Die Stadt der träumenden Bücher
Autor: Walter Moers
Original: Die Stadt der träumenden Bücher (2004)
meine Bewertung: 5 von 5
Der junge Lindwurm
Hildegunst von Mythenmetz hat - wie jeder Bewohner der Lindwurmfeste,
die Hochburg der Dichtung - einen Dichtpaten. Sein Pate ist Danzelot von
Silbendrechsler, ein zamonischer Dichter, der sein Leben vor allem dem
Blumenkohl gewidmet hat. Dieser Dichtpate gibt nun sein Bestes, um dem
jungen Lindwurm alles beizubringen, was er über Dichtung weiß. Schon im
zarten Alter von 77 Jahren allerdings muss Hildegunst einen schweren
Schicksalsschlag hinnehmen. Sein verehrter Dichtpate stirbt in seinem
Beisein - natürlich nicht, ohne ihm eine weitere wichtige Lektion in
Dramaturgie zu erteilen. Auf dem Totenbett nämlich teilt ihm Danzelot
mit, was sein Leben verändert hat.
Eines Tages hat ihm
ein junger Dichter ein Manuskript zur Beurteilung gebracht. Danzelot hat
den Text gelesen und daraufhin beschlossen, die Dichtkunst an den Nagel
zu hängen. Das Manuskript des Jünglings war nämlich so unbeschreiblich
gut, dass Danzelot sicher war, niemals an diese Perfektion heranreichen
zu können. Danzelot hat daraufhin das getan, was wohl jeder in seiner
Situation getan hätte: Er schickte den jungen Dichter nach Buchhaim,
eine Stadt, die nur aus Dichtern, Literaten, Antiquariaten,
Bibliotheken, Verlagen, Rezensenten, Kritikern, Lesungen, Lebenden
Zeitungen und allem, was mit Büchern zu tun hat, besteht. Seit dem aber
hat Danzelot nichts mehr vom Verfasser des Manuskripts gehört. Im
Sterben liegend verrät er seinem Dichtpatenkind Hildegunst, wo er das
Manuskript versteckt hat.
Nach dem traurigen
Tod Danzelots macht sich Hildegunst daran, das Manuskript zu suchen. Als
er es findet, ist auch er von dem Stoff schier überwältigt. Perfekt,
das ist das wohl passende Wort für dieses Manuskript. Beim Lesen
durchlebt er eine solche Vielfalt von Gefühlen, dass er beschließt, den
Verfasser des Manuskripts zu suchen. Hildegunst begibt sich also auf den
Weg in die Stadt der Bücher - nach Buchhaim. Der Lindwurm ist von der
Stadt hingerissen. Neben allen möglichen zamonischen Daseinsformen gibt
es da noch Lebende Bücher, Gefährliche Bücher, Träumende Bücher, Lebende
Zeitungen... alles dreht sich in dieser Stadt um das gedruckte Wort.
Zuerst genießt Hildegunst die vielen Eindrücke, die auf ihn einströmen,
dann trifft er allerdings eines Tages auf den Literaturagenten
Phistomefel Smeik. Er hofft, der gebildete und sympathische Mann kann
ihm dabei helfen, den Verfasser des Manuskripts zu finden, deshalb zeigt
er ihm den Text. Smeik geht es beim Lesen nicht anders, als zuvor schon
Hildegunst. Doch in Buchhaim ist nicht alles so, wie es zu sein
scheint. Ist Smeik etwa gar nicht der, der er vorgibt zu sein? Wer ist
der Schattenkönig? Sind die Buchlinge so gefährlich wie ihr Ruf? Für
Hildegunst beginnt eine abenteuerliche Reise unter Buchhaim, in die
weitverzweigten und von gefährlichen Lebewesen bevölkerten Katakomben,
aus denen es keinen Ausweg zu geben scheint. Außerdem nähert sich der
Schattenkönig immer mehr...
