Sonntag, 6. April 2008

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo



Autorin: Christiane F.
Original: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1978)
meine Bewertung: 5 von 5

Christiane ist gerade mal zwölf, als sie mit ihrer Familie aus einem kleinen, behüteten Dorf nach Berlin zieht. In ihrem Dorf waren die Kinder Freunde, es gab keine Gewalt und keine Rivalität. Gespielt wurde am Bach, in den Wäldern rund um das Dorf und auch mit Jüngeren. Doch Christianes Vater und ihre Mutter sind nach Berlin gezogen, um dort eine Heiratsvermittlungsagentur aufzumachen. Christiane und ihre um ein Jahr jüngere Schwester werden von Landkindern zu Stadtkindern.

Schnell merken sie, dass man nirgends wirklich spielen kann. Selbst der Spielplatz ist in ein Betonkorsett gezwängt. Alles was man als Kind in der Plattenbausiedlung tun kann, ist verboten. Es gibt praktisch kein Fleckchen Grün. Die Spiele der Kinder werden immer gewalttätiger und laufen darauf hinaus, dass sie entweder vor Hausmeistern, Wachmännern oder anderen Erwachsenen fliehen. Was Spaß macht, ist verboten.

Auch daheim setzt sich die Gewalt fort. Der Vater ist arbeitslos und versäuft das meiste Geld, das die Mutter als Sekretärin verdient. Christiane sieht sich mit einer Welt konfrontiert, mit der sie nichts anfangen kann. Das sensible Kind sucht nach Zusammenhalt, Freundschaft, Spaß und Frieden. Selbst in der Schule ist nichts von einer Art Gemeinschaft zu spüren. Eine Freundin findet sie dann doch: Kessi.

Kessi nimmt Christiane in den Jugendclub einer evangelischen Pfarre mit. Dort findet Christiane das, wonach sie gesucht hat – ausgelöst von Marihuana. Immer öfter raucht sie Joints, findet darin ihre Ruhe. Doch bei den Joints bleibt es nicht. Sie kommt auf alle möglichen Designerdrogen und macht schließlich Bekanntschaft mit Heroin. Innerhalb von zwei Jahren ist sie total am Ende. Mit vierzehn geht sie bereits anschaffen, um das Geld für ihre Sucht aufzubringen, einige ihrer Freunde sind bereits gestorben und sie hat mehrere fehlgeschlagene Entzüge hinter ihr.

Christianes Eltern merken lange nicht, was vor sich geht. Doch dann sind sie hilflos. Sie setze alles daran, Christiane von der Sucht wegzubekommen. Ihre Geduld und Liebe wird sehr oft auf die Probe gestellt. Schließlich sieht Christianes Mutter nur noch einen Ausweg. Sie schickt Christiane zu ihren Verwandten nach Westdeutschland. Heroin ist jedoch auch dort nicht mehr unbekannt.

Bereits in den 80er Jahren, als das Buch herauskam, sorgte es für Aufsehen, Mitleid, Betroffenheit und Fassungslosigkeit. Es handelt sich um die Verschriftlichung langer Tonbandaufnahmen von Interviews der beiden Stern-Reporter Kai Hermann und Horst Rieck mit der damals 15-jährigen Christiane. Detailliert schildert sie ihre Gedanken und ihr Leben, man lernt das verzweifelte Kind so gut kennen, dass man nach Beendigung des Buches Suchmaschinen durchforstet, um Hinweise darauf zu finden, wie es Christiane jetzt, mehr als 20 Jahre danach, geht.

Bei uns in der Schule zählte es nicht zur Pflichtlektüre, was ich für ein großes Versäumnis halte. Es ist ein abschreckender Tatsachenbericht, obwohl man die Beweggründe Christianes sehr gut verstehen kann. Es zeigt, wie hart der Weg aus einer Sucht sein kann, wie schrecklich alles ist, was damit zusammenhängt. Es ist ein berührendes, erschreckendes Buch, das auf jeden Fall zur allgemeinen Pflichtlektüre in der Schule zählen sollte.
Taschenbuch: 333 Seiten
Verlag: Stern-Verlag; Auflage: 36. Aufl. (1993)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3570023915
ISBN-13: 978-3570023914

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