Freitag, 11. Dezember 2009

Ich und die Anderen



Autor: Matt Ruff
Original: Set this House in Order (2003)
meine Bewertung: 5 von 5

Andy Gage hat ein Problem. Beziehungsweise mehrere dutzend. Er leidet an einer Multiplen Persönlichkeitsstörung, doch gemeinsam mit seiner Psychiaterin Dr. Grey hat er es geschafft, in seinem Kopf ein Haus zu bauen, in dem jeder Seele ihr eigener Platz zugewiesen ist. Abwechselnd dürfen die verschiedenen Seelen den Körper übernehmen und ein bisschen Zeit für sich in der „Realität“ beanspruchen, doch sie werden dabei immer von der Hauptseele Andy überwacht, der die Verantwortung für den Körper trägt, während sein Vater für das Haus der Seelen sorgt.

Dadurch hat sich Andys Leben entscheidend verbessert, er hat keine Blackouts mehr so wie früher, nur selten gerät er in Schwierigkeiten, aber immer muss er sehr aufmerksam sein und vor allem die wilderen Seelen scharf im Auge behalten. Natürlich erfordert dies einen straff geregelten Tagesablauf und Drogen und Alkohol sind tabu.

Andy hat Glück, denn er lernt eines Tages Julie Sivik kennen. Sie betreibt ein Softwareunternehmen namens „Reality Factory“ und findet, Andy sei ein idealer Berater für ihre Programmentwickler. Andys Leben scheint fast perfekt zu sein – sofern das halt mit verschiedenen Seelen, die natürlich alle unterschiedliche Bedürfnisse haben, möglich ist. Doch dann verliebt sich Andy blöderweise in seine Chefin und dank ihr konsumiert er wesentlich mehr Alkohol, als ihm lieb ist. Als in Julie abweist, gerät sein Leben ein wenig aus den Fugen, richtig schlimm ist es dann aber erst, als Julie Penny Driver einstellt.

Penny ist ebenfalls eine Multiple, allerdings hat sie sich das selbst noch nicht so richtig eingestanden. Julie möchte, dass Andy Penny hilft, ebenfalls ein Haus zu bauen und ihre unterschiedlichen Seelen zu vereinen, doch die Sache gestaltet sich viel schwieriger, als anfangs erwartet. Während Penny jedoch ihr Leben sehr, sehr langsam zu ordnen vermag, wird Andys Leben umso schneller wieder chaotisch.

Es beginnt eine Spurensuche, die Andy zurück zu dem Haus führt, in dem ihm in seiner Kindheit Schreckliches angetan wurde und das letztlich dazu geführt hat, dass sich Seelenteile von seiner Hauptseele abgespalten haben. Penny begleitet ihn durch die Odyssee und versucht mit ihren verschiedenen Seelen ihm so gut wie möglich zur Seite zu stehen.

„Ich und die Anderen“ ist das erste Buch, das ich von Matt Ruff gelesen habe, meine Meinung über das Buch ist also unabhängig von seinem bisherigen Werk, besonders oft wird in Kritiken nämlich betont, das Buch sei „total anders“. Anders vielleicht, aber auf keinen Fall schlecht. Anfangs hat man noch ein wenig seine Probleme damit, sich in eine zweifache Metaebene zu begeben – der Leser beobachtet Andy Gage, der aber seinerseits seine Seelen immer im Auge behält. Doch schon nach einigen Kapiteln hat man Andy ebenso ins Herz geschlossen wie seine „Mitbewohner“.

Es ist eine sehr ernsthafte Thematik, mit der sich Ruff beschäftigt, und natürlich kann ich nicht beurteilen, inwiefern seine Schilderungen dem tatsächlichen Leben eines Menschen mit einer Multiplen Persönlichkeitsstörung entspricht, aber ich kann sagen, dass durch die sympathischen Hauptdarsteller eindrücklich klar wurde, dass es sich nicht um eine „Verrücktheit“ handelt, sondern um eine ernstzunehmende Erkrankung, mit der die Betroffenen selbst Probleme haben, mit denen sie aber auch gut zurande kommen können. Die Multiple Persönlichkeitsstörung wird zum Thema, ohne die Betroffenen bloß zu stellen oder ins Lächerliche zu ziehen.

Durch den Umfang, die ernsthafte Thematik und die ungewöhnliche Perspektive ist das Buch zwar eher anstrengend in der Lektüre, durch eine gewisse Situationskomik und hintergründigen Humor wird es zwischenzeitlich aber doch immer wieder etwas aufgelockert. Angenehm ist auch, dass die Problematik der beiden Hauptfiguren, nämlich die Ursache ihrer seelischen Abspaltung, zwar erzählt wird, allerdings Details im Dunkel bleiben. Ich empfand das nicht als oberflächlich, wie andere Rezensenten oft bemängeln, sondern als respektvoll. Der Leser bekommt Einblick in das tiefste Innere der Protagonisten, nämlich ihre Seelen. Meines Empfindens nach ist es dann nicht notwendig, sensationsgierige oder voyeuristische Bedürfnisse des Lesers zu befriedigen. Ein Buch, das sicher nicht im Vorbeigehen gelesen werden kann (allein schon aufgrund des Umfangs), das aber dafür auch länger im Gedächtnis bleibt.
Taschenbuch: 720 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Mai 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3423208902
ISBN-13: 978-3423208901

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