasselbe ja in Wien, wenn sich die Fremdenführer ins Mozart-Barock-Rennaissance whatever Kostüm werfen und bei 40 Grad im Schatten mit Perücke herumlaufen...Da fragt man sich schon manchmal, was ungeschickter ist: Dieses aufgesetzte Getue oder dass es Leute gibt, die dafür noch ein Heidengeld zahlen!

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