Die Werke von Walter
Moers leben unter anderem von einer Art Überraschungs-effekt. Nicht
alles ist wirklich so, wie es scheint. Deshalb soll an dieser Stelle von
der Handlung der Geschichte nicht viel mehr verraten werden. Sicher ist
jedoch, dass Moers auch hier wieder einen wunderbaren
Abenteuer-Fantasy-Roman geschrieben hat, der von unzähligen teuflisch
bösen und herzensguten zamonischen Daseinsformen bevölkert wird. Auch in
diesem Werk, das den ersten Teil der Biografie des großen Dichters
Hildegunst von Mythenmetz darstellt, wurde nicht an Illustrationen
gespart. Auch die von anderen Werken bekannten verschiedenen Typografien
kommen hier wieder zum Einsatz - allerdings weit sparsamer als etwa in
"Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär" oder "Rumo".
Mittlerweile ist
wahrscheinlich weithin bekannt, dass Moers es liebt, in seinen Romanen
Anagramme einzubauen. In "Die Stadt der träumenden Bücher" kommen
beispielsweise Edgar Allen Poe (Perla la Gadeon), Rainer Maria Rilke
(Alia Aria Ekmirrner), Oscar Wilde (Orca de Wils) und sogar Walter Moers
selbst (Werma Tosler) vor. Man kann das Buch also in doppelter Hinsicht
nutzen: lesen, mitfiebern und genießen, aber auch Anagramme suchen.
Rund 20 bis 30 Literaten werden es schon sein, die man so entdecken
kann.
Doch nicht nur
Literaten, sondern auch Stellen aus Filmen werden geschickt in die
Handlung eingebaut. So gibt es eine Menge "Filmzitate", wenn man so
will. Beispielsweise verbrennt der Schattenkönig, sobald er der Sonne
ausgesetzt wird. Eine Eigenschaft, die einen an Vampire bzw. Graf
Dracula erinnert (allerdings nicht an das Original von Bram Stoker, denn
da hatte Dracula diese Eigenschaft nicht. Erst in der Verfilmung von
Murnau ["Nosferatu"] wird Vampiren diese Lichtempfindlichkeit
nachgesagt).
Natürlich liest man
ein Buch nicht vorranging, um auf solche Details zu achten. Doch wenn
man das Werk durch hat, lohnt es sich, einen zweiten Gedanken darauf zu
verwenden. Der einfach gestrickte Leser kann sich mit dieser ersten
Funktion begnügen, Filmfans und Literaturbewanderte haben aber
sicherlich ihren Spaß daran, diese Anspielungen sowie die
Literaten-Namen zu entdecken. Man merkt, dass Moers ein intelligenter
(oder zumindest belesener) Mensch sein muss - eine Eigenschaft, die man
ihm durch den niveaulosen Comic-Film "Das kleine Arschloch" gar nicht
zutrauen würde.
Vielleicht ist man
anfangs ein wenig genervt, dass der eigentliche Handlungsstrang so
langsam an Tempo gewinnt und einige Zeit überhaupt nicht weitergeführt
wird, allerdings gibt sich dieser Eindruck ab der Stelle, an der
Hildegunst das Trompaunen-Konzert verlässt. Zu kritisieren gibt es
meiner bescheidenen Meinung nach am Ende nichts mehr - naja, vielleicht
kommt das Ende etwas abrupt, jedoch tut dies dem Lesegenuss nicht
wirklich einen Abbruch. Vielleicht schadet es nicht, zuerst andere Werke
der Zamonien-Bücher zu lesen, um ein bisschen mit dieser Welt vertraut
zu sein. Dieses Buch bildet eine Rückblende auf das Leben von
Mythenmetz, der in den anderen Büchern ("Ensel und Krete", "Rumo und die Wunder im Dunklen" und "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär") schon mehrmals vorkommt.
moribund schreibt am 23.10.2006 um 20:44 Uhr:ich liebe das buch ^^ der schriftsteller ist einfach klasse <<<3
AntwortenLöschenleo14 schreibt am 24.10.2006 um 18:56 Uhr:ich bewundere dich, dass du viel zeit, muße und energie hast, sooooo viel zu lesen - gerne würde ich das auch tun --> aber der alltag lässt mir einfach nicht die zeit dazu
AntwortenLöschenbeste grüße
leo14